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    Sleepless: Am Melt ist der Name der Bühne Programm.
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    Malerisches Openair: Entspannung im Schilf vom ewig hämmernden Bass.
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    Gewusel im Dunkel: Die Nacht fördert sonderbare Kreationen zu Tage.

«Sommer der Extreme»: Wir schmelzen

von

Am 15. Melt-Festival in Gräfenhainichen (D), sagen sich Fuchs, Hase und Raver gute Nacht und guten Morgen. Protokoll eines Mitgerissenen.

Sonntagmittag. Die meisten sind noch wach. Ich häute mich nach ein paar Stunden Halbschlaf in der Kälte aus meinem Schlafsack. In meinem Campingstuhl liegt ein Fremder. Er trägt Sonnenbrille und Unterhosen, seine Kiefer mahlen, sein Englisch ist gebrochen, mit holländischem Akzent.  «4-FA», knirscht er zu einem meiner noch wachen Mitstreiter, «kenne ich, in Holland nennen wir sie Flux». Am Donnerstag waren noch «Suche»-Schilder an Zeltwände geklebt worden. Kleine Trauben junger, etwas unsicherer Menschen, stolperten die Wege entlang und fragten jede mittelgrosse Zeltgemeinschaft schüchtern nach Stoff. Was zum Schlucken, was zum Spicken… Wir sind mit unseren Zürcher THC-Gewohnheiten fast schon Aussenseiter. Spätestens Freitagmittag sind aber auch hier alle versorgt oder angenehm angetrunken. Die Klicks und Beats im Viervierteltakt, die aus allen möglichen und unmöglichen, offiziellen und inoffiziellen Winkeln des Camps dröhnen, untermalen den Nachmittagsrausch.

 

Keine Billigbier-Polonaisen

Liegt man dann nachmittags am Baggersee und lässt die Blicke schweifen, wähnt man sich in einer Neon-Sommerausgabe. Lauter entspannte Mittzwanziger: Jutensack-Träger, Schnauzbärte, Kleider aus dem hintersten Secondhandschuppen in Ostberlin, bunte Fingernägel, Glitzer, gesitteter Schabernack. Dafür keine Billigbier-Polonaisen und nächtliche Zeltbrände. Hier ist man der Entspannung, Loslösung und Musik wegen anwesend. Nicht, um in ein frühkindliches Stadium zurückzukehren. Obwohl: Als am Sonntagnachmittag dann die Analkoholika am campingeigenen Supermarkt ausverkauft sind, brüllt die verbrannte Meute hinter ihren Sonnenbrillen doch ganz ordentlich. Die Sonne brennt sowieso nonstop auf die lädierten Köpfe, Wasser könnte man gut gebrauchen. Doch bei allen Waschbecken kleben improvisierte „Kein Trinkwasser“-Fötzel. Vor einem Jahr seien die noch nicht da gewesen, hört man von Erprobten. Was immer das heissen mag.

Wenn dann die Schatten wieder länger werden und die Biere wieder kalt, die langen Hosen angezogen, die Rucksäcke mit Pullovern, Tabak und Sonnenbrillen gefüllt sind, dann beginnt die Pilgerreise Richtung Ferropolis, der eigentlichen Attraktion. Alles andere ist ja Beigemüse.

 

Ferropolis

Ferropolis, die Stadt aus Eisen. Wo früher Braunkohle gebaggert wurde, ist nun ein Maschinenfriedhof. Ausser eben an diesen Wochenenden im Juli, wenn Heerscharen Musikverrückter die Halbinsel entern und mitten im unwirklichen Baggerpark die Nächte durchtanzen. Mein Lieblingsbagger heisst Gemini. Er ist geschätzte fünfzehn Meter hoch und mindestens doppelt so lang. Und in regelmässigen Abschnitten stösst er drei riesige Feuersäulen in den ansonsten neongefärbten Nachthimmel. Vorne und hinten schmücken ihn Discokugeln und aus den Fenstern der ehemaligen Führerkabine blitzt ein Stroboskop.

Diese ganz merkwürdige Location hat viel zum Ruf des Melt-Festivals beigetragen. Auf insgesamt fünf Bühnen spielt ein buntes Potpourri kontemporärer Musiker, die man mehr oder weniger als elektronisch einordnen könnte. Während auf der Mainstage auch mal «handgemachte» Musik gespielt wird – unter anderem war Pete Doherty mit seinen Babyshambles zu Besuch –, ist die Big Wheel Stage in festen Händen namhafter Plattendreher. Während sich dort in der ersten Nacht die Berghain-Crew für das ewige Bumbum verantwortlich zeichnet, kuratieren die Workaholics von Modeselektor ihre eigene Bühne unten am Strand. Benjamin Damage projiziert riesige Elefanten auf die LED-Schirme links und rechts von ihm. Der Mond spiegelt scharf im Wasser. Es ist kühl geworden.

