Schüler und Schülerinnen der Kanti Enge performen gegen den Spardruck (Bild: Reto Heimann)

Bildung im Regen

in Campus von

Die Zürcher Mittelschulen luden ein zum «Tag der Bildung». Die ZS ist dem Ruf gefolgt und hat zwei Kantonsschulen besucht. Ein Erfahrungsbericht, ein Bildungsbericht.

 Über wenig herrscht in der Allgemeinheit eine grössere Übereinkunft als über die Wichtigkeit der Bildung. Mit markigen Aussprüchen wird diese geadelt und zum Heiligtum der Politik erkoren. Sie ist dann abwechslungsweise «der Grundpfeiler unseres Erfolges», «die wichtigste Ressource unseres Landes» und Ähnliches mehr. Bildung ist erbaulich im wörtlichen Sinn.

Doch genau die Sicherung dieser Bildung ist nun in Gefahr, zumindest wenn man den Vertretern der Zürcher Bildungsinstitutionen Glauben schenkt. Hintergrund sind die Sparbemühungen des Kantons, welche in Zukunft die Einsparung von 49 Millionen Franken jährlich vorsehen. Einsparungen, die den Betroffenen sauer aufstossen, weshalb sie kurzerhand den «Tag der Bildung» einberiefen. Am 13. Januar ruhte daher an vielen Mittelschulen der Stadt Zürich der Normalunterricht und wich einem Sonderprogramm, in welchem spielerisch auf die Wichtigkeit einer von Spardruck unabhängigen Bildung hingewiesen werden sollte.

Neun Uhr dreissig. Deutschstunde an der Kantonsschule Enge. Für einmal stehen alle Lektionen für Interessierte offen. Das Zimmer füllt sich nur langsam und erst wenige Sekunden vor Beginn des Unterrichts erscheint der letzte Schüler und lässt sich in der letzten Reihe nieder. Was sofort auffällt: Die Klasse, eine Maturklasse, ist klein oder anders formuliert: von drei Bankreihen füllt sie nur knapp deren zwei. Sie seien früher mehr gewesen, erklärt eine Schülerin, doch bis ins Maturjahr geschafft hätten es eben bloss jene fünfzehn, die nun dasitzen und über Epochenbegriffe der Literatur brüten. Der Vorteil einer solchen Kleinklasse liegt auf der Hand: Die Lehrerin hat viel mehr Spielraum, auf die Klasse einzugehen. «Assoziiert frei, ihr braucht nicht aufzustrecken», fordert sie etwa und man wagt sich nicht vorzustellen, welch Durcheinander dies in einer grösseren Klasse auslösen würde. So aber bleibt die Atmosphäre entspannt, man ist fast versucht zu sagen: familiär.

 

Blutleeres Podium

Als wenig fruchtbar erweisen sich die anschliessenden Podiumsdiskussionen, bei denen die Schülerinnen und Schüler zusammen mit geladenen Kantonsräten über die geplanten Sparmassnahmen diskutieren sollen. Niemand wagt sich auf die Äste, auch auf mehrmaliges Nachhaken sind den Politikern keine konkreten Äusserungen abzugewinnen, wo sie denn im Schulwesen Einsparpotenzial sehen würden. Während sich die linke Seite resolut gegen die Sparmassnahmen ausspricht, mahnen die Bürgerlichen bloss davor, sich diesen a priori verschliessen zu wollen, ohne allerdings weiter ausführen zu wollen, was dies nun konkret zu bedeuten habe. Und da die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler zu wünschen übrig lässt, wird man das Gefühl nicht mehr los, dass die einzigen an der Diskussion genuin interessierten die Lehrpersonen und Bildungsbeauftragten selbst sind.

Einzige Ausnahme bildet die Sozialdemokratin Renate Büchi-Wild, die leidenschaftlich gegen den Sparkurs kämpft und sich richtig in Rage redet, wofür sie von ihrem Kontrahenten Martin Arnold von der SVP prompt als «Marktschreierin» abgekanzelt wird. Es sollte in der ansonsten blutleeren Diskussion rund um überflüssige Freifächer, Klassengrössen oder Lehrerlöhne der einzige Aufreger bleiben.

Der Verdacht, dass die Maturierenden kein sonderlich grosses Eigeninteresse zeigt, erhärtet sich in der Mittagspause. Sie habe die Diskussion zwar spannend gefunden, meint eine Schülerin und angehende Maturandin. Das Podium habe ihr aber vor allem gezeigt, dass alles weit weniger schlimm sei als befürchtet. Es wolle schliesslich niemand wirklich rigoros sparen, habe sie das Gefühl. Und eine Kollegin fügt an, dass sie selbst kein Problem damit hätte, wenn gewisse Freifächer wegfielen, solange der Normalunterricht in gleicher Qualität erhalten bliebe.
Es zeigt sich hier, wie fatal die Wirkung von falschen Beschwichtigungen ist, wie sie in der Diskussion an der Kanti Enge zuhauf gemacht wurden: Sie betten die Schülerschaft und somit die Direktbetroffenen in falsche Sicherheit.

 

Schlimmer als gedacht

Doch die Situation bietet keinerlei Grund zur Sicherheit. Dieser Meinung ist auch Michel Bourquin, Prorektor an der Kantonsschule Wiedikon. Er hält fest, dass seine Schule selbst bei einer Streichung des gesamten fakultativen Unterrichts – das heisst Freifächer, Arbeitsgemeinschaften und Schulsportkurse – noch nicht genug gespart hätte, um den vom Kanton gesetzten Richtlinien nachkommen zu können. Zusätzlich wäre die Schule gezwungen, auch den gesamten Halbklassenunterricht abzuschaffen. «Eine enorme Einbusse an Unterrichtsqualität und Schulkultur», so Bourquin.
An der Kantonsschule Wiedikon läuft am «Tag der Bildung» verhältnismässig wenig: Ein paar Plakate sind aufgehängt und die Maturitätsarbeitspräsentationen sind öffentlich. Da und dort sind Flyer angebracht, die auf die freilich bereits abgesagte Kundgebung am Abend hinweisen. Ansonsten deutet wenig auf den Anlass hin.
Dies habe seinen Grund, erläutert Bourquin. Es seien halt just heute die Maturarbeitspräsentationen, in welche die fünften und sechsten Klassen eingebunden sind, und der damit verbundene Spezialstundenplan erschwere es, noch weitere Sonderveranstaltungen durchzuführen.

So sind es also die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Enge, die weiterhin den Kampf gegen die Sparmassnahmen orchestrieren. Auf das Mittagessen folgt ein Flashmob auf dem Pausenplatz; die wackeren Teilnehmer bewegen sich mehr oder minder synchron zu einem aggressiven Industrial-Beat, während es vom Himmel her Schneeregen schüttet. Ausdruckstanz, Formenbildung: Bildung im Regen. Vielleicht ungeplant das stärkste Bild des ganzen Tages.

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