Daniel Schnarwiler bietet einen Glasbläserkurs für Forschende an. Dieser ist fast immer ausgebucht. (Bild: Florian Schoop)

In Beton gegossene Märchenwelt

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In den Irrgängen unter dem Irchel sorgen gute Seelen dafür, dass der Unibetrieb läuft.

 

Es ist Frühling am Irchel. Die zarte Sonne kitzelt die noch bleiche Haut der zahlreichen Studierenden, die vor der Uni sitzen und die Winterkälte aus ihren Körpern hauchen. Doch im Untergrund und im Parterre des grossen Campus spielt sich eine ganz andere Realität ab. Die Realität von Leo Kuonen. 

Kuonen ist ein freundlicher Mann um die 50, mit Brille und schwarzem Haar. Er ist der Leiter des Servicecenters und führt mich vom belebten Campus hinab in die Tiefen des Irchels. Dort wird gewerkelt und gewirkt, damit oben geforscht werden kann und der Unimotor brummt. Mit einem Ruck öffnet Kuonen eine schwere Türe und leitet mich in den Bauch des Komplexes, der 1979 eröffnet worden war. Wir gehen durch lange, sterile Gänge, die an futuristische Filme erinnern. Silberne Rohre schlängeln sich über uns, während es aus verschlossenen Räumen surrt und knarrt. Durch das Labyrinth sausen Elektrofahrzeuge und transportieren Waren von A nach B. Es ist ein eigener Mikrokosmos hier unten. Und er scheint anderen Gesetzen zu gehorchen. So ragt an einer Stelle eine grosse Duschbrause von der Decke. Sie sieht aus wie eine zu Stahl gewordene Sonnenblume. «Kommen Forschende in ihrem Labor in Kontakt mit gesundheitsschädigenden Substanzen, müssen sie diese sofort von ihrem Körper waschen», erklärt Kuonen. Mittels Knopfdruck rauscht dann eine Unmenge von Wasser durch den breiten Ausfluss. «Das gleicht einer kleinen Überschwemmung.» 

 

Unikate für die Forschung

Kurze Zeit später reisen wir per Lift vom Untergrund ins Parterre und befinden uns darauf in einer Werkstatt der anderen Art: der universitären Glasbläserei. Durch die Fenster dringt warmes Licht auf zahlreiche gläserne Zylinder und Kolben. «Alles, was wir hier herstellen, ist handgemacht», sagt Daniel Schnarwiler, der Leiter der Werkstatt. Diesem Mann merkt man die Freude an seinem Job an. Beflissen zeigt er die Laborinstrumente und erklärt, wozu sie dienen. «Die Hälfte unserer Produkte sind Unikate», sagt er stolz. Forschende kommen mit ihren Plänen zu Schnarwiler und wollen bei ihm eigene Glasinstrumente bauen lassen. «Einmal mussten wir für einen Biologen sogar ein Hummellabyrinth aus Glas anfertigen.» Welche Produkte er und sein Team herstellen, hängt immer von den Professoren ab, die gerade an der Uni Zürich lehren und forschen.

Seine Werkstatt repariert aber auch zerbrochene Instrumente aller Art. Einem fehlt eine Windung, bei einem anderen ist der Hals abgebrochen. Damit die Forschenden aber auch selbst Reparaturen machen können, bietet Schnarwiler einen Glasbläserkurs an. «Der ist meist ausgebucht.» Die Teilnehmer lernen nebst einigen Grundlagen auch praktische Dinge für den Alltag, wie etwa das Herstellen von Weihnachtsschmuck: «Ob man nun einen Kolben oder eine Christbaumkugel bläst, kommt nicht so drauf an», schmunzelt Schnarwiler. «Auch der Spass darf nicht zu kurz kommen.» 

