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    Alfred Gilgen (*1930) war 24 Jahre lang Zürcher Re­gierungsrat für den LdU. Als Erziehungsdirektor galt er als Feindbild der Achtziger­bewegung. 1980 verbot er die Videoaufnahmen vom Opernhauskrawall, die dann später im Film «Züri brännt» verwendet wurden. (Bilder: Anna Dettwiler)
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    René Baumann studierte während der Achtziger­unruhen an der Universität Zürich Soziologie. Er hat jedoch nie abgeschlossen, da er lieber Filme machen wollte.Damals gehörte er dem Kollektiv «Videoladen» an, welches den Kultfilm «Züri brännt» (1981) produzierte. Den «Videoladen» gibt es noch heute – Baumann arbeitet als Kameramann und Produzent dort.
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    Heinz Nigg arbeitete während der Achtzigerunruhen als Forscher am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich. Für ein wissenschaftliches Projekt filmte er die Szenen des Opernhaus­krawalls. Diese Aufnahmen wurden verboten und Niggs Lehrauftrag wurde nicht verlängert. Seine Aufnahmen wurden dann im Film «Züri brännt» verwendet. Heute arbeitet Nigg als freischaffender Ethnologe in Zürich.

«Die Bewegung war gewaltig»

in Campus von

Nina Kunz und Michael Kuratli

Heinz Nigg filmte den Opernhauskrawall, René Baumann machte daraus «Züri brännt», Alfred Gilgen war ihr Feindbild. Ein Gespräch 35 Jahre danach.

Herr Baumann, hätte es die Achtzigerbewegung ohne den Film «Züri brännt» gegeben? 

Baumann: Ja, hätte es. Der Film erschien ja erst 1981. Aber «Züri brännt» und die Bewegung haben sich gegenseitig beeinflusst. Die Aufnahmen haben dabei als Katalysator gewirkt. Eigentlich wollten wir gar keinen Film daraus machen, sondern nur die Ereignisse auf der Strasse dokumentieren.

 

Warum?

Baumann: Wir fanden, unsere Wünsche und Forderungen wurden im Schweizer Fernsehen nicht dargestellt. Mit den Videoaufnahmen wollten wir eine Gegenöffentlichkeit schaffen, welche den Jugendlichen eine Stimme gibt. Erst als wir aber hunderte von Stunden an Material hatten, kam die Idee, daraus einen Film zu produzieren. 

 

Für den Film wurden die Aufnahmen des Opernhauskrawalls verwendet, welche Heinz Nigg für Forschungszwecke gedreht hatte. 

Nigg: Genau. Ich war 1980 Lehrbeauftragter am Ethnologischen Seminar an der Universität Zürich und erforschte die Jugendkultur in der Stadt. Darum filmte ich den Krawall. Ein paar Tage später zeigten wir den neun Minuten langen Film an der ersten Vollversammlung der Bewegung im Volkshaus. Dann wurde der Film verboten.

Gilgen: Von mir!

Nigg: Das Verbot hatte grosse Wirkung auf viele Studierende. Das ist ein Aspekt, der in «Züri brännt» zu kurz kommt. Weil sich viele an der Uni mit uns Ethnologen solidarisierten, begannen sich viele Studierende für die Achtzigerbewegung zu engagieren. Die wissenschaftliche Idee hinter den verbotenen Aufnahmen ist übrigens ein Ansatz, der sich «Community-Video» nennt. Dabei sollen sich die Forschungspartner selbst darstellen. 

 

Das versteht man 2015 als Studi nicht mehr, jeder hat ja ein Telefon, mit dem er oder sie ihren Alltag filmen kann. 

Baumann: Ich nehme an, es ist für die Jungen heute auch kaum vorstellbar, wie es für uns damals war. Heute kann man aus einer Vielzahl von Sendungen auswählen. Bei uns gab es nur das Schweizer Fernsehen und die ARD. Es gab keinen Ort, an dem wir unsere Anliegen platzieren konnten. Darum erkämpften wir uns diese Plattformen, zum Beispiel in der Form von Piratenradios. 

Nigg: Etwas Ähnliches machten wir auch mit unserer ethnologischen Forschung. Wir wollten herausfinden: Was wollen die Jugendlichen eigentlich? 

