Der Film "Contradict" ist ein sehenswertes Chaos (Foto: zVg).

100 Geschichten ohne Ende

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Der Dokumentarfilm «Contradict» der Schweizer Regisseure Peter Guyer und Thomas Burkhalter über ghanaische Musiker ist ebenso chaotisch wie sehenswert.

«Contradict- Ideen für eine bessere Welt», steht auf dem Filmplakat. «Wieso heisst dieser Film so wie er heisst?», wird der Regisseur Peter Guyer zu Beginn der Vorpremiere im Riffraff gefragt. Er will die Frage erst nach dem Film beantworten. Vielleicht will er nicht spoilern, vielleicht hat er sich das noch nie überlegt und muss noch ein wenig nachdenken. Vielleicht geht er davon aus, dass der Film die Frage beantwortet.

Aber «Contradict» von den Schweizer Filmemachern Guyer und Thomas Burkhalter beantwortet eigentlich keine Fragen. Eher hat man danach neue. Zum Beispiel: Worum genau ging es da in den letzten eineinhalb Stunden eigentlich? Ein Bisschen um Religion. Ein Bisschen um Gender. Ein Bisschen um Kolonialismus. Alles kommt vor, über nichts weiss man nach dem Film substanziell mehr als davor. Der Film beginnt, 100 Geschichten zu erzählen und erzählt doch keine davon zu Ende. Er führt am Anfang die Regisseure als Fragensteller von notabene sehr tiefgründigen Fragen ein um danach nie mehr darauf zurückzukommen. Er endet mit dem Gedicht einer dem Zuschauer bis dahin wahrscheinlich unbekannten Poetin. Der Film ist Chaos. Ohne wirklichen Fokus. Ohne echten roten Faden. Und er ist trotzdem keine Sekunde langweilig.

Geniale Musiker

Das liegt zu einem grossen Teil an den zwei Männern, die noch am nächsten dran sind, der Fokus zu sein: Wanlov (gesprochen one love) und Mensa hätten die 90 Minuten Film garantiert im Alleingang füllen können. Die beiden bilden das ghanaische Rap-Duo FOKN Boys und eventuell sind sie Genies: In allem, was man von ihnen im Film sieht, sind sie bestechend. Sie sind kreativ, sie sind lustig, sie sind klug, in ihrer Musik ebenso wie in den Gesprächen. Und sie bewegen sich mühelos vor der Kamera.

Das gilt durchs Band auch für die übrigen fünf jungen ghanaischen Musiker*innen, die die zwei Regisseure in Erscheinung treten lassen und man fragt sich, ob die Regisseure Glück hatten, ob sie gut ausgewählt haben, oder ob es in Ghana einfach eine hohe Dichte an hochbegabten Musiker*innen gibt.

Chaos als Konzept

Zwischen den Sequenzen mit den Musiker*innen werden die Zuschauer*innen berieselt von Schnipseln aus Interviews mit allen möglichen Leuten, Szenen aus dem Alltag in Ghanas Hauptstadt Accra und wichtig: Aufnahmen aus der Kirche. Und da gibt es Spannungen zwischen den verschiedenen Schnipseln, irgendwie passt das alles nicht so ganz zusammen und man ahnt, der Titel könnte etwas damit zu tun haben.

Zudem bekommt man diverse Musikclips zu sehen. Die mit zum Besten gehören, was der Film an Bildern zu bieten hat, weil diese ghanaischen Musiker ja eben offenbar alles können. Die Clips sind mit dem Equipment der Schweizer Crew aber ohne deren Zutun entstanden: Keine Anleitung, keine Vorgaben. Vielleicht funktioniert der Film deshalb so gut, weil die Planlosigkeit kein Mangel, sondern sein Konzept ist.

Planlos macht süchtig

Der Untertitel ist trotzdem irreführend. Der Film vermittelt mehr ein Lebensgefühl, als konkrete Ideen, er ist mehr Kaleidoskop eines Landes im Wandel, als eine stringente Erzählung. Es ist ein ausnehmend sehenswertes Kaleidoskop, das irgendwie süchtig macht und ruhig länger hätte geraten dürfen.

Peter Guyer hat dann übrigens am Ende der Vorpremiere noch eine Antwort auf die Frage nach dem Grund für den Titel gegeben. Seine Antwort war aber ebenso wirr wie der Film und deshalb für die Schreibende nicht wiedergebbar.

«Contradict» läuft derzeit in Deutschschweizer Kinos.

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