(Bild: zvg)

Nach der Revolution ist vor der Ehe

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Die Rolle der Katniss Everdeen aus den Hunger-Games-Filmen wurde von Feministinnen weltweit als starke Frauenfigur gelobt. Sie hätten den vierten und letzten Teil abwarten sollen.

 

Sie das Aushängeschild einer Revolution. Sie kämpft an der Seite der kleinen Leute bis das autoritäre Regime untergeht und eine schwarze Frau in freien Wahlen zur Präsidentin erkoren wird. Die Figur der Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) ist eine überraschend positive, denkt man sich. Besonders für einen Film, der sich primär an pubertierende Mädchen richtet. Everdeen kämpft nicht halbnackt wie Lara Croft und ihr Charakter ist hochkomplex, verglichen mit dem dumpfen Mädchen aus der Twilight-Reihe, deren Leben durch die Liebe zu einem Vampir völlig fremdbestimmt ist. Aber die Sache ist perfider: Nur weil sich die Geschlechterstereotype hier hinter bogenschiessenden, Militärstiefel tragenden Frauen verbergen, sind sie nicht weniger fatal.

 

Zwang der Ehe

Aber worum geht es in den Hunger Games? Der korrupte Diktator Snow (Donald Sutherland) beutet die Menschen in Panem schamlos aus – um politische Unruhen zu vermeiden, kompensiert er das öde Leben unter seiner Herrschaft mit zahlreichen Medienspektakeln. Das funktioniert – bis eines Tages die aufmüpfige Katniss Everdeen eines der Gladiatorenspiele (Hunger Games) überlebt und der Bevölkerung Hoffnung auf eine andere Zukunft gibt. Sie wird zum Aushängeschild einer Bewegung, die sich dann während drei langer Filme ihre Freiheit erkämpft. Everdeen ist eine Heldin. Obschon ihr als solche Ruhm und Ehre zustehen, endet der Film auf einer Blumenwiese, etwa fünf Jahre nach der Revolution. Everdeen ist mittlerweile zweifache Mutter und hat die kugelsichere Weste mit einem lieblichen Blumenkleid eingetauscht. Die Filmreihe gibt seinen jungen Zuschauerinnen also zu verstehen: Du kannst alles sein, was du willst. Sogar eine Heldin. Aber das wahre Glück ist das häusliche. Du kannst dich allen Zwängen widersetzen, wie Everdeen, die unberechenbar ist und sich von keinem Regime instrumentalisieren lässt – aber dem erlösenden Zwang der Ehe kannst du nicht entkommen.

 

Keine Abenteuer wie Bond

Katniss Everdeen ist also gleichzeitig das Aushängeschild einer politischen Revolution und eines bürgerlichen Ideals. Sie ist konservativ und damit trifft sie den Nerv unserer Zeit. Es ist wieder hipp, sich jung zu verloben. Eine wunderschöne Braut zu sein, der Traum vieler junger Frauen. In dieser komplexen Welt mit ihren zahllosen Möglichkeiten ist das eheliche Idyll ein verführerischer Gedanke. Sogar unsere Heldin Everdeen fällt darauf rein. Für sie endet das Abenteuer dort, wo es für männliche Leinwandfiguren wie James Bond erst beginnt. Während sich Bond am Schluss mit irgendeiner Schönheit an einen exotischen Ort absetzen darf, muss Everdeen im Reihenhaus bleiben. Warum? Kein Regisseur würde Bond (Daniel Craig) mit seiner Madeline Swan (Léa Seydoux) und ihren Kindern in der Bretagne beim Picknick zeigen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer würden Bond auch nicht in der Mitte des Filmes in Tränen ausbrechen sehen wollen, weil er die Leben seiner Liebsten gefährdet, wie dies Everdeen tut. Und ein Drehbuchschreiber würde seinen Protagonisten auch nicht die Revolution verpennen lassen, weil er ohnmächtig auf der Strasse liegt (wie Everdeen), denn Passivität ist kein männliches Attribut.

 

Böse Frauen sind nicht die Lösung

An dieser Stelle könnte man einwenden, dass es in den Hunger-Games sehr wohl eine Frau gibt, die kaum typisch weibliche Attribute trägt: Die politische Anführerin der Rebellen, Präsidentin Coin, gespielt von Julianne Moore. Sie ist böse, unmoralisch und machtgeil. Nach der Revolution erklärt sie sich zur alleinigen Machthaberin und verschiebt Neuwahlen in eine unbestimmte Zukunft. Da wird sie von der korrekten Katniss getötet. Aber diese Umkehrung der Geschlechterstereotype löst das Problem nicht, es vertieft nur die binäre Struktur, die unser Denken geisselt: Mann – Frau, gut – böse, christlich – teuflisch. Das ist doch langweilig. Was Hollywood braucht, sind spannende, überraschende Figuren, clevere Scripts, schockierende Wendungen. Wir brauchen Heldinnen und Helden, die sich nicht über ihr Geschlecht definieren lassen, sondern über ihr Talent, ihre Rhetorik, ihre Mimik, ihre Ideen, ihr Genie. Tiefschichtige Menschen, kein braves Fräulein mit Pfeil und Bogen, das nach der Revolution wieder seinen Platz hinter dem Herd findet. Jungen Mädchen darf nicht suggeriert werden, dass das Glück zwingend dort zu finden ist. Denn meist ist das Glück dort, wo das Abenteuer beginnt – nicht dort, wo es endet.

