(Bild: ZFF).

Die Heinzelmännchen des Zurich Film Festival

von

Meret Mendelin

Für das 10. Zurich Film Festival haben sich 300 freiwillige Helfer gemeldet. Wer sind die Volontäre und weshalb arbeiten sie gratis? Ein Selbstversuch.

 

In blauen Staff-Shirts huschen sie im Festivalzentrum umher, balancieren Tabletts zwischen Promis hindurch und warten geduldig am Eingang der Kinosäle, bis die letzten Gäste ihre Plätze eingenommen haben. Dreihundert Freiwillige helfen am 10. Zurich Film Festival mit. Ich tauche für zehn Tage in die Welt der Volontäre ein, ohne die das Zurich Film Festival nicht möglich wäre.

 

Kick-off-Meeting

Donnerstagabend im Mascotte: Die Luft ist stickig. Dicht gedrängt stehen die Leute und schauen erwartungsvoll auf die Bühne. Man könnte meinen es sei ein Konzert angesagt. Doch auf die Bühne treten keine Musiker, sondern die Volontären-Koordinatorinnen Yvonne und Christina. Das Publikum sind die freiwilligen Helfer. Es ist das Kick-off-Meeting für das Zurich Film Festival. Ich recke mich, um die beiden jungen Frauen zu sehen. Sie werden uns Volontäre durch das Festival führen. Nach einer Ansprache über das Festival und die verschiedenen Einsatzbereiche, für die man sich anmelden konnte – von Service, über Gästebetreuung bis zu Ticketing und Kinosupport – und Danksagungen an die Freiwilligen, wendet sich auch die Festivalleitung, bestehend aus Nadja Schildknecht und Karl Spörri, an uns. «Als Volontäre seid ihr Vertreter des Zurich Film Festivals. Egal was passiert, bleibt immer freundlich und verliert euer Lächeln nicht.» Ein Satz an den ich mich während meiner Einsätze noch einige Male erinnern werde.

 

Dann wird die Menge aufgeteilt. Alle, die an Apéros mithelfen werden, sammeln sich an der Bar. Dort werden wir vom Event-Chef des Mascotte Markus Profos mit witzigen Sprüchen in die Welt des Service eingeführt. Er drückt jedem ein mit Plastikbechern beladenes Tablett in die Hand, um sich im Balancieren zu üben. Nicht so schwer, denke ich mir und verlasse mit selbstsicherem Lächeln das Meeting.

 

 

Schmerzende Handgelenke im Service

Die ersten Tage werde ich mich an Markus Sprüche erinnern, denn ich bin an verschiedenen Apéros eingeteilt. So ganz ohne Service-Erfahrung gehe ich etwas nervös an meinen ersten Einsatz im Festivalzentrum. Dank den blauen Staff-Shirts finde ich schnell mein vierköpfiges Team. Nur einer von uns arbeitet regelmässig im Service. Die anderen sind Neulinge wie ich. So stehen wir anfangs etwas unbeholfen herum. Im Schnellgang wird uns erklärt wo die Getränke, das Lager, die Abwaschmaschine und die Entsorgung zu finden sind. Und ehe ich mich versehe, werde ich mit einem vollbeladenen Tablett in die VIP-Lounge geschickt. Dort servieren wir einem Sponsoren-Apéro. Bereits beim Vorbereiten der Getränke landen einige Rotweinflecken auf dem weissen Tischtuch. Schnell wird das Malheur behoben und gute Miene gewahrt.

 

Eine halbe Stunde zu spät trudeln endlich die Gäste ein. In feinen Anzügen und pompösen Abendkleidern betreten die fünfzig Gäste die VIP-Lounge, wo wir sie mit Champagner, Weiss- und Rotwein empfangen. Meine Befürchtung, dass ich die echten VIPs gar nicht erkenne, wenn sie vor mir stehen, wird wahr. Zum Glück flüstert mir meine Kollegin immer mal wieder zu «Das ist doch Didier Cuche» oder «Wow, Tanja Frieden sieht ja klasse aus!» Es ist spannend so nah bei den Promis zu sein und einen Einblick in ihre Welt zu bekommen. Doch nach zwei Stunden mit einem voll beladenen Tablett in der Hand, tun mir nicht nur Füsse und Handgelenke, sondern auch das Gesicht vom Lächeln weh. Nach dem gelungenen Einsatz stossen wir erschöpft und zufrieden auf unseren ersten Abend an.

