Weiterbildungskonferenz für Jurist*innen: eine Referentin im Lake Side Zürich (Bild: zVg).

700 Franken pro Person und Tag

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Die Konferenzen des mit Uni und ETH assoziierten Europa Instituts sind bei Frau Dr. iur. und Herr MLaw beliebt. Ein Besuch.

Das Europa Institut (EIZ) wurde 1992 aus privater Initiative als Kompetenzzentrum für Schweiz-Europa-Beziehungen ins Leben gerufen. Im selben Jahr lehnten die Schweizer Stimmberechtigten hauchdünn einen Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum ab. «Damals wollte die Zürcher Regierung kein Geld für Europa ausgeben», erklärt Andreas Kellerhals, Direktor des EIZ.

Seit Beginn ist das Institut offiziell mit der Universität Zürich assoziiert, seit 2019 auch mit der ETH. Kellerhals ist stolz auf die enge Zusammenarbeit mit dem Rektorat sowie den Dekanen der Rechts- und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Das EIZ erstellt zum Beispiel Gutachten für Privatfirmen, den Bundesrat und für die EU-Kommission zum Verhältnis Schweiz-EU. Ausserdem unterhält es eine Buchreihe beim Schulthess Verlag mit mehr als 200 Veröffentlichungen und eine auf Europarecht spezialisierte Zeitschrift.

Seminare für Jurist*innen

Das EIZ ist allerdings kein Universitätsinstitut, sondern wird von einem privatwirtschaftlichen Verein getragen. «Wir sind fast wie ein Geschäft. Wir sind zu hundert Prozent selbst finanziert und bekommen auch keine Subventionen», sagt Kellerhals. Heute ist das EIZ einer der führenden Anbieter von Weiterbildungsseminaren für Jurist*innen in der Schweiz. Das ist gleichzeitig auch die Haupteinnahmequelle des Instituts. Pro Jahr werden über 50 halb- oder ganztägige Seminare für Anwält*innen und Jurist*innen angeboten. Die Teilnahmegebühren liegen bei bis zu 700 Franken pro Person und Tag.

Um mir einen genaueren Eindruck zu verschaffen, besuche ich eines dieser ganztägigen Seminare: die 22. Zürcher Mergers & Acquisitions Konferenz im Lake Side am Zürichsee, direkt neben dem Chinagarten. Die Veranstaltung findet jedes Jahr statt und behandelt Fragen zu Zusammenschlüssen oder Käufen von privaten Firmen. Als Studentin gehöre ich definitiv nicht zum Zielpublikum, aber weil es angeblich vergünstigte Tarife für Studierende gibt, melde ich mich trotzdem an. Als eine 140-Franken-Rechnung in meinem Posteingang landet, werde ich doch stutzig. Per Mail wird mir freundlich erklärt, das sei ein Unkostenbeitrag, um die Seminarunterlagen und die Verpflegung während der Tagung zu decken. Ob die Seminarmappe vergoldet ist?

Männeranteil überwiegt

Beim Durchsehen des Programms kann ich mir das Zielpublikum der Konferenz bildlich vorstellen. Frau Dr. iur. und Herr MLaw sind hier zu Gast. Wobei die Herren bei Weitem überwiegen. Bei ungefähr 150 Teilnehmenden machen die Frauen kaum mehr als einen Zehntel aus. Vor der Konferenz hole ich Anzughose und Bluse aus dem Schrank. Ich will mich nicht auf den ersten Blick als stereotypische Studentin der Geisteswissenschaften zu erkennen geben. Doch meine Tarnung fliegt auf: Ich trage eine zartrosa Bluse und steche damit schon hervor. Es dominieren dunkle Farbtöne: schwarz, schwarz, weiss, schwarz, weiss, dunkelgrau, schwarz, schwarz. Und eine Studentin in Rosa. Auf den Präsentationen der Vortragenden und auf den Sperrbildschirmen der persönlichen Laptops prangen die Firmenlogos von Anwaltskanzleien aus der Zürcher Innenstadt.

Als Studentin gehöre ich definitiv nicht zum Zielpublikum.

