Tsunami-Opfer Henry (Ewan McGregor) mit seinen Söhnen (Bild: TMDB.pro).

Das grosse Mitleiden

von

Gianluca Sonanini

«The Impossible» zeigt den Kampf einer Touristenfamilie an der Küste Thailands nach den Verwüstungen der Tsunami. Regisseur Antonio Bayona verlangt allerdings nicht nur von den Protagonisten viel Leidensfähigkeit.

 

Auch ohne hinsehen zu müssen, beschert das Geräusch der heranrollenden Riesenwelle dem Zuschauer eine Gänsehaut. Nachdem er so unmittelbar in das katastrophale Ereignis des zweiten Weihnachtstages 2004 eingetaucht ist, muss er nach dem Auftauchen auch nicht lange warten, bis ihm der zerschundene Körper der Protagonistin vorgehalten wird. Zusammen mit Lucas, ihrem ältesten Sohn, erblicken wir mit schreckgeweiteten Augen den zerfetzten Oberschenkel von Mutter Maria (Naomi Watts).

Die Wassermassen haben die beiden ergriffen und weit vom Hotelresort in Khao Lak weg getragen, wo sich der Vater (Ewan McGregor) mit den zwei jüngeren Söhnen wiederfindet. Während die Mutter fortan um ihr Leben kämpft, steht Lucas nicht nur ihr bei, sondern hilft auch anderen westlichen Familien im überfüllten Krankenhaus, ihre Angehörigen zu finden. Ebenso wenig weiss auch er vom Verbleib von Vater und Brüdern.

Auch sie haben sich auf die verzweifelte und immer hoffnungslosere Suche gemacht. Der spanische Regisseur Bayona treibt von da an das mehrmalige Um-Haaresbreite-Verpassen auf die Spitze, bis zum emotionalen Kollaps des Vaters. Bayona, der bisher mit dem mitreissenden Horrorstreifen «El orfanato» auf sich aufmerksam gemacht hat, inszeniert hier ein pathetisches Rührstück. Denn nach dem effektvollen Start wird das Ende für den Zuschauer schon bald absehbar. Was ihm bleibt, ist das lange Mitleiden.

 

Eigentlich kein Happy End

Der Plot beruht auf den Erlebnissen einer spanischen Familie, wie sie die Mutter Maria Álvarez Bélon drei Jahre nach der Katastrophe im Radio erzählte. Die Inszenierung mit einer englischen Film-Familie eröffnete schlicht die Möglichkeit einer international zugfähigeren Besetzung, die immerhin auch eindrücklich aufspielt.

Wie Regisseur Bayona an der Vorpremiere des Zurich Film Festival erzählte, wollten sich seine Landsleute, die echte Familie, auch nie im Vordergrund sehen. Sie hätten noch immer Schuldgefühle und können ihr Überleben bei den etwa 230’000 Toten nicht als Happy End empfinden. Maria habe auch darauf beharrt, dass es nicht nur ihre Story sei. Sie hätten nichts besser gemacht, nur Glück gehabt.

Doch gerade vor diesem Hintergrund und dem eigentlich löblichen Umstand, dass auch an Originalschauplätzen gedreht wurde, kann man Bayona den Vorwurf machen, dass der Film nur sehr exemplarisch den Werdegang einer Touristenfamilie dokumentiert. Und dies erst noch aus einer sehr westlichen Perspektive, in der die Einheimischen nur kurzfristig in der Helferrolle aber kaum als Opfer in Erscheinung treten.

Das für die Katastrophe wenig repräsentative Thrillerdrama ist dank der effektvollen und überwältigenden Inszenierung immerhin ein intensives Filmerlebnis – je nachdem, wie lange man sich von der Verzweiflung der Protagonisten mitreissen lässt.

 

Regie: Juan Antonio Bayona

Laufzeit: 107 Min

Erscheinungsdatum: 2012 (Ab 28. Februar in den Deutschschweizer Kinos)

Mit: Naomi Watts, Ewan McGregor, Geraldine Chaplin, Tom Holland

Für wen: Alle, die nahe am Wasser gebaut sind und eine hohe (Mit-)Leidensfähigkeit aufbringen.

 

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