Kurz vor Trentemøller setze ich mich wieder ins Halbrund vor die Hauptbühne und denke: Selten habe ich ein Openair erlebt, an dem ich so viel Platz um mich herum hatte. Zwar sind die Besucherzahlen angeblich dieses Jahr erstmals jenseits der Zwanzigtausend angekommen, viel darunter gelitten habe ich aber nicht. Am Fressweg, wo sich Bars und kurlige Essstände abwechseln, ist es zwei Stunden mal etwas eng. Aber direkt vor den Bühnen gerät man nie in ein klassisches Hau-Ruck-Knäuel. Im schlimmsten Fall steht man etwas zur Seite und selbst dann verpasst man wenig.

So mache ich das auch jetzt bei Trentemøller. Sitzen schont die Beine. Von irgendwo kommt plötzlich ein halbnackter Portugiese hergehumpelt und will etwas von mir. Ich scheine ihn nicht richtig zu verstehen: Als ich ihm eine Zigarette gebe, schmeisst er sie in hohem Bogen weg. Dann versucht er, ganz Jedi-mässig, die Zigarette durch die Luft wieder zu sich heranzuziehen, hoch konzentriert, mit ausgestreckten Armen. Er schafft es nicht, auch mit dem herumliegenden Abfall will es nicht klappen. Dann stampft er zufrieden lächelnd davon.

Zwei Nächte später gönnen dann am selben Ort die nominellen Headliner Atoms for Peace den ausgetrockneten Hörern ein hervorragendes Konzert. Fleas Bass massiert den Bauch, während bis zu vier Leute auf die Perkussion einschlagen. Eigentlich der perfekte Abschluss – wäre da nicht der Sleepless Floor.

 

Sleepless Floor

Wenn das Melt einen Puls hätte, dann wäre es der Sleepless Floor. Diese letzte «Bühne» liegt vor den eigentlichen Toren zu Ferropolis und beginnt seinen Dienst erst am Samstagmorgen um 7 Uhr, wenn in Ferropolis die Subwoofer verstummen. Ab dann gibt es hier kein Halten mehr. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, über 48 Stunden lang, gibt es hier keine Pause. Etwa zwanzig DJs geben sich hier nacheinander vor denjenigen die Ehre, die nie nach Hause gehen. Am Sleepless Floor tanzen die Hartgesottenen, die Lachgasverkäufer, die Nimmersatten wie auch die Frühaufsteher, die Sonnenanbeter und die Hippie-Engel.

Sonntagnacht nach Atoms for Peace verstört hier zuerst mal Ellen Alien die Übriggebliebenen mit futuristischen Sounds direkt aus dem Raumschiff Enterprise und vertreibt damit noch letzte Sleepless-Skeptiker. Doch ein Jahr lang wird es hier wieder still sein, und so geben wir uns dem Spektakel noch einmal hin, bis wir in der Dämmerung die Gesichter und Körper wieder klarer sehen. Synchron, links-rechts, stunden-, tagelang. Wir sind uns einig, dass auch mal genug sein kann.

Wenn man sich dann noch hinlegt, die Nacht das Zelt ein wenig abgekühlt hat, dann spürt man den Sleepless Floor immer noch. Wenn der Kopf den Boden berührt, vibriert er durch die Bässe sanft mit.

 

Shuttlebus nach Gräfenhainichen

Montags, halb elf, in Deutschland. Stöhnend stehen wir in der Schlange zum Shuttlebus. Früh kommen ist die Devise, für mehr Busse reicht anscheinend das Geld nicht. Wasser wird herumgereicht. Auf der zwölfstündigen Zugfahrt, im Zickzack durch Germanien, werde ich Zeit zum Nachdenken haben. Ich werde noch einmal grinsen über den völlig Zerstörten, der um sieben Uhr mit blutig gebissenen Lippen an einer Sanitäterin vorbei zuckte. Ich werde all die hübschen Töchter noch einmal sehen. Ich werde, auch wenn es völlig ruhig ist, das ewige Bumbum noch in meinem Schädel hören. Aber solange wir hier anstehen, ist das Bumbum noch real, und es kommt  immer noch vom Sleepless Floor, der einen Kilometer entfernt die Knochen der Letztverbliebenen zum Rasseln bringt.

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