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    Wenn die Eltern Geld haben und gut ausgebildet sind, haben die Sprösslinge eine grössere Chance, die Matur zu bestehen. (Illustration: Philip Schaufelberger)
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    Für viele Kinder aus Arbeiterfamilien ist die Maturität in weiter Ferne. (Illustration: Philip Schaufelberger)

Matura dank Geld und gebildeten Eltern

von

Sandra Ujpétery, Joel Bedetti und [zac]

Wieso das Schweizer Bildungssystem gute, aber nicht gleiche Chancen bietet. Und weshalb wir in der Wahl des Studienfachs nicht ganz frei sind.

Es ist eine eindrückliche Geschichte. Ein Mädchen aus Sri Lanka sitzt am Deutschaufsatz bei der Gymiprüfung. Sie zögert bei der Themenauswahl. «Mein Zimmer», das geht nicht – wo doch die ganze Familie einen einzigen Raum bewohnt. «Wie ich Theater spielte»? Für solche Freizeitbeschäftigungen hatte die Schülerin neben dem Helfen im Haushalt nie Zeit gehabt. Bleibt noch das dritte Thema, ein seltsames Bild mit zwei Uhren, die eine unterschiedliche Zeit anzeigen. Dieses Thema wählt sie. Und scheitert.
Das Gymnasium ist das höchste Ziel für viele junge Schülerinnen und Schüler. Oft hängt der Schulerfolg von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab. Mit Geld lassen sich Vorteile und Vorteilchen kaufen: Vorbereitungskurse, Nachhilfestunden, Intensiv-Vorbereitung für die Probezeit in den Sommerferien. Und dann gibt es noch Privatschulen – für Gebühren im fünfstelligen Bereich. Aber immerhin: «Unsere Schule steht Schülern aus allen sozialen Schichten offen», heisst es auf der Homepage eines solchen Instituts. Doch dasselbe bietet nicht einmal Stipendien an.

Erfolg dank dem Bücherregal

Für den Rektor des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl, Nicolas Lienert, sind solche monetären Vorteile aber nicht
entscheidend. Wichtiger ist das banale Alltagsleben. Wenn beide Eltern voll arbeiten müssen, bleibt schlicht weniger Zeit und Energie für Aufgabenhilfe und überhaupt Aufmerksamkeit. Wie beim Mädchen aus Sri Lanka bestimmt also das familiäre Umfeld entscheidend mit, ob ein Kind den Sprung ins Gymnasium schafft oder nicht.
Kinder aus bildungsfernen Schichten schliessen viel seltener eine Mittelschule ab als Kinder aus bildungsnahen Schichten. «Bildungsnah» – ein abstrakter Begriff. Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich hat versucht, die Bildungsnähe anhand der Grösse von Bücherregalen in verschiedenen Haushalten zu messen. Deren Ausmass korreliert tatsächlich mit dem Schulerfolg der Kinder. Und wenn sich das ändert, dann höchstens, weil bald der iPad die gedruckten Bücher in den Regalen ersetzen könnte.

Bildungsferne Eltern «aufsuchen»

In einem bücherreichen Haushalt wird viel gelesen, belesene Eltern wissen mehr. So können sie ihren Kindern besser bei den Hausaufgaben helfen. Vor allem aber geben sie einen grösseren Wortschatz mit. Ein Kind mit einem beschränkten Wortschatz beginnt seinen ersten Schultag mit einem Rückstand, den es schwerlich wieder aufholen wird. Das Mädchen aus Sri Lanka hat ihn aufgeholt.
Doch nicht alle ihre Mitschülerinnen und Mitschüler hatten einen solch grossen Willen. Den anderen könnte eine frühe Förderung helfen. Doch diese wird vorwiegend von Eltern aus der Mittelschicht genutzt. Ein Teufelskreis: Bildungsferne, welche am meisten profitieren könnten, nutzen heute solche Angebote am wenigsten. In der Stadt und im Kanton Zürich gibt es daher verschiedene Projekte für «aufsuchende Familienarbeit», um diese Eltern zu erreichen und zu informieren.

