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    Studierende protestieren, als 1977 das Ende der SUZ feststeht. (Bild: Uniarchiv)
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    Das Telegramm nach Hanoi. (Bild: PD)

Die Entmachtung der Studierenden

in Campus von

Aufmüpfige Studierende kämpfen hartnäckig gegen einen bürgerlichen Erziehungsdirektor. Sie verlieren und die verfasste Studierendenschaft wird 1977 abgeschafft. Ein Blick zurück.

Es war ein Machtkampf und die Studierenden konnten ihn unmöglich gewinnen. Übermächtiger Gegner und grosses Feindbild: Alfred Gilgen. Es war eine Zeit, in der die Weltordnung noch einfach war. Kommunismus gegen Kapitalismus. Ähnlich klar waren auch die Verhältnisse in Zürich. Eine linksdominierte Studentenschaft stand einem rechts-bürgerlichen Erziehungsdirektor gegenüber. Gilgen war Mitglied des Landesrings der Unabhängigen (LdU) und bezeichnete sich in seinen aktiven Jahren selbst als einen «Halbrechten».
Zu dieser Zeit war die heutige Studierendenschaft noch eine verfasste Zwangskörperschaft, die Studentenschaft der Universität Zürich (SUZ). Alle Studierenden zahlten mit den Studiengebühren ein paar Franken in die Kasse der SUZ. Wie heute der StuRa kümmerte sich die SUZ um die Anliegen der Studierenden. Allerdings hatte sie viel mehr Macht. Die SUZ war unterzeichnungsberechtigt und hatte einen vollen Tresor, womit sie von der Uni unabhängig war.

Ein erbitterter Machtkampf

Die SUZ entstand in wilden Zeiten, war aber lange recht harmlos. Während des Landesstreiks 1919 forderten die damals mehrheitlich bürgerlichen Studierenden eine verfasste Körperschaft. Die SUZ vereinte in sich beispielsweise die Zentralstelle der Studentenschaft und eine Darlehenskasse. Damit bot sie den Studierenden zahlreiche Dienstleistungen. In den Verhandlungen mit der Unileitung hatte sie ein grosses Gewicht, da sie alle Studierenden vertrat. Und sie durfte sich zu allgemeinen politischen Themen äus-sern. Das war alles in Ordnung, solange die Studierenden mehrheitlich bürgerlich tickten. Dies änderte sich allerdings, als 1969 im Grossen Studentenrat (GStR) – der Legislative der SUZ – erstmals eine linke Mehrheit herrschte.
Von nun an wehte ein anderer Wind durch die Gänge der Uni Zürich. 1971 organisierte die SUZ die «Antikaptitalistische und antifaschistische Aktionswoche». Im Lichthof hingen Hammer und Sichel, Marx und Engels von der Decke.
Gilgen sah sich wohl schon als Rechtsabweichler in einem kommunstischen Gulag gefangen. Er sah auf jeden Fall Bedarf, einzuschreiten. Kurzerhand schloss er die Uni. Gilgen, der Major, tat dies in militärischer Manier. «Meine Generalstabsausbildung kam mir da zu Gute. Eine Uni zu schliessen, ist wie eine Division zu verschieben», sagte er den Medien. Damit machte er sich bei den Studierenden wenig beliebt. Die Zürcher Arbeiterzeitung schrieb zum Verhältnis von Gilgen und den Studierenden: «In nur zwei Jahren blieb Gilgen derart unbeirrt und zielstrebig auf dem einmal eingeschlagenen Weg, dass er sogar die verfeindete, zerrissene Zürcher Studentenschaft einigen konnte – gegen sich selbst.» Der Kampf war lanciert.
Gilgen liess seine Muskeln spielen. Er entzog der SUZ das allgemeinpolitische Mandat, also das Recht, sich zu allgemeinpolitischen Themen zu äussern. Dies konterten die Studierenden, indem sie den Entscheid ignorierten und noch einen draufsetzten. Der Kleine Studentenrat (KStR), die Exekutive der SUZ, schickte 1975 mit «solidarischen Grüssen» ein Telegramm an die revolutionären Studierenden Nordvietnams zum Ende des Vietnamkrieges. «Euer Kampf war ein entscheidendes Signal für die fortschrittlichen Studierenden in der Schweiz und anderen Ländern», hiess es darin.
Gilgen reagierte und enthob alle Mitglieder des KStR ihres Amtes. Ad interim wurden Ersatzmitglieder gewählt. Diese wollten das zerstörte Verhältnis zu Gilgen wieder gerade biegen und überbrachten ihm eine persönliche Einladung zu einer Veranstaltung der SUZ. Gilgen antwortete auf die Einladung: «Für mich existiert ihr nicht mehr.» Er zerriss die Einladung und fügte an: «Und Abfall wirft man in den Papierkorb.»
 Für Gilgen war nicht nur der KStR, sondern die ganze SUZ gestorben. Er griff sie denn auch immer wieder an. Die Studierenden wehrten sich heftig, aber Gilgen sass am längeren Hebel. Er fand im Kantonsrat eine Mehrheit. Mit der Begründung, der SUZ fehle zur Zwangskörperschaft die rechtliche Grundlage, wurde sie am 2. März 1977 für illegal erklärt und aufgelöst.

