Gregory Kozlovsky hält einen Vortrag an einer Konferenz in Indonesien. (Bild: PD)

Kozlovsky gegen den Mundtod

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Die Geschichte von einem aufrichtigen Bürger, der es mit der ETH aufgenommen hat. Und wie der vorlaute Wissenschaftler aus der Forschung gedrängt wurde.

Was Gregory Kozlovsky an der ETH widerfahren ist, hat er noch nie erlebt. Und er ist in seinem Leben schon weit herumgekommen. Geboren und aufgewachsen im kommunistischen Weissrussland, forschte er später im sibirischen Novosibirsk. Ende der Achtzigerjahre promoviert er in Informatik, inmitten der kapitalistischen Bildungselite an der Universität Yale.
Mit dem Doktor im Sack verschlägt es ihn in die Schweiz. Am CERN in Genf verdient er sich seine ersten praktischen Sporen ab. Nach einem kurzen Intermezzo in der Privatwirtschaft findet er eine Anstellung an der ETH in Zürich. Als Projektmanager in der Abteilung International Relations and Security Network (ISN) betreut er die Entwicklung einer Suchmaschine. Schon zu Beginn seiner ETH-Zeit fällt Kozlovsky als kritischer Querdenker auf. Bisher war er es sich gewohnt, in seiner Forschung vollkommen frei zu sein. Sogar im kommunistischen Novosibirsk hätten die Forschenden grundsätzlich freie Hand gehabt.
Doch in der kleinen Schweiz am ISN überraschen ihn die hier herrschenden Verhältnisse. Rund vierzig Mitarbeitende unterstehen einer einzigen Autorität: Andreas Wenger. Gregory Kozlovsky sieht seine Forschungsfreiheit in Gefahr. «Eine solche Organisation muss nicht zwingend zu Willkür führen», merkt Kozlovsky an, «jedoch wird in strittigen Situationen Konformität bevorzugt.» Er eckt an, weil er diese Hierarchie kritisiert und vor Machtmissbrauch warnt. Die ETH empfindet Kozl0vskys Kritik als nichtig. In einem derart grossen System gebe es genügend Überwacher, und  Missbrauch jeglicher Art werde nicht toleriert. Für Gregory Kozlovsky eine unbefriedigende Antwort.

In der Hierarchie herabgestuft

Spätestens 2006 wird die Situation für Kozlovsky untragbar. Henrik Gudat wird sein direkter Vorgesetzter, und dieser stört sich am vorlauten Forscher.  Gudat rügtKozlovsky für angebliche Absenzen und stuft ihn bei der Vertragsverlängerung – aufgrund eines nichtigen Fehlers – in der internen Hierarchie herab. Doch damit nicht genug: An einem drückend heissen Sommermorgen bittet ihn Gudat in ein anonymes Sitzungszimmer. Dort eröffnet er Kozlovsky, freundlich, aber wenig missverständlich, dass dieser sein Projekt nicht länger betreuen wird. Zuständig sei jetzt die bulgarische Firma Tetracom. Gregory Kozlovsky ist überrascht und fragt nach den Gründen, erhält aber keine befriedigende Antwort.  

Die Rache des aufrichtigen Bürgers

Gregory Kozlovsky gibt sich damit nicht zufrieden. Er nutzt alle Möglichkeiten und setzt damit einen grossen Papierkrieg in Gange. Kozlovsky gräbt weiter in den Gärten der ETH und stösst auf Vetternwirtschaft, zensierte Budgets und technische Abstrusitäten. Institutsleiter Andreas Wenger hat genug von dem Querschläger. Ende 2007 setzt er Kozlovsky einen geänderten Arbeitsvertrag vor die Nase. Im zehnten Paragraphen müsste er sich verpflichten, Stillschweigen über die Interna des ISN zu wahren.
Doch Kozlovsky lässt sich nicht kleinkriegen: Im Internet (openness.ch) veröffentlicht er eine akribische Chronologie der Ereignisse und seitenlange Briefwechsel. Im Zentrum steht stets die Frage: «Warum wurde mir das Projekt entzogen?»
Darauf hat Kozlovsky noch immer keine Antwort erhalten. Sogar an oberster Stelle beim ETH-Rat wird er abgewiesen,  einen Grund für den Entzug seines Projektes kann ihm auch da niemand nennen. Kozlovsky sieht den einzigen Grund für das Chaos in Henrik Gudats Abneigung gegenüber seiner Person. Die starre Hierarchie am Institut begünstigte dann das Unvermeidliche.
Zusammen mit Anwälten der ETH drängt Gudat Kozlovsky, seine Webseite vom Netz zu nehmen. Doch das kommt für Kozlovsky nicht in Frage. Für ihn ist die Geschichte längst zu einem Kampf als David gegen Goliath geworden. Er ändert nur geringfügige Details, um rechtlich den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Für Kozlovsky wird der Streit immer emotionaler. Er wähnt versteckte Codes in den Formulierungen seiner Arbeitszeugnisse und vergleicht die ETH mit dem «nordkoreanischen System». An einer Krisensitzung geriet Kozlovsky in Rage. Er packte verbal den Hammer aus und fragte in die Runde: «Und was kommt als Nächstes? Beginnen wir jetzt Bücher zu verbrennen?»
Von der ETH möchte zu den Vorfällen niemand zitiert werden, man lässt aber verlauten, dass Kozlovskys Vorwürfe absurd seien. «Wären alle Anklagen korrekt, so müsste die ETH wohl von Grund auf neu organisiert werden», heisst es.

Die Beschwichtigung der Maschine

Heute, zwei Jahre danach, arbeitet Gregory Kozlovsky längst woanders, Details hierzu will er nicht preisgeben. Mit der ETH hat er aber nie ganz abgeschlossen. Er sieht sich als Opfer von Intrigen.  Und den Kampf für Gerechtigkeit hat er noch nicht aufgegeben. Er schreibt fleissig Leserbriefe und aktualisiert seine Internetseite immer dann, wenn in den Medien neue, kurios anmutende Fälle von Misswirtschaft an der ETH auftauchen.
Die ETH will von dieser Geschichte nichts mehr hören. Es wird angemerkt, dass er fachlich sehr gute Arbeit geleistet habe. Doch die dicke Akte Kozlovsky sei geschlossen. Am ISN sind neue Personen mit neuen Projekten beschäftigt.
Kozlovsky selbst sagt dazu resigniert: «Der Bürger hat den Kampf gegen die Maschine verloren.»

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