Traumberuf Automech

Die Erwartungen der Eltern und Kinder werden auch vom Umfeld geprägt. Da­rum sind die Gymi-Quoten auch in ländlichen Gebieten tiefer. Dort ist das Gewerbe stark verankert, und auch Nichtakademiker, die nicht bildungsfern oder arm sind, geben einer Berufslehre den Vorzug. Andelfingen hat die tiefste Gymiquote im Kanton Zürich, doch da kommt keine Alarmstimmung auf: Der Klassenbeste der Sek möchte Auto-Mechaniker werden. Akademiker-Eltern akzeptieren eine solche Entscheidung seltener.
Wenn schon die Grosseltern den akademischen Bildungsweg beschritten haben und die meisten Kollegen auch an die Kanti wechseln, dann bedeutet die Sek sozialen Abstieg. Selbst wenn es nicht offen ausgesprochen wird: Eine Lehre steht schlicht nicht zur Dis­kussion. Viele Akademiker hinterfragen nie, ob das Gymi ihrem Kind am besten liegt. Gymnasialquoten von über 50 Prozent am Zürichberg und in den Seegemeinden kommen mit viel Druck zustande. Dies vermutet auch Thomas Bernet, Rektor des Freien Gymnasiums Zürich: «Normal wären vielleicht 30 Prozent.»
Der Druck lastet jedoch nicht nur auf den Kindern, sondern auch auf den Lehrerinnen und Lehrern. Lienert, Rektor des Gymnasiums Rämibühl, hat eine Zunahme von Rekursen wegen der Aufnahmeprüfung festgestellt. «Das sind Pauschalrekurse. Da merke ich gleich: Jemand probiert es einfach.» Lienert merkt an, dass es für Schulen und Richter viel heikler wäre, wenn Leute wegen
sozialer Benachteiligung rekurrieren würden.
Die Eltern des sri-lankischen Mädchens hätten also durchaus Erfolgschancen gehabt. «Aber so etwas hatten wir noch nie», räumt Lienert ein. Dafür haben Eltern anderswo auch schon mit dem Anwalt gedroht.
Doch nicht nur die Angst vor Anwälten motiviert die Lehrkräfte, gewissen Kindern bessere Noten zu verteilen. Sie sind nicht frei von Vorurteilen. Nur so lasse es sich erklären, dass neun von zehn Schweizer Kindern mit der Durchschnittsnote von 4,5 in die Sek A eingestuft werden, während das die Lehrerinnen und Lehrer nur jedem dritten Schüler mit kosovarischem Migrationshintergrund zutrauen, erzählt Jürg Schoch, Rektor des Gymnasiums Unterstrass.
Als Folge davon überschneiden sich die Leistungen in Sek A, B und Gymnasium stark. Und von den Neuntklässlern aus «benachteiligten» Familien, die in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften sehr gute Leistungen erbringen, ist weniger als die Hälfte in einem Gymnasium.

«Geld, das wir nicht haben»

Selbstverständlich gibt es aber auch viele Lehrkräfte, die ihre Schüler fördern. Sie können die finanziellen, sozialen und psychologischen Nachteile etwas abschwächen. Könnte das ganze Schulsystem den benachteiligten Begabten besser entgegenkommen? Nicolas Lie­nert befürwortet eine acht oder neun Jahre dauernde gemeinsame Schule. Doch auch er wendet ein, dass ein solcher Systemwechsel gut vorbereitet sein müsste und genügend Ressourcen bräuchte – das sei derzeit ohnehin nicht gegeben. Dem Schweizer Bildungssystem zugute halten kann man aber, dass es nach der ersten Zäsur am Ende der Primarschule noch zahlreiche andere Wege gibt, um später an einer Hochschule studieren zu können. Auch nach der obligatorischen Schulzeit bieten die kantonale Matur für Erwachsene (KME), Berufs- und Fachmittelschulen, Fachhochschulen und Passerelle neue Chancen zur Ausbildung.
Während beim Übertritt ans Gymnasium das Geld, das soziale Umfeld und der Druck der Eltern eine entscheidende Rolle spielt, wird beim Übertritt an die Hochschule die familiäre Situation bedeutend. Dann nämlich, wenn es um die Wahl des Studiengangs geht. Das zeigen die Resultate der Studie «Soziale Lage der Studierenden 2005.»
Die Studie belegt auch, dass sich diese «Selbstrekrutierungsquote» von Fach zu Fach in unterschiedlicher Stärke zeigt. Am höchsten ist sie bei den Theaterstudierenden: Sie haben zu fast 60 Prozent einem Akademikerstammbaum. Am zweithöchsten ist sie bei den Medizin- und Pharmakologiestudierenden: Mehr als die Hälfte ihrer Eltern verfügen über einen Hochschulabschluss. Bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern sind es weniger als 40 Prozent.
Interessant ist auch der Blick über die Uni-Grenzen auf die Fachhochschulen. Grundsätzlich bestätigten die Resultate die Vermutung, dass älteren Fachhochschüler in der Tendenz nie­drigeren sozialen Schichten entstammen und mit Berufs- oder Erwachsenenmatur hochschulreif geworden sind. Die Abstufung nach Studiengängen ist auch hier vielsagend: Bei den Sportstudierenden nur etwa fünf Prozent Akademikereltern, auch Fächer wie Architektur, Chemie, Technik und soziale Arbeit sind mit unter 20 Prozent typische Aufsteigerfächer.

