Kritisiert Bologna: Jus-Professor Alain Griffel. (Bild: Marco Rosasco)

Bürokratieteufel Bologna

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Für Professor Alain Griffel ist klar: Das Liz war weniger Aufwand für gleiche Resultate.

«Bologna-Studierende müssen einen immensen Stoffumfang bewältigen.» Diese klaren Worte äussert Alain Griffel, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Uni Zürich. «Nicht wenige zerbrechen beinahe unter dieser Last.» Trotzdem seien Bologna-Studis verglichen mit den Liz-Absolvierenden im Schnitt etwa gleich gut. «Nur der Preis dafür ist im neuen System um ein Vielfaches höher.»
Das Liz-System war gut, weil es den Studierenden Zeit für Verständnis und Vertiefung gab, so Griffel. «Juristisches Denken zu lernen und Kernprobleme zu verstehen, braucht Zeit und ganz andere Methoden als das Auswendiglernen für Massenprüfungen.» Es sei daher ein Trugschluss, zu glauben, dass sich Fächer wie Jus, die bei vielen als blosse «Berufsausbildung» gelten, besser in das neue, ökonomisierte Bildungssystem integrieren liessen.

 

Mehr Bürokratie

Die vielen Bologna-Module schaffen zudem einen bürokratischen Aufwand, unter dem die Lehrstühle und das Dekanat ächzen, so Griffel. «Als ich vor 25 Jahren hier Assistent war, arbeiteten im Dekanat nur drei Personen. Heute hat sich der Bestand etwa verzehnfacht.» Die Verwaltung der ECTS-Punkte – «das Sinnloseste am neuen System» – und die Administration von fast 16’000 Prüfungen jährlich, haben das Institut zu einem riesigen bürokratischen Apparat aufgeblasen.
Bei Prüfungen, die von 600 oder 1000 Studierenden geschrieben werden, sei es zudem schwer zu garantieren, dass diese zu aussagekräftigen Resultaten führen. «In Verwaltungsrecht legten im Liz jeweils etwa 50 bis 150 Studierende eine schriftliche Prüfung ab», sagt Griffel. «Man konnte auch Aspekte wie Aufbau und Argumentation bewerten. Wenn das wegfällt, dient dies nur denen, die alles auswendig lernen.» Doch eine «Auswendiglernmaschine» und ein guter Jurist oder eine gute Juristin seien nicht das Gleiche.

 

Unglücklicherweise zufrieden

Doch das Liz-System ist am Rechtswissenschaftlichen Institut längst Vergangenheit. «Und unerklärlicherweise scheinen die meisten Studierenden damit zufrieden zu sein», erklärt Griffel. Im Herbstsemester 2011 waren die letzten regulären mündlichen Prüfungen. Bei der Einführung von Bologna sei er noch hoffnungsvoll gewesen, dass eine Grundsatzdiskussion über Studiumsbedingungen in Gang komme. Doch nicht nur das System, auch der Geist der Alma Mater habe sich verändert, meint Griffel.

 

Punktefieber

Mit den ECTS-Punkten hat man Zeit und Wissen eine Währung gegeben, in der nicht nur die Studierenden rechnen. «Auch die Professoren sind längst vom Punktefieber befallen», kritisiert Griffel. «Etliche Professoren glauben heute, eine Lehrveranstaltung mit wenig Punkten oder ohne „richtigen“ Leistungsnachweis sei nichts wert.» Dabei sei seine beste Veranstaltung im Liz ein freiwilliges vorlesungsbegleitendes Kolloquium gewesen.
Trotzdem hat der Professor nicht nur gute Erinnerungen an das alte System. Prokrastination, das älteste Studi-Problem, war auch eine Schwäche des Lizenziats. Weil es keine Fristen gab, wurden viele dazu verleitet, ihre Studiumszeit mit Nebenjobs zu verbringen, sagt Griffel. Auch das ist mit Bologna heute kaum mehr möglich.

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