Bist du nicht gut genug, sind sie zu cool für dich. (Bild: Nina Fritz)

Es ist nicht deine Schuld

in Campus von

Wer in Zürich studiert, braucht ein Zimmer und muss meist die Höchststrafe über sich ergehen lassen: WG-Castings.

Zürcherische Zweiklassengesellschaft. Quer durch alle soziologischen Kategorien teilt unsere Stadt ihre Studierenden in zwei Gruppen. «Wohnst du in Zürich?», wird gefragt. Schüttelt man dann den Kopf, folgt das kollektive Lamentieren ob der Zimmer- und Wohnungsnot. Nickt man lächelnd, werden die Augen riesig und die zitternde Inquisition erbittet einen hoffentlich noch nie gehörten Tipp, wie um Gottes Willen man das denn schaffen kann.
Ich gebe es zu, ich bin ein Landei. Ich bin zwischen Kuhdung und Töfflis aufgewachsen. Abends fuhr der letzte Bus um neun von Stadel nach Bülach, Provinz mit altem Glockenturm, die sich Stadt schimpft. «D’Stadt» aber, wie Zürich auf dem Land genannt wird, war mir so fremd wie ihre Einwohner. Als Landei wird man auch nie für die Zimmerknappheit sensibilisiert, bis der glückliche Zufall Intelligenz einen an die Universität führt und man sich ganz plötzlich darüber enerviert, für einen Weg in den Vorlesungssaal eine knappe Stunde draufgehen lassen zu müssen. Ein Zimmer in Zürich muss her. Und da fangen die Probleme an. Willkommen bei den WG-Castings.

 

Von Narzissten und Clowns

Und du kannst froh sein, wenn du einzeln gecastet wirst. Purer Luxus. Einmal war ich einer von 15 Menschen, die sich in eine widerliche, enge Altbau-Küche quetschten und verzweifelt versuchten, innerhalb von ein paar Augenblicken ihre Qualitäten als zukünftige WG-Gspänli vorzuspielen. Ein Wettkampf der Eitelkeiten, der Narzissten und Clowns in die Hände spielt, während zurückhaltende, sensible Menschen die schlechteren Karten ziehen.
Am allerschlimmsten ist der «Gleichgeschaltete Aspirant»: Mag’s gern gesellig, aber nicht zu oft und nicht zu laut. Ist gern für sich, aber «trinkt auch mal gern abends ein Glas Wein in der Küche». Mindestens 50 Prozent der Gecasteten sind gleichgeschaltete Aspiranten. Wer keinen Mumm hat, anzuecken, der muss es gar nicht erst versuchen. Zürich ist zwar im internationalen Vergleich ein weiches Pflaster, kantenlose Mauerblümchen haben aber auch hier einen schweren Stand: Wenn die Wohngemeinschaft was taugt, wird es früher oder später zu Streit kommen. Und pure Prellböcke sind absolut uninteressant.

 

Vitamin B

Absage um Absage, matte Niedergeschlagenheit weicht selbstzerfleischender Depression. «Ich war schon an zwölf Besichtigungen und alle haben abgesagt! Vielleicht liegt es ja wirklich an mir?» Ja, vielleicht liegt es an dir. Aber deswegen musst du nicht traurig sein. Im Nachhinein bin ich ziemlich froh, nicht für jede dubiose WG eine Zusage bekommen zu haben. Nichts Schlimmeres als wochenlange Partys in den Prüfungszeiten.
Fragt nicht nach Tipps. Ich hab keine, es gibt keine. Du kannst du selbst sein und deswegen ausgemustert werden. Oder du kannst dich verbeugen und gerade deshalb aus der Auswahl fliegen. Bekanntschaften sollen sich auszahlen, wie ich gehört habe. Das berüchtigte Vitamin B, geheime Triebkraft so mancher vita-curriculärer Quantensprünge, begegnet vielen oft zum ersten Mal bei der Zimmersuche. Aber ein richtiger Tipp ist das auch nicht. Die erste Regel der Zimmersuche lautet: Es gibt keine Regeln. Es gibt nur Glück. ◊

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