Vergebliche Mühen

Heute ist die SUZ tot. Sämtliche Versuche, eine vergleichbare Nachfolgekörperschaft zu schaffen, sind gescheitert. Alfred Gilgen hatte bis 1995 das Amt des Erziehungsdirektors inne. Bis dahin hat er alle Versuche abgeschmettert, die verfasste Studierendenschaft mit obligatorischer Mitgliedschaft wieder einzurichten. An Gilgen gab es jedoch kein Vorbeikommen. 1986 sagte er im Kantonsrat: «Ich will noch vom Himmel aus dafür sorgen, dass der Austritt aus einer eventuellen SUZ möglich ist.»
Denkbar wäre nur eine Körperschaft mit einer freiwilligen Mitgliedschaft gewesen. Doch dies scheiterte am Desinteresse der Studierenden. Nur etwas mehr als 2000 Studierende waren bereit, einen Beitrag an die Studierendenschaft zu bezahlen. Heute heisst die Vertretung der Studierenden StuRa. Dieser besitzt keine Rechtspersönlichkeit, ist also ohne die Zustimmung der Universität nicht vertragsfähig und finanziell von der Universität abhängig. Die einzige Möglichkeit, eine wirkungsvolle Studierendenvertretung zu haben, wäre eine verfasste Körperschaft. Daran führt aus Sicht der StuRas kein Weg vorbei.
Nun fand eine parlamentarische Ini­tiative für eine SUZ im Kantonsrat eine Mehrheit. Doch wie realistisch ist es, dass es tatsächlich wieder zu einer verfassten Studierendenschaft kommt? Wer könnte diese Frage besser beantworten als alt-Erziehungsdirektor Gilgen? Im Gespräch mit der ZS wird schnell klar, dass das politische Feuer in ihm noch lange nicht erloschen ist. Ebenso präsent sind nach wie vor seine Ressentiments gegenüber der ZS. Kein Wunder, war sie es doch, welche jahrelang sprachliche Giftpfeile gegen den Erziehungsdirektoren schoss. Gilgen möchte sich denn auch nicht zum aktuellen Geschehen im Kantonsrat äussern. Es wird aber deutlich: Seine Meinung ist dieselbe wie damals. Er räumt dem Vorhaben des StuRas keine Chancen ein. «Eine parlamentarische Initiative bedeutet noch nicht viel. Und die Wurst wird erst gegessen, wenn konkret über eine SUZ abgestimmt wird», lässt Gilgen sich doch noch entlocken.
Ob der StuRa schliesslich genüsslich die Wurst verspeist oder erneut in den sauren Apfel beissen muss, hängt vom Kantonsrat ab. In Anbetracht der neusten Ereignisse in Bern tut der StuRa gut daran zu beteuern, dass man an einem allgemeinpolitischen Mandat nicht interessiert ist. Das hat eine Mehrheit des StuRas in den bisherigen Diskussionen auch immer klar gemacht. Eine erste Schlacht hat er schon gewonnen, aber der Ausgang des Krieges ist ungewiss.

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