Nils Althaus kennt seine Schwächen und akzeptiert sie. (Bild: Patrice Siegrist)

«Gute Kritik macht süchtig»

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Nils Althaus studierte an der ETH. Der Schauspieler und Liedermacher über seine Studienzeit und seinen 30. Geburtstag.

Frisch rasiert, frisiert, Kittel. Unnahbar, wortkarg, beschäftigt. So begegnete Schauspieler und Liedermacher Nils Althaus der ZS am «Zurich Film Festival» an der Premiere des Filmes «Mary & Johnny». Einen Monat später in der ETH-Cafeteria: Dreitagebart, zerzauste Haare, Jeans. Nils Althaus lässt seinen Tee am Automaten raus und schnappt sich ein Küchlein. «Habt ihr ein Spesenbudget?» fragt er, grinst und lässt sich einladen. Ein Schlingel mit Charisma. Offen, gesprächig und gelassen.

Nils Althaus, was kommt dir in den Sinn, wenn du an deine Studienzeit zurückdenkst?

Es war ein Aufbruch. Ich zog nach Zürich und freute mich auf die Freiheit. Niemand kümmerte sich mehr darum, ob ich die Bettwäsche richtig falte. Alles war hochinteressant, all die jungen Leute, die von überall her nach Zürich kamen. Es war eine geile Zeit.

Trotzdem hast du bereits mit 25 dein Biochemiestudium abgeschlossen – bist du immer so zielstrebig?

Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, ja. Meine Ziele ändern sich einfach die ganze Zeit. Beschäftige ich mich zu lange mit etwas, wird es mir irgendwann langweilig, sodass ich etwas Neues ausprobieren will.

Hast du dir Druck gemacht?

Im ersten Jahr schon. Ich kam vom Literaturgymnasium und hatte «huere Schiss», dass ich zu wenig Vorwissen habe. Ich habe mich voll reingehängt und war sehr gewissenhaft. Als ich das Vordiplom mit Bestnoten bestanden hatte, lernte ich den Rest des Studiums nur noch halb so viel. Danach habe ich vor allem mein Leben genossen.

Wo das?

Eine Zeit lang waren wir oft tanzen im UG oder Helsinki. Und an den Partys im Stuz wären die schönsten Frauen, hiess es. Es war allgemein ein erotisches Knistern in der Luft. In den Hörsälen wusste man genau, wer wo sitzt. Am Anfang haben wir davon profitiert, dass die Pharmazeutinnen mit uns das Grundstudium gemacht haben.

Scheint für dich eine aufregende Zeit gewesen zu sein hier. Zürich in drei Adjektiven?

(Überlegt lange) Geschäftig. Vielfältig. Was ist Zürich noch? Trendy – oder besser trendbewusst.

In deinem Film «Mary & Johnny» wird Zürich während dem Zürifäscht und der Fussball-WM gezeigt. Ist das Bild deiner Meinung nach authentisch?

Der Film stellt ein kaputtes und vergnügungssüchtiges Zürich dar. Das findet durchaus Entsprechung in der Realität – natürlich ist das nur eine Seite. Leute, die schlecht über Zürich reden, sind meiner Meinung nach zu kurz hier gewesen, um einen Ort zu finden, der ihnen gefällt. Wenn du nur die Bahnhofstrasse rauf und runter rennst, verwundert es mich nicht, wenn dir das nicht gefällt.

«Mary & Johnny» ist eine Adaption von Ödön von Horváths «Kasimir und Karoline». Hast du das Drama gelesen?

Nein, es wurde auch nicht thematisiert am Set. Die Adaption ist Sache der Regisseure. Für mich ist das Script die Arbeitsbasis. Wenn ich wie in «Eine wen iig… dr Dällebach Kari» eine historische Figur spiele, finde ich es hingegen sehr wichtig, zu wissen, wer das war.

Liest du keine Bücher?

Doch. Im Moment lese ich vier Bücher gleichzeitig. «Der Schwarm», ein Krimi von Frank Schätzing, «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele» von Richard David Precht und ein Buch über den Buddhismus im Westen. Hannah Arendt habe ich angefangen, aber das war mir zu anstrengend, deshalb habe ich es weggelegt (lacht).

Buddhismus?

Ja. Der Buddhismus interessiert mich, weil er sehr diesseitsbezogen ist. Er gibt konkrete Ratschläge für deine persönliche Entwicklung in der Welt. Die Leistungsgesellschaft ist so, wie sie ist, man muss aber nicht zwingend daran einknicken. Für mich ist es ein Trainingsprogramm für ein bewussteres Leben. Das gefällt mir.

Spürst du als 30-Jähriger den Druck dieser Leistungsgesellschaft?

Ich versuche, mich nicht zu stark damit zu beschäftigen. Ich lebe lieber im Jetzt und denke nicht die ganze Zeit darüber nach, wo ich im Leben noch hinkommen will.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Immer noch auf der Suche. Es gibt keinen Job auf dieser Welt, der alle meine Bedürfnisse abdeckt. Mit 60 werde ich wohl kein neues Studium mehr beginnen, aber im Moment überlege ich mir, ob ich noch die Pädagogische Hochschule absolvieren möchte.

Wieso das?

Ich hätte gerne noch einen Job, der nicht von meiner Beliebtheit abhängt. Je besser ich ankomme, desto mehr Geld verdiene ich. Das finde ich gefährlich. Ich möchte nicht in eine Situation gedrängt werden, in der ich nicht mehr erzählen kann, was mir ein Anliegen ist, sondern machen muss, was dem Publikum gefällt. Wenn ich irgendwann keinen Erfolg mehr habe, möchte ich etwas Anderes machen.

Für deine Soloprogramme wirst du auf jeden Fall extrem gelobt.

Ich glaube, es besteht immer die Gefahr, dass man sich etwas darauf einbildet. Eine gute Kritik kann süchtig machen. Früher war es wie ein Geschenk, heute ist es mir nicht mehr so wichtig.

Bist du selbstverliebt?

Nein. Ich möchte mir nur treu bleiben, egal, was Kritiker sagen. Ich kenne meine Schwächen und akzeptiere sie. Unendlich viele Leute spielen besser Gitarre als ich und trotzdem gehe ich auf die Bühne. Es ist befreiend, sich nicht zu stark von der Meinung Anderer abhängig zu machen.

Du startest bald mit deinem Programm «Apfänt, Apfänt». Was bedeutet dir Weihnachten?

Heute bedeutet mir Weihnachten nicht mehr so viel. Dieses Jahr fliege ich an Heiligabend nach Ägypten und mache Tauchferien. Ich habe das Tauchen diesen Sommer entdeckt und wollte unbedingt bald wieder gehen. So hat es nun halt Weihnachten getroffen. Trotzdem freue ich mich jeweils, meine erweiterte Familie zu sehen. Nils Althaus, 30
Der diplomierte Biochemiker fasste mit dem Kinofilm «Breakout» Fuss im Schweizer Filmbusiness. Seither spielte er in verschiedenen Spiel- und Kurzfilmen. Bald zu sehen ist er in «Mary & Johnny» und «Eine wen iig… dr Dällebach Kari». Nebenbei tritt er mit seinen Soloprogrammen auf.

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