 

Die nächsten Tage verlaufen ähnlich. Jeden Abend findet sich ein neues Team – an verschiedenen Einsatzorten vom Mascotte bis zur Frauenbadi. Die meisten Volontäre haben wenig bis keine Service-Erfahrung und starten meist etwas planlos und unsicher in den Abend. Doch erstaunlicherweise funktionieren alle jedes Mal innert kürzester Zeit als Team. Eingeschlossen kleiner Missgeschicke. So balanciere ich an der Dior-Sponsor-Night in einem Moment noch gekonnt ein einziges Glas Champagner durch die dicht gedrängte Menge, im nächsten Moment schwappt das Glas über und das teure Getränk landet auf dem noch teureren schwarzen Abendkleid einer Besucherin. Nach ausführlicher Entschuldigung bringe ich ihr eine schwarze Serviette und bewahre sogar mein Lächeln – immer noch Schildknechts Stimme im Ohr.

 

 

Popcorn statt Champagner

Nach den anstrengenden Einsätzen im Service, bin ich froh in die Welt des Kinos abzutauchen. Hier gibt es Popcorn statt Champagner. Und Tickets statt schweren Tabletts. Im Bereich Kinosupport stehe ich am Eingang des Saales und überprüfe jedes Ticket. Was einfach klingt, kann sehr stressig werden, vor allem wenn einem im Sekundentakt ein neues Ticket hingestreckt wird – bei dem man Filmtitel, Kinosaal, wie auch die Uhrzeit überprüfen und den Gästen den Weg weisen soll. Dabei kann es durchaus mal vorkommen, dass ein Gast zurückkommt, weil er im falschen Film sass. Die Belohnung ist, dass die Volontäre sich nach Filmbeginn in den Saal schleichen und den Film schauen dürfen. Beim Abspann ist unser Einsatz wieder gefragt. Wir öffnen die Türen und reinigen im Schnelldurchlauf den Saal. Erstaunlich, wie schnell das geht, mit genügend Leuten und dem richtigen System.

 

Ein Abend wird mir besonders in Erinnerung bleiben. Es ist die Gala Premiere im Corso, bei der Diane Keaton vor ihrem Film «And So It Goes» der Golden Eye Award verliehen wird. Allein schon der vielen Pressemitglieder und Securitys wegen bin ich etwas aufgekratzt. Wie gewöhnlich stehen wir zu zweit am Eingang und kontrollierten die Tickets der Gäste, die sich diesmal speziell aufgetakelt in den dunklen Saal setzen. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen haben, kommt ein Security direkt auf uns zu und gibt uns gehetzt die Anweisung, jetzt niemanden mehr durchzulassen. Gleich aufgeregt wie erstaunt befolgen wir diese Anweisung. Plötzlich betritt Diane Keaton das Kino. Und nur wir sehen sie. Im Dunkeln bleibt sie direkt neben mir stehen und wartet auf ihren Auftritt. Ein Security erklärt ihr leise wo sie durchlaufen soll. «Ladies and Gentleman, welcome Diane Keaton», ruft der Moderator, die Schweinwerfer suchen die Schauspielerin und graziös schwebt sie an uns vorbei. Wie die 68-jährige in diesen High-Heels bloss so selbstsicher zu gehen vermag?

 

«All you can watch» für Film-Junkies

Zwischen meinen Einsätzen gehe ich ins Festivalzentrum und verpflege mich im Volontären-Raum. Der ist zwar extrem klein und stickig, dafür trifft man dort immer bekannte Gesichter und darf sich am Tibits-Buffet bedienen. Ein Kollege sitzt bereits dort und zeigt mir mit stolzem Lächeln vier Filmtickets, die er sich eben für den morgigen Tag ergattert hat. Alle gratis. Denn die Volontäre arbeiten nicht für Geld. Sondern für Filme. Die Entlohnung könnte man als „«All you can watch»-Buffet bezeichnen. Dass man dafür ein Film-Junkie sein muss, scheint Voraussetzung zu sein. Das verbindet die Volontäre, die aus den verschiedensten Ecken und Altersgruppen kommen. Wieder meiner Erwartung sind nicht alle Studenten, sondern auch viele junge wie auch ältere berufstätige Leute.

 

Auf die Frage, weshalb sie sich als Freiwillige gemeldet haben, kam immer eine ähnliche Antwort. «Vielleicht war es eine merkwürdige Idee, aber ich liebe Filme.» Und so trifft man auch auf einige, die immer wieder kommen. Gut möglich, dass auch ich nächstes Jahr wieder dabei sein werde.

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