Der Tausendsassa Bernhard im Oberdorf mit einer Ausgabe seiner Vision. (Bild: Patrice Siegrist)

Der umtriebige Bernhard im Oberdorf

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Polito-Student, SVP-Gemeinderat, Herausgeber einer Hochschulzeitung. Wer ist dieser Mann, der überall aneckt?

Bernhard im Oberdorf trägt einen wuchtigen Siegelring an seiner rechten Hand. Stolz erklärt er, dass die weisse Lilie auf blauem Grund sein Familienwappen sei. Im Oberdorf ist nicht irgendeine Familie. Dem Walliser Geschlecht aus Reckingen wurde vor langer Zeit vom Erzbischof der Kirchenbann ausgesprochen. Die Familie eckte an. «Es ist eine Familientradition, dass man sich für Offenheit und Liberalität in der Gesellschaft einsetzt», sagt Bernhard im Oberdorf und verweist auf den Grundsatz «noblesse oblige», der ihn den Ring mit Stolz tragen lässt.

Die Entstehung der Vision

Bernhard im Oberdorf lässt sich den Mund nicht verbieten. Er redet gerne und viel. Und er sagt, was er denkt. Man wird den Eindruck nicht los, dass ihm das Anecken gefällt.
Bereits zu Beginn seines Studiums war er keiner der Studierenden, die still in der Vorlesung sassen und sich nicht am Unileben beteiligten. Das war irgendwann in den siebziger Jahren. Wann genau, möchte Bernhard im Oberdorf nicht sagen. Das Datum könnte einen Hinweis auf sein Alter geben, und dieses ist eines seiner gut gehüteten Geheimnisse.
Es war also in den siebziger Jahren, als Bernhard im Oberdorf sein Wirtschaftsstudium an der Uni Zürich begann. Wegen seiner Initialen bekam er den Spitznamen «BiO» verpasst. So nennen ihn auch heute noch alle. Damals war die Uni ein politischer Schmelztiegel. Der Studierendenrat (StuRa) wurde von einer linken Mehrheit dominiert. Natürlich gehörte BiO zu den bürgerlich-konservativen Gruppen. Im damaligen StuRa waren sie als der «Studentenring» vertreten. BiO war schon früh ein eifriges Mitglied. Bereits im zweiten Semester schloss er sich ihnen an.
Daneben packte ihn die Schreibwut, und schnell wurde er zum Chefredaktor der konservativ geprägten Schweizerischen Studierendenzeitung – nicht ohne auch dieser seine eigene Note aufzudrücken. «Dort herrschte ein katholischer Konservatismus, stark von Rom geprägt», sagt er. Zunächst ging alles glatt. Doch schon bald eckte er auch da an. In seinem Artikel «Anmassendes Sektierertum» beschrieb BiO die Gefahren, die blinder Gehorsam gegenüber religiösen Führern mit sich bringt.
Der Verlag war «not amused», wie BiO stolz erzählt und stellte ihm ein Ultimatum: Sollte er die Publikation durchziehen, würde er mit sofortiger Wirkung freigestellt. BiO war nie der Typ, der sich beugt. Er veröffentlichte den Artikel und wurde entlassen. Die übrige Redaktion hielt zu ihrem Chef und so gründete BiO eine neue, liberale Zeitung. Sie war der Vorläufer der «Vision». Diese besteht heute noch und der Chefredaktor ist derselbe geblieben.

«Neue Denkansätze»

Doch BiO ist längst nicht mehr nur an der Uni aktiv. Und so versteht sich die Vision nicht als reine Studierendenzeitung. Es gebe auch ausseruniversitäre Abonnenten in vierstelliger Anzahl, beteuert BiO.
«Die Vision soll eigentlich dazu dienen, neue Denkansätze aus der Hochschule heraus in die Gesellschaft zu tragen», erklärt er weiter. In der Vision finden sich Beiträge über naturbezogene Urvölker, Biografien obskurer Persönlichkeiten und Essays über den Sinn und Unsinn unserer Form von Demokratie. Das Ganze wirkt etwas wirr.

