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    Der Einfluss der Bibel auf Bob Dylans Lieder ist in all seinen Schaffensperioden wahrzunehmen, zeigt Hans-Ludwig Seim. (Illustration: Berkant Dumlu)

Bob Dylan und die Bibel

von

Selina Hangartner

Hans-Ludwig Seim ist Bob-Dylan-Fan. In seiner Dissertation untersucht der Pfarrer den Einfluss der Bibel auf dessen Musik.

Sex, Drugs and Rock’n’Roll an der Theologischen Fakultät. Das hört sich reichlich ungewöhnlich an. Doch schon seit den 1990er Jahren interessieren sich Theologen vermehrt für die Popkultur und untersuchen den Einfluss der Bibel auf die Musik. Auch Hans-Ludwig Seim sieht sich als Teil dieser Forschungsströmung, die von der reinen internen Analyse abkommt und sich auch ausserhalb der Bibel nach Referenzen auf die Heilige Schrift umschaut.

Moderne Bibelrezeption

Seim, heute 56 Jahre alt, stiess bereits in seiner Jugend auf Dylans Musik. Während all der Jahre, in denen er in Deutschland evangelische Theologie studiert und dann in der Schweiz als Pfarrer gearbeitet hat, hat ihn der  Künstler nicht mehr losgelassen. Dass die Bibel in Dylans Werk die wichtigste Bezugsquelle ist, beeindruckte Seim und inspirierte ihn zu seiner Dissertation «Der Umgang mit der Bibel in den Songs von Bob Dylan».
Religion war schon immer ein zentrales Thema in Dylans Leben. Der Künstler wurde 1941 als Robert Zimmermann in Duluth, Minnesota, in eine jüdische Mittelklassefamilie geboren. Nach einem «Erweckungserlebnis», wie es Dylan heute nennt, konvertierte er in den späten Siebzigern zum Christentum. Obwohl die Religion in Dylans Texten eine wichtige Rolle spielte, wurde der Einfluss der Bibel auf den Rockmusiker jenseits des angelsächsischen Raumes kaum erforscht. «Generell hat die deutschsprachige Theologie die biblisch-theologisch oft gehaltvollen Songtexte von Bob Dylan kaum zur Kenntnis genommen», sagt Seim. Mit seiner Arbeit soll diese Lücke endlich gefüllt werden.

Religiöse Anspielungen

Hans-Ludwig Seim untersucht die Bibel-Bezüge in Dylans Songtexten, um sich anschlies-send an deren Deutung zu wagen. Dabei unterscheidet er zwischen Systemreferenzen, die sich auf die Heilige Schrift als Gesamtwerk beziehen, und Einzeltextreferenzen.

Dylans religiöse Zeilen sind meistens indirekte Anspielungen, deren Deutung grosse Spielräume zulässt. Auf Bibelbezüge stösst man bereits in den Songs der frühen Sechziger, als der Musiker noch in kleinen Clubs in New York spielte. In «Highway 61 Revisited», der 1965 erschien und einen Rang in den «500 Greatest Songs of All Time» des Rolling Stone Magazine belegt, singt Dylan mit seiner berühmten nasal krächzenden Stimme:

Oh God said to Abraham «Kill me a son»
Abe says «Man, you must be puttin’ me on» […]
Well Abe says, «Where you want this killin’ done?»
God says «Out on Highway 61»

Das alttestamentliche Szenario – Gott befiehlt Abraham, ihm zu Ehren seinen Sohn Isaak zu opfern – findet hier seine Auflösung in der Moderne. Auf dem Highway 61, der Dylans Geburtsort im nördlichen Minnesota mit den Südstaaten verbindet und schwermütigen Blues-Musikern schon oft als Metapher dienen durfte, soll Abe seinen Sohn opfern. Der Künstler zeigt eine amerikanisierte Version der Geschichte, vorgetragen in einem lässig-zynischen
Sechzigerjahre-Jargon.

Schöpfung und Untergang

Trotz unzähligen Bibel-Referenzen ist Dylans Musik kein Klatsch-in-die-Hände-Folk, an den man beim Stichwort «Christian-Rock» denken mag. Seine Texte sind die eines modernen Songpoeten, der religiöse Botschaften auch in heutige Zeiten zu übersetzen vermag. Seim betont, dass Dylans Bezüge zur Bibel im Einzelnen sehr unterschiedlich gestaltet sind. Manchmal sind sie hoffnungsvoll und optimistisch, oft auch düster und schwermütig.
In «Death is not the End», ein Song, der eigentlich schon 1983 auf der Infidels-Platte hätte erscheinen sollte und seinen Weg dann erst mit der 1988er LP Down in the Groove in die Verkaufsregale fand, bringt der amerikanische Lyriker das Motiv der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod in seinen Songtext ein:

When the cities are on fire
With the burnin’ flesh of men
Just remember that death is not the end

Neben Referenzen aus dem alten Testament zeigt sich in Dylans Schaffen je länger je mehr auch eine vehemente Faszination für Jesus. Sind es in «Long Ago, Far Away» erst implizite Andeutungen, spielt Jesus in «Masters of War» von 1962, also noch Jahre vor Bob Dylans Bekehrung zum Christentum, eine
bedeutendere Rolle:

Though I’m younger than you
Even Jesus would never
Forgive what you do

In der politisch brisanten Phase, als die amerikanischen Truppen bereits in Vietnam einmarschiert waren, schrieb Bob Dylan eine Antikriegs-Hymne. In diesem Lied verwebte er geschickt die christliche Auffassung von Jesus als Autorität in seinem Songtext.

Neue Musik, neue Bibel-Referenzen

Seit über 60 Jahren macht Bob Dylan nun Musik und wird kein bisschen müde. Eben ist sein neuestes Album, The Tempest (der Sturm), erschienen.
Wie Dylans grosse Fangemeinde hat sich auch Hans-Ludwig Seim auf die neue Scheibe gefreut – für ihn bedeutet das frisches Futter für seine mittlerweile zehnjährige Forschung.

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