Gilgen: Sie haben mir damals vorgeworfen, ich hätte die Forschungsfreiheit verletzt, weil ich die Aufnahmen vom Opernhauskrawall verboten habe. Aber diese Freiheit war niemals gefährdet. Das Argument kaufe ich Ihnen auch heute nicht ab. Dann noch zur Frage, ob die Bewegung 1980 eine studentische war: nicht wirklich. Zehn Jahre früher hatten die Studierenden noch die Universität übernehmen wollen und im Lichthof Fahnen von Lenin aufgehängt. In den Achtzigern lag der Ausgangspunkt nicht an der Uni.

 

Wo dann? 

Gilgen: Sie hatte ihre Wurzeln im Opernhauskredit und in der Jugendhausbewegung. Die Jugend sagte sich damals: Es ist verrückt, wie viel Geld der Staat in die «hohe» Kultur reinpflastert, und wir kriegen nichts davon, keine Konzerthalle, kein Jugendhaus. Die ungerechte Verteilung der kulturellen Mittel war also ausschlaggebend. Und ich muss Ihnen beiden ein Kompliment machen, die Bewegung, die dann entstanden ist, war gewaltig. Tausende kamen an die Demonstrationen. Für eine bessere Sache wäre es noch besser gewesen.

 

Um auf die Uni zurückzukommen. Warum haben Sie den Film verboten?

Gilgen: Ich konnte es nicht zulassen, dass man mit öffentlichen Mitteln Krawalle anheizt. Sie Herr Nigg sagten zwar, die Aufnahmen hätten keinen Rappen öffentliche Gelder gebraucht. Aber es ist mir neu, dass die Benützung von Apparaturen und Materialien nichts kostet. Der Regierungsrat und der Kantonsrat hatten immer wieder über Uni-Kredite zu entscheiden. Und sie wollten zu Recht immer auch bei der Bildung sparen. Die Aufnahmen hätten alle Politiker noch empfindlicher gemacht. Das konnte ich als Erziehungsdirektor nicht zulassen. Deshalb habe ich den Film verboten. Ich wusste, dass ich damit der Bewegung helfe, aber ich nahm es in Kauf. Der Imageverlust der Uni wäre schlimmer gewesen. 

Nigg: Jetzt verstehe ich das ein bisschen besser. Herr Gilgen, Sie sind ein heimlicher Sympathisant der Bewegung. (lacht)

Gilgen: Ja, wahrscheinlich!

 

Herr Nigg, ist es für Sie heute nachvollziehbar, warum Herr Gilgen den Film verboten hatte? 

Nigg: Ja, ich verstehe die Reaktion von Herrn Gilgen etwas besser. Er hat emotional reagiert, wie ich auch. 

Gilgen: Halt, ich habe den Film rational verboten. 

Nigg: Ich liess mich von meinen Gefühlen leiten. Die Opernhauskrawalle bedeuteten ein Dilemma für uns Forschende: Sollte ich als Verantwortlicher abseits stehen oder unsere Aufnahmen den Jugendlichen zur Verfügung stellen? Ich entschied mich, Partei für die Jugendlichen zu ergreifen. Ihr Verbot, Herr Gilgen, war der Beginn eines langen Kampfes für die Forschungsfreiheit. Dafür hatte ich jedoch einen Preis zu zahlen: Das Ende meiner akademischen Laufbahn. 

Gilgen: Sind Sie noch verärgert über mich? 

Nigg: Nein, es freut mich, dass dieses Gespräch möglich ist – ohne die damalige Aufgeregtheit. Sie waren ein harter Verfechter der Aktivdienstgeneration, die auf Kontrolle und Disziplin pochte, und ich gehörte zu den jungen 68ern, die sich für eine freiere Gesellschaft einsetzten. 

Gilgen: Also, ich muss Ihnen sagen: Ich hatte selten solche Angst wie an diesem Freitag, als die Opernhauskrawalle begannen. Ich war gerade in der Stadt und sagte zu meiner Frau: Fahren wir noch rasch an die Bahnhofstrasse, um zu schauen, was da los ist. Als wir dann am Limmatquai waren, erkannte mich einer und schrie: Gilgen ist da! Da musste ich schnell die Fenster im Auto hochschrauben, sonst wäre ich kaum mehr gesund nach Hause gekommen. 

Baumann: Das wusste ich nicht, dass es so schlimm war für Sie.

Gilgen: Doch. Jedes Wochenende bekam ich Telefonate, um zwei oder drei Uhr morgens. Es gibt keine körperliche Ausscheidung, die wir nicht zugeschickt erhalten haben. 

