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Bild: zeitgeistkollektiv.org

Gleitschirmfliegen mit 98 Jahren

in Campus von

Frederik von Gerlach

«Irgendwann kommt das Ende, und es macht mir überhaupt nichts aus.» Aus diesem Grund schreckt die 98-jährige Charlotte Frey wohl auch nicht davor zurück, mit einem Gleitschirm über den Brienzer- und den Thunersee zu fliegen. «Ich säge eu, ich bin es verruckts Huehn», begründet sie die Auswahl ihres neuen Hobbys. Denn Charlotte Frey wagt sich seit ihrem 95. Geburtstag einmal jährlich mit dem Gleitschirm in die hohen Lüfte.  

Solche einzigartigen Geschichten gehen aus persönlichen Berichten und Interviews von und mit Stadtzürcher Seniorinnen und Senioren hervor. Wer also gedacht hat, dass sich der Alltag in einem Altersheim auf Kaffee, Kuchen und Bingo-Spielen beschränkt, liegt – zumindest, was das Alterszentrum Laubegg angeht – falsch. Einmal wöchentlich treffen sich die Bewohnerinnen und Bewohner für die Redaktionssitzung der Zeitschrift «Zeitgeist». Carolyn Kerchof, die dieses Projekt im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste ins Leben gerufen hat, leitet die Sitzungen zusammen mit der Betreuerin Martina Regli. Mittlerweile wird diese Zeitschrift für «Storytelling und altersgerechte Gestaltung» sogar von der Stadt Zürich unterstützt. 

Bis dato sind zwei Ausgaben zu den Themen «Ende und Anfang» und «Bauchgefühl» erschienen. Darin teilen die Seniorinnen und Senioren ihre persönlichen Geschichten oder werden von freien Mitarbeitenden interviewt. Die Berichte sind rührend geschildert und herzzerreissend. Sie vermitteln gerade der jüngeren Generation wertvolle Ratschläge, die auf einer enorm breiten Palette von Erfahrungen beruhen.  So findet sich im Mittelteil des Heftes eine Ansammlung von Weisheiten in Bezug auf das Titelthema. In der Ausgabe «Bauchgefühl» lautet ein Tipp der Redakteurin Colette de la Chose: «Du darfst die Liebe nicht stehen lassen. Du musst die Liebe giessen wie eine Pflanze. Blumen sind schön, aber sie brauchen kontinuierliche Arbeit.» 

Die Redakteurinnen und Redakteure schaffen es, in ihren Erzählungen zu verdeutlichen, dass schon kleine Dinge pure Lebensfreude bedeuten können, seien dies Musik, ein leckeres Essen, gute Gespräche oder die Schönheit der Natur.  Neben bewundernswerten und rührenden Geschichten haben es manche Anekdoten allerdings auch ganz schön in sich. Michael Steel, 82, berichtet in der Ausgabe «Bauchgefühl», dass er einmal von einer Bewohnerin eingeladen worden sei. Er betrat ihr Zimmer und sie hatte nur noch ihren Slip an. Mit jemandem im Alterszentrum wolle Michael Steel allerdings nichts anfangen, da der Klatsch im Haus viel zu «heiss» wäre. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Verfasserinnen und Verfasser der Artikel nicht ihre richtigen Namen, sondern Pseudonyme angeben. «Du musst sehr aufpassen, was du sagst. Sonst wirst du schnell in eine Schublade gesteckt», erzählt Anne Best in der ersten Ausgabe «Ende und Anfang».  

Es steht darum die Frage im Raum, warum die Seniorinnen und Senioren so viel Zeit in den Zeitgeist stecken: Tun sie es für sich selber? Wollen sie ein möglichst breites Publikum erreichen? Vermutlich steht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben tatsächlich im Vordergrund. Genau aus diesem Grund sind die Artikel auch so unfassbar authentisch. Dass Jung und Alt von dieser Zeitschrift angesprochen werden, ergibt sich daher fast automatisch. Die Zeitschrift «Zeitgeist» ist ein bemerkenswertes Projekt, in das es sich lohnt, einen Blick hineinzuwerfen.

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