Keine klare Antwort

Auf subtile Weise bestimmen das Milieu und der Beruf der Eltern sogar die Studienwahl des Zöglings mit. Die Beobachtung, dass Arztkinder oft in die Fussstapfen ihrer Eltern treten, ist in Deutschland statistisch untersucht worden. Die dortigen Bildungsforscher massen die Selbstrekrutierungsquote bei den Medizinern kurz nach der Jahrtausendwende bei 25 Prozent.
Wie subtil dieser Prozess vor sich geht, wurde dem Bildungsforscher David Kriege bewusst, als er die Studierenden fragte, wieso sie sich für das selbe Studium wie ihre Eltern entschieden hatten: Sie wussten keine Antwort. Krieger schrieb in einer 2002 erschienenen Studie, dass die Gründe, die dazu führen, «nicht im Lichtkegel des Bewusstseins liegen.»

Aufsteiger sind unabhängiger

Mit dem freien Willen ist es, zumindest in der Studienwahl, also nicht weit her. Was die Bildungsforscher nicht messen, sondern nur vermuten können, ist, dass Studierende ohne studierte Eltern bei der Wahl freier sind. Sie sind in der Regel aufgrund ihres höheren Alters und der finanziellen Eigenständigkeit von den Eltern unabhängiger. Und sie müssen keine Traditionen weiterführen. Arbeitereltern dürften in den meisten Fällen wohl stolz sein, dass das Kind überhaupt studiert.
Freuen dürfen sich auch die Eltern des tamilischen Mädchens, das an der Gymiprüfung den Aufsatz vermasselte, weil es kein eigenes Zimmer hatte. Denn sie konnte noch an die mündliche Prüfung – und bestand ohne Mühe. In diesem Sinne lässt sich das Beispiel auch positiv lesen: Es ist möglich. Auch ein sehr benachteiligender Hintergrund muss einen Aufstieg durch Bildung nicht verhindern.

 

Das Programm «ChagALL»
Mit dem Programm «ChagALL» fördert das private Gymnasium Unterstrass talentierte Sekschüler mit «Migrationshintergrund», deren Eltern sich kein Lernstudio leisten können. Sie werden für die Prüfung ans Kurzgymi vorbereitet. Im ersten Jahrgang bestanden fünf von elf, im zweiten bereits neun. Rektor Jürg Schoch erzählt, wie die Projektleiter dazugelernt haben: «Es ist schon ein Erfolg, wenn einer aus der Sek B in die A aufgestuft wird oder dank der Förderung eine gute Lehrstelle findet.» Es gebe aber auch bildungsferne Eltern, die ihre Kinder ins Gymi pushen – «dabei ist das Programm für Schüler gedacht, die das aus eigenem Antrieb wollen.» Das andere Extrem seien geradezu «bildungsfeindliche» Eltern, die nicht mal die Briefmarke für eine Lehrstellenbewerbung zahlen wollen. Da könne man gar nichts tun.
Momentan hilft «ChagALL» zwölf Schülerinnen und Schülern bei der Prüfungsvorbereitung. Schoch wünscht sich, dass es noch viel mehr werden, dass es zum Modell für die ganze Volksschule wird. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg. Die Mittel sind knapp, und man hat sich neben den Begabten ja auch um diejenigen zu kümmern, die schon mit Lesen und Rechnen Mühe haben. [suj]


Kommentar

Wir haben es an die Uni geschafft. Wir sind die Bildungselite. Wir haben das Ziel erreicht. Kaum in einem anderen Land ist der Zugang zur Bildung so frei wie in der Schweiz. Eine bestandene Maturitätsprüfung ist bereits die Eintrittskarte zu allen Hochschulen im Lande. Das ist gut und wichtig.
Die Bildung ist der bedeutendste und nachhaltigste Rohstoff der Schweiz. Ebenso wichtig ist es, dass alle eine faire Chancen haben, dieses Ziel zu erreichen. Wo das nicht der Fall ist, muss daran gearbeitet werden, bis die Chancengleichheit hergestellt ist. In dieser Debatte geht aber oft vergessen, dass die akademische Ausbildung nicht einfach der Königsweg und die sogenannte Bildungselite nicht das Nonplusultra ist. Wir müssen keine Kinder zu ihrem Glück zwingen.
Die zahlreichen Förderungsprogramme fördern nicht immer die Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler. Schon im frühen Kindesalter orientieren wir uns an Ranglisten, bereits die ABC-Schützen sind einer Notenskala unterstellt. Erfolgreich ist, wer auf einer Skala von 1 bis 6 möglichst weit oben steht. Erfolgreich ist auch, wer viel verdient.
Höchstes Qualitätsmerkmal ist der Grad der Bildung. Wer keine Hochschule besucht hat, bildet sich im Beruf weiter, um höher nach «oben» zu kommen. Die Wege weiter «unten» sollten mehr wertgeschätzt werden. Der Gang durch das Gymnasium an die Uni ist einer von mehreren gleichwertigen Pfaden. Die Kinder sollen nicht zum Glück geführt werden, sondern es selber finden. [zac]

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