Nigg: Es war eine harte Zeit, nicht nur für Sie, Herr Gilgen, sondern auch für viele Jugendliche, die während der Krawalle in die Fänge der Justiz kamen. Es war die letzte Phase des Kalten Krieges, ein Kampf von oben gegen alles Unangepasste. Die Jugendbewegung wollte eine neue Zeit einläuten. 

Gilgen: Davon habe ich nichts gemerkt. Ich bin gegen solche Verwässerungen. Was 1980 geschah, war harter Krawall. 

Baumann: Aber die Gewalt, die von der Polizei ausgeübt wurde, ist nicht zu vernachlässigen. 

Gilgen: Ich glaube, dass die Polizisten nie angefangen haben. Kann aber sein, dass sich die beiden Parteien gegenseitig hochgeschaukelt haben. 

Baumann: Man muss sich fragen, wie Gewalt überhaupt funktioniert? Es gab so viele friedliche Demos mit Omas und Kindern, dann plötzlich stand eine Reihe von Polizisten in Kampfmontur im Weg. Das ist auch Gewalt, was die Polizei ausgeübt hat. Als ich an einer Demo einmal um eine Hausecke ging, um den Akku der Kamera zu wechseln, wurde ich von Beamten verprügelt.

Gilgen: Dann sind Sie einfach zu weit nach vorne gegangen. Man muss wissen, auf was man sich einlässt, wenn man an Demos die Nase zuvorderst hat. 

 

Herr Gilgen, haben Sie den Film unterdessen gesehen?

Gilgen: Ja, habe ich.

Baumann: Ah, das wusste ich eben nicht mit Sicherheit, deshalb habe ich Ihnen was mitgebracht (zieht eine DVD von «Züri brännt» aus der Tasche und übergibt sie Gilgen).

Gilgen: Das zahle ich Ihnen gern!

Baumann: Nein, das ist ein Geschenk.

Gilgen: Schon damals sagte man, «Züri brännt» sei kein Glanzfilm, aber als Zeitdokument sei er gut. Dieses Kompliment möchte ich an dieser Stelle weitergeben.

 

Der Film lebt vom Pathos. Die Aktivistinnen werden recht krass dargestellt. Wird alles ein bisschen spektakulärer dargestellt, als es war?

Nigg: Zuerst war ich schockiert, als ich den Film sah. Diese Polemik! Wir Ethnologen wären in unserer Parteinahme nie so weit gegangen wie «Züri brännt». 

Baumann: Wir vom Videoladen wollten nie wissenschaftlich oder objektiv sein. Wir waren auf der Seite der Bewegung. 

Nigg: Aber man darf die Bewegung nicht auf «Züri brännt» reduzieren. Nach meinem Rausschmiss an der Uni habe ich angefangen, Dokumente aus dieser Zeit zu sammeln. So wurde ich zum Archivar der Bewegung und habe sämtliche Materialien aus Bern, Basel, Lausanne und Zürich in einem Online-Archiv unter dem Titel «Stadt in Bewegung» zusammengestellt. 

 

Inwiefern hat die Achtzigerbewegung Ihren Lebensweg verändert, Herr Baumann? 

Baumann: 1980 studierte ich noch Soziologie. Aber die Uni war mir immer zu theoretisch. «Züri brännt» hat mich von der Uni weggebracht. Ich habe nie abgeschlossen, obschon mich mein Professor gebeten hatte, nur eine A4-Seite zu schreiben, die er als Liz anerkannt hätte. 

 

1980 waren Sie Aktivist. Heute müssen Sie auch Ihre Existenz sichern. Geht das mit dem Film? 

Baumann: Der Film «Züri brännt» ist damals in unzähligen Stunden Gratisarbeit entstanden. Damals war das noch nicht so ein Problem, aber heute lebe ich vom Filmemachen. «Züri brännt» wird immer wieder geklaut, ohne bei uns nachzufragen. 

 

Herr Gilgen, Sie wurden stark angefeindet. Aber Sie sind immer ruhig geblieben, wenn man die Aufnahmen von damals sieht. Waren Sie wirklich so cool?

Gilgen: Ja, wenn das so dokumentiert ist, dann war das wohl so. Es war ein bewusstes Training, ruhig zu bleiben, wenn man angegriffen wird. Während einer Fernsehsendung, die Arena-artig war («Telebühne», 2. Juli 1980), versuchte einer, mir meine Schuhe auszuziehen. Da habe ich gestampft! Seine Finger waren hoffentlich ein wenig beschädigt. Aus dieser Sendung hat mich dann der Polizeichef von Oerlikon herausgeholt und gesagt: «Hier kommen Sie nicht mehr lebendig raus.» Das Fernsehen hatte einfach wahllos Leute von der Bewegung hereingelassen, ohne ihre Identität zu prüfen. 