 

Grösste Werkstatt der Uni

Wir verabschieden uns vom Mann mit den Bunsenbrennern und schlängeln uns durch weitere gesichtslose Gänge. Kurz darauf treffen wir auf den Leiter der grössten Werkstatt der Universität Zürich, Kurt Bösiger. «Wir stellen hier zu hundert Prozent Prototypen her», sagt der Leiter der Physik-Werkstatt, «darunter auch Teile für das Kernforschungszentrum CERN». Bösiger führt uns durch seinen stattlichen Maschinenpark. 

In den hohen Hallen stehen mehrere hunderttausend Franken teure Apparate. Allein die Bohrer der Instrumente sind ein Vermögen wert. Ein Lehrling arbeitet gerade an einem monströsen Gerät und prüft behutsam dessen Bestandteile. Der Verwendungszweck dieser Maschine ist mir als Amateur jedoch auch nach ausführlicher Erklärung noch unklar.  Die fünf Mitarbeiter und drei Lehrlinge fertigen hier aber auch profanere Dinge, wie etwa Spaghettitester für Barilla oder Kronleuchter für das Zürcher Opernhaus. «Die meisten Produkte stellen wir aber für Uni-interne Zwecke her», erklärt Bösiger. Darauf verabschiedet er sich und düst auf einem Gabelstapler davon. Mit Leo Kuonen tauche ich wieder in den Untergrund. Dort, inmitten der von Neonröhren beleuchteten Gänge, befindet sich ein Laden. Durchs Fenster sind zwei Studentinnen zu sehen, die über die Theke grosse Schachteln in Empfang nehmen. Dieser Laden strahlt durch seine utilitaristische Aufmachung den Charme eines DDR-Kleidergeschäfts aus – mit dem Unterschied, dass die Gestelle prall gefüllt sind. Auf 300 Quadratmetern verkaufen hier neun Mitarbeitende über 2000 Produkte. Was sie verkaufen, ist schwierig zu sagen. Die Vitrinen preisen Produkte an, von denen der Laie so viel versteht wie Thomas Gottschalk von Mode. Die säuberlich aufgestellten Gläschen und unförmigen Behälter für allerlei Fluides lassen wenig auf deren Verwendungszweck schliessen. 

 

Raumschiff Enterprise

Wir verlassen das unterirdische Fachgeschäft und gelangen schliesslich ins Reich von Leo Kuonen. Hier im Servicecenter kümmert man sich rund um die Uhr um die Wehwehchen des Irchels. Die übergrossen Flatscreens erinnern an Raumschiff Enterprise. Kuonens Mitarbeiter kümmern sich um Notfälle aller Art. Wenn es am Campus brennt, wird von hier aus die betriebsinterne Feuerwehr losgeschickt. Für diesen Fall stehen 20 Feuerwehrleute und ein rotes Einsatzauto mit UZH-Logo auf dem Kühler zum Einsatz bereit. So etwa auch im Mai 2012, als das Gebäude wegen eines Chemie-Unfalls evakuiert werden musste (ZS #2/13). 

Die meisten Alarme sind aber weniger schwerwiegend. Oftmals leuchten auf den Bildschirmen rote Punkte auf, wenn in einer der vielen Tiefkühltruhen in den Labors die Temperatur nicht mehr stimmt. Die Nachtschicht muss im Durchschnitt mit zehn solchen Alarmen rechnen. Doch das Servicecenter dient auch als Anlaufstelle: In der Nacht melden sich etwa die Securitas-Patrouille oder die Bestatter auf dem Weg in die Rechtsmedizin bei ihnen.

Ich verabschiede mich von Kuonen und tauche wieder an der Oberfläche auf. Die Sonne ist mittlerweile von Wolken verdeckt, die Studierenden sitzen wieder in ihren Vorlesungen. Der Komplex steht beinahe verlassen da. Und die vereinzelten Spaziergänger im Park ahnen nicht, was für eine futuristische Märchenwelt sich unter den Betonblöcken am Irchel verbirgt.

 

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