Sue Osterwald arbeitet im Eventbereich des EIZ und ist verantwortlich für die gesamte Organisation: Von der Terminplanung mit dem Tagungsleiter des Seminars über die Buchung der Veranstaltungslokalität und die Verteilung des Tagungsprogramms bis zur Betreuung der Tagungsgäste vor Ort. Sie erzählt mir, dass die Veranstaltungsstätten nach ihrer Nähe zum Zentrum ausgewählt werden, damit Teilnehmende im Notfall schnell wieder in ihren Büros sind. Das klingt für mich ein wenig, als würden die Klient*innen der Kanzleien mit klaffenden Wunden am Operationstisch verbluten. Und tatsächlich ist Osterwald selber eine Art Notärztin für Juristinnen: «Einmal hatte eine Teilnehmerin eine Laufmasche in der Strumpfhose. Für solche Zwecke habe ich immer durchsichtigen Nagellack dabei», sagt sie lächelnd.

Juristische Grauzonen salonfähig machen

Nach dem ersten Vortrag wendet sich der Tagungsleiter an den Vortragenden: «Jetzt kennen wir alle deine Kniffe und Tricks.» Ist also das Ausloten von Grauzonen nicht nur gängige juristische Praxis, sondern wird es auch in Weiterbildungen gelehrt? Ein anderer Vortragender, der einen neuen Ansatz zur Auszahlung von Aktionär*innen vorgestellt hat, gibt zu: «Ich sage nicht, dass das gut oder absolut legal ist, ich sage nur, dass das oft so gemacht wird.» Darüber zu urteilen, will  ich mir als Nichtjuristin nicht anmassen. Aber die Beobachtung hierüber bringt mich durchaus zum Schmunzeln.

Kellerhals betont, dass das Institut die Einnahmen braucht, die es aus seinen unterschiedlichen Tätigkeiten wie Publikationen, Seminaren und Gutachten erwirbt, um jene Dinge zu veranstalten, «für die sonst keiner Geld aufwirft». Das Institut sei allerdings nicht gewinnorientiert. Mit den Einnahmen werden beispielsweise öffentliche Vorträge in der Aula im Hauptgebäude der Universität Zürich organisiert. Zu diesen Veranstaltungen werden Personen aus Aussenministerien, verschiedene Ministerpräsident*innen oder Staatspräsident*innen eingeladen, um einen Vortrag zu halten und anschliessend Fragen aus dem Publikum entgegenzunehmen. Auf der Website sind die nächsten Vorträge einzeln aufgelistet. Auch hier sind Rednerinnen kaum vertreten. Der nächste Gast ist Michel Friedman, ein deutsch-französischer Jurist, Philosoph, Publizist und Fernsehmoderator. Er wird am 24. September über das Thema «Populismus, Nationalismus & Rassismus – Gefahren für Europa» sprechen. 

Offene Türen für Studis

Für Studierende sind die öffentlichen Vorträge zu aktuellen politischen Themen kostenlos. Sie können ausserdem für einen Beitrag von 20 Franken im Jahr Mitglied des Vereins werden und erhalten im Gegenzug Informationen über die Tätigkeiten des Europa Instituts und vergünstigte Eintritte zu Seminaren. Im Vorstand des EIZ sitzen 35 Personen, davon sind 30 Männer und fast alle haben einen Doktortitel vor ihrem Namen. Viele sind an der Universität Zürich beschäftigt, darunter auch Prorektor Christian Schwarzenegger und Rektor Michael Hengartner. Knapp zehn Vorstandsmitglieder sind in privaten Anwaltskanzleien tätig. Der gesamte Verein zählt derzeit knapp über 450 aktive Mitglieder.

Studierende haben keinen Platz im Vorstand. Die Türe zum Büro des EIZ am Hirschengraben 56 im Zentrum Zürichs stehe aber für interessierte Studis immer offen, sagt EIZ-Direktor Kellerhals. Dort habe es oft einen Platz zum Arbeiten und eine frei zugängliche Bibliothek mit allen relevanten Büchern zu Fragen um Europa und Europarecht. Zudem werden Praktika für Studierende oder angehende Jurist*innen angeboten.

Der Einladung werde auch ich als Nichtjuristin gerne nachkommen und das Europa Institut besuchen. Und ich werde Rosa tragen.

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