Die britisch-indische Autorin las am Samstag anlässlich des Jubiläums im Literaturhaus aus ihrem Essay «Gastfreundschaft».

20 Jahre Literaturhaus: Die Heimat der Bücher feiert

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Das Literaturhaus am Limmatquai widmet sich seit 20 Jahren dem geschriebenen Wort. Dieses Wochenende feiert es sein Jubiläum mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Literaturhäuser sind ein Bücherzuhause, beherbergen grosse Poetinnen, Autoren, Literatinnen und aufstrebende Schreiberlinge, sie begrüssen Gäste, um über Sprache, Wörter, Ideen zu sinnieren. «Literaturhäuser öffnen den Menschen die Welt», sagt Isabelle Vonlanthen, Programmleiterin des Literaturhauses Zürich. Ebendieses setzt sich schon seit 20 Jahren für die Förderung des geschriebenen Wortes ein. Deshalb wird dieses Wochenende mit einer Reihe von Veranstaltungen Jubiläum gefeiert.

Gottfried Keller, Ricarda Huch, Lenin und James Joyce. Viel Prominenz der Literaturszene sass schon im Lesesaal der Museumsgesellschaft am Limmatquai 62. Sie lasen Zeitung (heute liegen rund 300 Zeitschriften und 100 Zeitungen auf) oder schrieben ihre berühmten Werke an einem der Tische mit Blick auf die Limmat. Doch das Haus, in das seit 1834 Bücherbegeisterte ein- und ausgehen, hat mehr zu bieten als ein blosses Namedropping.

Innovatives ist gefragt

Ende der 1980er Jahre entstanden in allen grösseren Metropolen Deutschlands, von Berlin ausgehend, Literaturhäuser. Sie galten als Treffpunkt für Schreibende und Lesende, aber auch als Möglichkeit Literatur allen zugänglich zu machen, insbesondere durch Lesungen. «Lesungen gehen über das private Leseerlebnis hinaus, man fasst spontan Gedanken, setzt sich intensiv mit einer Autorin oder einem Autor, einem Text, einer Idee auseinander», sagt Vonlanthen. Dadurch würde sich das eigene Weltbild vergrössern. Gedachte Klischees, Stereotypen und Unterschiede könnten so durch das Kennenlernen fremder Kulturen, vermittelt durch Sprache, überwunden werden.

Auch in Zürich sollte sich 1999 ein solches Haus etablieren. Die Residenz der Museumsgesellschaft bot sich an: Ein Haus, das schon seit 1834 bestand und Menschen anzog, das mitten in der Stadt zwei Lesesäle und eine Bibliothek führte. «Eine ideale Kombination», sagt Vonlanthen. Heute habe das Interesse an Lesungen keineswegs abgenommen. Je länger je mehr würden die Veranstaltungen besucht. Klassische Lesungen seien hingegen nicht mehr gefragt. «40 Minuten, ein Glas Wasser, ein Stuhl und ein Autor, der vorliest», das entspreche nicht mehr den Erwartungen der Zuhörerschaft. Die Lesungen hätten Eventcharakter bekommen, seien performativer, vielfältiger. Aber auch schnelllebiger. Neues und Innovatives sei gefragt.

Regional, aber auch international

Das Literaturhaus ist von der Stadt subventioniert und bietet deshalb neben der Auseinandersetzung mit der «klassischen» Literatur eine Nische für neue Herangehensweisen. Ein entscheidender Vorteil sei es auch deshalb, weil das Literaturhaus so auch eine Plattform für unbekannte, wenig etablierte Autoren bieten könne und den Saal nicht mit grossen Namen allein oder Verlosungen von Tickets füllen müsse, sagt Vonlanthen.

Diversität ist dem Literaturhaus ein Anliegen. Auf dem monatlichen Programm stehen deshalb neben deutschsprachiger Literatur auch Schreibende aus Osteuropa, Afrika und aus dem angelsächsischen Raum. Im letzten Februar fanden erstmals die «Tage indischer Literatur» statt, ein Highlight für Vonlanthen. Abgesehen von der geografischen, sprachlichen und kulturellen Vielfalt, wird insbesondere auch auf die Förderung von Schriftstellerinnen acht gegeben.

Vergangenes und Zukünftiges

Das Jubiläum sei als «Tag der offenen Tür» angelegt. Unter dem Motto «Was war, was ist, was kommt», wird mit bewährten Formaten, wie dem «Teppich», bei dem Autorinnen und Autoren unveröffentlichte Texte vorstellen und diese mit anderen Schreibenden und dem Publikum diskutieren oder der Reihe «Literatur und Musik» in Zusammenarbeit mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, auf die vergangenen 20 Jahre zurückgeblickt. Gleichzeitig ist aber auch Neues dabei: Die Gedichte-Jukebox lässt Schauspielende Gedichte vorlesen und in der «Living Library» kann man statt Bücher Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus für Gespräche ausleihen. So verbindet das Jubiläum, was das Literaturhaus seit 20 Jahren tut: Beständigkeit und Neuerung werden ausbalanciert. In Zusammenarbeit mit anderen kulturellen Institutionen entsteht Poesie.

An der ersten Lesung am Samstag des Jubiläums sprach die britisch-indische Schriftstellerin Priya Basil über die bedingungslose Gastfreundschaft. «Gast sein bedeutet auch immer, etwas zurückzugeben», meint Basil. Bedingungslos ist die Gastfreundschaft des Literaturhauses. Der Austausch von Ideen zwischen Schreibenden und Publikum ist gegenseitig, die Begegnungen auf Augenhöhe. Es zelebriert das «Geben und Nehmen» für das Basil in ihrem Essay «Gastfreundschaft» so nachdrücklich plädiert.

Wie soll Literatur in Zukunft vermittelt werden? Eine Frage, die das Literaturhaus derzeit beschäftigt und auch immer wieder herausfordern wird. An Ideen fehlt es jedoch nicht. Den Auftakt des Jubiläums machte denn auch ein spezielles Ereignis: Vergangene Woche wurde am Theaterspektakel aus einem Zirkuswagen gelesen. Das Literaturhaus kroch für einmal selbst aus seinem Schneckenhaus am Limmatquai. «Man trug es in die Welt hinaus», erzählt Isabelle Vonlanthen. Das wird es hoffentlich noch lange tun für die Werke der Poeten und Schriftstellerinnen des Landes und derjenigen ausserhalb unserer geografischen Grenzen, und damit die Menschen ein Stück näher zusammenrücken.

Das Programm des Jubiläums läuft noch bis Sonntagabend im Literaturhaus Zürich, am Limmatquai 62. Der Eintritt ist frei für alle Veranstaltungen

 

 

 

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