Tanz auf vielen Hochzeiten

Man könnte vermuten, dass hier eine Hochschulzeitung als Propagandablatt missbraucht wird, denn BiO sitzt auch im Gemeinderat der Stadt Zürich und politisiert für die SVP.
Bernhard im Oberdorf wehrt sich vehement gegen solche Unterstellungen: «Die Zeitung ist mit Abonnements, Gönnern und Inseraten selbsttragend», beteuert er. Die niedrigste Abogebühr beträgt gerade mal zwei Franken.
BiO lässt sich dabei von niemandem sagen, was und vor allem wie er etwas veröffentlichen darf. Über Jahre hinweg berichtete er über die jährlich im Sommer stattfindenden Veranstaltungen der «European Democratic Students», einer internationalen Studentenorganisation mit bürgerlichem Anstrich.
 Dann wurde ein ungarischer Politiker der nationalkonservativen Fidesz-Partei neuer Chairman. «Dem passte es nicht, dass er mich und meine Zeitung nicht unter Kontrolle hatte», erzählt BiO. Ähnlich wie heute in Ungarn begannen Zensurbestrebungen, und so endete BiOs wohlwollende Berichterstattung vor zwei Jahren aus eigenem Willen.
Neben der Vision schreibt Bernhard im Oberdorf Kolumnen in verschiedenen Zeitungen wie dem Tagblatt der Stadt Zürich und betätigt sich auch im Luftfahrt-, Film- und Reisejournalismus – alles seine Steckenpferde. Doch BiO war nie nur Journalist. Das wäre ihm zu wenig. Er stürmt in seiner Freizeit für den FC Gemeinderat und ist seit letztem Semester sogar wieder im StuRa. Seine Partei, die «Liberale Studentenschaft Zürich», setzt sich für die «Erhaltung der akademischen Freiheit in Forschung, Lehre und Studium» ein und besteht aus ihm als Einzelperson.
BiO war ursprünglich bei der FDP, aber «in der Woche des Swissair-Groundings» wechselte er zur SVP. Sie sei damals die einzige Partei gewesen, die sich konsequent gegen einen EU-Beitritt wehrte.

Überall dabei und stets authentisch

BiO tanzt auf vielen verschiedenen Hochzeiten und so spricht er auch. Im Gespräch wechselt er schnell die Schauplätze. Es scheint, als wolle er an allen Orten, an denen er wirken kann, gleichzeitig sein. Und überall, wo er ist, scheint er anzuecken.
Auch in der SVP, die wegen ihrer scheinbar einseitigen Diskussionskultur zunehmend unter Druck steht. Da passt ein Mensch wie BiO, der sich stets lautstark gegen alles wehrt, was ihm nicht passt, nicht so richtig ins Bild.
Kürzlich kommentierte BiO in seiner Tagblattkolumne nicht eben wohlwollend die Taten der Parteispitze im Fall Hildebrand. Da gabs im Gemeinderat ein paar böse Worte von Mauro Tuena, aber darüber spricht BiO ungern.
 Viel lieber äussert er sich über seine Hochschulideale. «Ich wehre mich dagegen, dass die Uni zur reinen Kaderschmiede verkommt. In den letzten dreissig Jahren hat sich ein starker Wandel vom Idealismus weg hin zum Materialismus vollzogen», stellt er fest.

Laut und doch verschwiegen

So laut BiO für seine Ideale einsteht, so leise ist er, wenn es um seine Person geht. BiO möchte nicht, dass in einer Zeitung steht, ob er eine Frau hat. Und schon gar nicht möchte er sein Alter preisgeben. «Das Alter auf dem Papier ist doch meistens irreführend», sagt er und verabschiedet sich auch schon wieder.
Mit seinem seinem Ford Thunderbird braust er in Richtung Osten. Nach Kärnten. Vielleicht. Sicher aber nach Österreich. Genaueres will Bernhard im Oberdorf nämlich nicht verraten.

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