 

The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 (2015): 137 Minuten. Seit dem 19. November in allen grossen Kinos.

Regie: Francis Lawrence, mit: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth, Julianne Moore, Donald Sutherland, Philip Seymour-Hoffman

 

 

6 Comments

  1. Ich glaube, Sie haben ihre Figur nicht ganz verstanden: Katniss wollte nie Teil dieser Revolution sein, sondern nur ein sicheres Leben führen. Dafür zu kämpfen und wenn es ereicht ist, sich zurückzuziehen, zeugt mehr von Stärke, als danach machtgierig zu werden. (vergl. Präsidentin Coin)
    Was mich stört an Ihrer Interpretation: Eine starke Frau, die für Freiheit kämpft, kann gar keine Kinder wollen. D.h. jede Politikerin darf keine Kinder wollen, oder wie soll man das verstehen? Ihre Aussage ist genauso schlimm, wie diejenige, die Sie als schlimm betiteln. Sie sagen nämlich, dass nur schwache Frauen Familie wollen.

  2. So wenig mir die „und dann lebten sie glücklich mit ihren Kindern“-Film und -Buchenden gefallen (Harry Potter ist das grässlichste Beispiel dafür), ist es für diese Geschichte notwendig. Katniss erwähnt irgendwann, dass sie keine Kinder will, um sie nicht der Gefahr auszusetzen, an den Hungerspielen teilnehmen zu müssen. Sie hatte also vielleicht schon den Wunsch nach Kindern, unterdrückte ihn aber aus Fürsorge und Angst. Fünf Jahre nach dem erfolgreichen Sturz des Diktators kann sie nun ohne Angst leben und eben auch Kinder in die Welt setzen. Es schliesst sich also ein erzählerischer Kreis.

  3. Liebe Carmen, im Text heisst es an keiner Stelle, dass eine Freiheitskämpferin keine Kinder wollen darf. Das entspräche auch nicht meiner Meinung. Im Gegenteil: die Mehrheit der Feministinnen, die ich bewundere, sind Mütter. Meine Kritik am Film ist eine andere: Er suggeriert, dass Frauen ausschliesslich im Muttersein ihr Glück, ihre Bestimmung finden können – während Männern andere Optionen auch offen stehen: Warum wird ihnen nicht suggeriert, dass das häusliche Leben das oberste Ziel ist? Um diese ungleichen Ausgangslagen geht es mir.

    Natürlich sollen Frauen Mütter werden dürfen! Ist ja auch was Tolles. Aber auch Astrophysikerinnen, Revolutionärinnen oder Präsidentinnen – wenn sie das lieber wollen. Und Hollywood sagt mir seit ich denken kann, dass ich Mutter sein soll und ich habe dann ein seltsames Gefühl, wenn ich merke, dass ich lieber was anderes will. Ein Mann hätte diese Gedanken – in Bezug auf der Vatersein – wohl nicht. Darum geht es mir…

  4. Liebe Nina, danke für Ihre Antwort! Habe sie leider erst jetzt gesehen… Ich verstehe Ihre Kritik am Film jetzt besser, teile Ihre Meinung allerdings nicht ganz 😉 Für mich suggeriert dieser Film hauptsächlich, dass ich als Frau einen grossen politischen Beitrag leisten kann, wenn auch in diesem Beispiel leider eher mit Gewalt. Aber Sie haben sicher Recht, dass Männern mehr und diversere Rollen in Hollywood -t werden! Freundliche Grüsse!

  5. Hallo!
    Toller Beitrag! Allerdings hatte ich Katniss in der Familienszene nicht als total erfüllt erlebt, sogar sehr kritisch. Ich hatte das Gefühl sie sei einfach nur froh dass sie nicht mehr Kämpfen muss, Anführen muss. Ich hatte das Gefühl, dass sie das eigentlich gar nie wollte, sondern einfach ihre Ruhe haben. Daher denke ich ist das für Katniss wirklich ein angekommen sein.
    Die Beziehung zu Peeta sah ich nicht eigentlich als grosse, romantische Liebe an sondern als 2 Menschen, die durch so viel gemeinsam gehen mussten dass es einfach nicht mehr geht ohne den Anderen. Ich hatte auch den Eindruck dass es eher Peeta ist der sich den Kindern und den häuslichen Dingen widmet und Katniss auf die Jagd geht und die Familie versorgt. Aber das sind natürlich nur meine eigenen Interpretationen. Vielleicht auch nur Wunschvorstellungen ;).

    Fakt ist, dass jeder selber das finden muss was ihm gut tut. Für viele Menschen ist das Familie und Kinder. Wie Sie aber geschrieben haben wäre es dringend, dringend nötig dass auch mal gezeigt wird dass es für andere Leute eben nicht so ist und die genau so erfüllt und glücklich werden können. Ich kenne so viele Leute für die es nie eine Frage war ob sie nun eine Familie wollen, und es sich daher auch zu wenig überlegten. Es war ja für sie der einzige Weg. Und ich kenne nicht wenige, die sich nachträglich gewünscht hätten, sich auch andere Alternativen doch zumindest überlegt zu haben.
    Und Menschen die sich für einen alternativen Weg entschieden haben müssen sich rechtfertigen oder werden unter Druck gesetzt (von gut meinenden Menschen). Auch das erlebe ich oft!
    Familie ist eine Möglichkeit, eine schöne, erfüllende, aber nicht die einzige!

    Lieber Gruss C
    Carmen
    Ich habe

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