Baumann: Herr Gilgen hatte immer viel Humor im Gegensatz zu anderen Autoritäten damals.

Gilgen: Humor habe ich immer noch ein wenig! Damals bin ich auch selbst an die Demonstrationen gegen mich gegangen, mit einer Windjacke und einer Perücke verkleidet. 

 

Heute können Sie gelassen auf die Achtziger zurückschauen. Haben Sie damals gelitten?

Gilgen: Wer eigentlich gelitten hat, war die Familie. Besonders die jüngste Tochter, die im Gymnasium wegen mir beleidigt wurde. Ich selbst habe weniger gelitten, da ich mich ja immer wehren konnte. 

 

1980 hatten die Jungen grosse Träume. Man wollte beispielsweise eine hierarchielose Gemeinschaft. Was hat die Bewegung erreicht? 

Gilgen: Meiner Meinung nach nicht viel. Ausser bei der Kultur, da gibt es jetzt mehr Geld für kleinere Institutionen. Aber die Geldverteilerei hat den Kulturkuchen auch nicht in kreative Höhen hinaufgetrieben. 

Nigg: Die Bewegung hat erreicht, dass man die Kultur als Thema ernst nimmt. Heute werden 10 Prozent der Einnahmen in der Stadt Zürich durch die Kultur erwirtschaftet. Aber auch im Bereich Wohnen hat sie einiges erreicht. Zum Beispiel Genossenschaftsprojekte wie Karthago. 

 

Aber viele Lebensläufe von ehemaligen Bewegten waren schwierig, da sie sich entschlossen hatten, ausserhalb des Establishments zu leben. Sind die Achtziger eine enttäuschte Generation? 

Baumann: Es ist schwierig, für alle zu reden. Es gibt viele aus dieser Zeit, die heute erfolgreiche Kulturschaffende sind. Auf der anderen Seite gibt es aber schon auch die, die auf der Strecke geblieben sind. Solche, die an Drogen gescheitert sind oder an der Justiz, weil sie während der Bewegung ihren Ausbildungsplatz verloren hatten. 

 

Heute gibt es ja auch Krawalle. Stichwort: «Reclaim the Streets». Was dachten Sie, als Sie davon hörten?

Gilgen: Gegen Protest habe ich nichts, er darf auch verbal deutlich sein, aber Gewalt stört mich sehr. 

 

Wie sehen Sie das, Herr Baumann? Gibt es Parallelen zu 1980?

Baumann: Es scheint, als habe die heutige Generation die gleichen Träume, die gleiche Wut wie wir damals. Aber die Zeit ist eine andere. Wir waren eine grosse Bewegung und wurden von 10’000 Leuten auf der Strasse getragen. Ich kann mir vorstellen, dass sich die heutige Bewegung alleine gelassen fühlt. 

Nigg: Ich teile die Kritik von «Reclaim the Streets» an der sogenannten Gentrifizierung. Aber als die Aktivistinnen eine brennende Fackel in ein Polizeiauto warfen, haben sie für mich eine Grenze überschritten. Da müssen sie auch damit rechnen, verhaftet zu werden.

 

Herr Gilgen, wenn Sie einer Version von sich selbst von 1980 einen Tipp geben könnten, wie mit der Bewegung umzugehen ist; welcher wäre es? 

Gilgen: Noch gelassener sein, aber trotzdem hart bleiben.

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2 Comments

  1. Untertitel: 3 Aussagen, davon 2 schlicht unwahr. Weder filmte Nigg den Opernhauskrawall, noch machte Baumann Züri brännt daraus. Sie waren wesentlich dabei, aber alles andere als alleine. Geschichtsverdrehung à la 80-iger-Veteranen (wohl nicht zufällig fast nur Männer, die sich gerne öffentlich erinnern). Und offenbar hat auch der zs keine Zeit mehr für Recherchen, die diesen Namen verdienen.

  2. Der Kommentar verkürzt die Personenbeschriebe arg. So wird ja erwähnt, dass Baumann Teil eines Kollektivs war und Nigg im Rahmen eines Seminars an den Filmarbeiten beteiligt war. Dass weitere Personen daran beteiligt waren, bestreitet niemand. Apropos Recherche: DER ZS heisst seit einiger Zeit DIE ZS, der geschlechtsneutralen Bezeichnung «Zürcher Studierendenzeitung» geschuldet.

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