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Bild von einem Sit-in am Central auf dem Cover der ZS vom 16.6.1980.

Kalten Arsches

in Campus von

Wie die ZS über die Jugendbewegung von 1980 berichtete.

Neun Minuten. Nur neun kurze Minuten versetzten 1980 die Universität in Aufruhr. Sie führten zu einem der grössten Skandale der Zürcher Hochschule. Denn neun Minuten dauerte der Film, der den sogenannten Opernhaus-Krawall vom 30. Mai 1980 dokumentierte. Dieser Film beschäftigte auch die Macher des «Zürcher Studenten», wie die ZS damals hiess. 

Und so hat alles begonnen: Zürcher Ethnologie-Studierende hatten im Rahmen eines Uni-Projekts die Ausschreitungen dokumentiert. Die Reaktion kam prompt: Am 6. Juni verbot der damalige Bildungsdirektor Alfred Gilgen (siehe Überblick und Interview) das kurze Filmchen. 

 

Reportage aus dem besetzen Haus

Der Aufschrei im «Zürcher Student» war gross. Vom «Ethno-Skandal» und einem «heissen Sommer» war die Rede. Vor den Protesten war die Berichterstattung noch etwas spröder, wie beispielsweise eine Reportage mit dem Titel «Bericht über eine Hausbesetzung» zeigt. Etwas befremdet berichtet der Reporter über die Bewohner einer verlassenen Liegenschaft an der Wasserwerkstrasse.

Mit Argwohn nimmt der Autor zur Kenntnis, dass die Besetzer nicht politisch seien. Schlimmer noch: «Für sie ist die linke Politik diskreditiert.» Ansonsten bot die ZS mit ihrem chaotischen Layout auch Platz für Skurrilitäten. So gab es Rezepte für finnische Guetzli oder eine mehrseitige Kampagne zur Legalisierung von Haschisch.

 

Vereint gegen die Behörde

Ab dem Opernhauskrawall schlägt diese Distanziertheit gegenüber der Zürcher Bewegung in Partizipation um. Mit Enthusiasmus wird berichtet, wie die Studierenden versuchten, den Ethno-Film trotz Verbot zu zeigen. Im zum Bersten gefüllten Lichthof wartete man gespannt auf die Vorführung. «Es wird immer enger», schrieb ein ZS-Redaktor. «Alle Stockwerke sind besetzt, die Szenerie erinnert an ein römisches Amphitheater.» Doch die Vorführung scheiterte. Im Lichthof war es zu hell. Spontan ging man stattdessen demonstrieren. «Wir sind vereint gegen eine Behörde, die uns reglementieren will, bis wir uns selbst nicht mehr erkennen», beschreibt der ZS-Reporter die Stimmung. 

 

«Kopfjägerei»

Das Filmverbot wurde als «Rülpser der Obrigkeit» bezeichnet, der nach und nach zu einem Donnergrollen auswuchs. Denn fortan beschäftigte sich auch die Hochschulkommission mit dem Drehmaterial – und bestätigte Gilgens Filmverbot. Die Konsequenzen waren hart: Der Lehrauftrag des Ethnologen Heinz Nigg, der das Film-Team betreute, wurde nicht mehr erneuert. Zudem wurde gegen den damaligen Leiter des Ethnologischen Seminars ein Disziplinarverfahren eingeleitet. 

Die ZS kommentierte dieses Vorgehen scharf. Die Hochschulkommission habe sich «kalten Arsches» über die Wissenschaftlichkeit hinweggesetzt. Damit wolle Gilgen den «Ethno-Sumpf austrocknen». Der bereits vorher nicht sonderlich beliebte Bildungsdirektor wurde nun endgültig zum Feindbild der Studierenden. Um Gilgens angebliche «Kopfjägerei» unter Beweis zu stellen, wird er in einem ZS-Artikel mit den folgenden Worten zitiert: «Es ist mir egal, wenn ich mit Kanonen auf Spatzen schiesse. Hauptsache, ich treffe.» 

Doch der Skandal machte das Filmchen nur noch berühmter. Am Ende landeten Szenen davon im wohl bekanntesten Zeitdokument der Zürcher Bewegung: im legendären Filmpamphlet «Züri brännt». ◊

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