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    L. 1994 vor dem Landgericht Dortmund (rechts). (Bild: antifaschistische zeitung NRW 5/1994)
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    L. stand vor Gericht wegen Verdacht auf Mitgliedschaft in der «Nationalen Offensive». (Bild: Verfassungsschutzbericht 1992)

Vom Neonazi zum Assistenten

in Campus von

Vier Jahre lang lehrte ein Ex-Neonazi an der Uni. Die Verantwortlichen wussten von nichts. Als die Geschichte rauskam, lief sein Vertrag aus.

«(Ehemals?) rechtsradikaler Assistent am Philosophischen(!) Seminar». Per Email schwirren an der Uni Gerüchte umher. Grund für die Aufregung ist die braune Vergangenheit von L.*, der seit 2007 Assistent der Seminarvorsteherin Katia Saporiti war und unter anderem Heidegger lehrte.

Google vergisst nicht

Herbst 2010. L. steht vor einem Scherbenhaufen. Seine akademische Karriere ist kurz vor dem Ende. Seine Kollegen meiden ihn. Studierende sind auf Webseiten antifaschistischer Initiativen auf seine Vergangenheit gestossen. Ins Netz gestellte Antifa-Zeitungen aus den 90er Jahren zerren ins Jetzt, was L. für immer verschweigen wollte.
März 1994. L. steht als 18-Jähriger vor Gericht. Die Anschuldigung wiegt schwer: Bildung einer kriminellen Vereinigung. L. gibt sich gelassen. Mit Lederjacke und Sonnenbrille – dem «klassischen Neonazilook», wie antifaschistische Prozessbeobachter spotten – versucht er seine jugendlichen Züge zu verdecken. Parolen wie «Deutschland uns Deutschen» oder «Drogendealer ins Arbeitslager» hatte L. nicht nur vertreten, sondern auch – zusammen mit verfassungswidrigen Symbolen – an Wände gesprüht. Die Parolen lassen erschaudern, umso mehr in einer Zeit, in der es in Deutschland zu Brandanschlägen und anderen Gewalttaten gegen Migranten kam.
Vieles weist darauf hin, dass L. trotz seines zarten Alters die neue Hoffnung der rechten Szene war. Diese hatte zu dieser Zeit mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen. L. betrieb noch während des Prozesses zusammen mit seinen Kameraden die Gründung einer lokalen Sektion der Partei «Deutsche Nationalisten».
Eine öffentliche Gründungsversammlung wurde von der Polizei verhindert. Laut einem Sitzungsprotokoll, das der ZS vorliegt, fand die Gründung des Landesverbands Nordrhein-Westfalen schliesslich in der damaligen Wohnung von L. in Dortmund statt.
Nach einem juristischen Hin und Her wurde L. schliesslich 1999 für das Sprühen der Naziparolen und verfassungswidriger Symbole verurteilt. Da er zur Tatzeit noch minderjährig war, brummten ihm die Richter eine erzieherische Massnahme auf: 100 Sozialstunden. Die Bildung einer kriminellen Vereinigung konnte L. nicht nachgewiesen werden
«Ich habe mich noch im Jahre 1994 aus der Neonaziszene zurückgezogen», sagt L. heute. Er sei später sogar selber Opfer der Rechten geworden. Seine ehemaligen Kameraden hätten sich an ihm gerächt. Allmählich wächst Gras über die Sache. L. schliesst seinen Magister mit Bestnoten ab und legt eine akademische Karriere hin.

«Von nichts gewusst»

Im November 2011 konfrontieren Angehörige des Mittelbaus L. mit den Gerüchten. Erst jetzt legt er seine Vergangenheit gegenüber seiner Vorgesetzten offen.
«Ich verurteile gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in aller Form», sagt L. und fügt an, dass seine Vergangenheit mit seiner Tätigkeit in der Philosophie nichts zu tun habe. Deshalb habe er sie verschwiegen.
Saporiti ist geschockt. Sie hat mit L. schon während ihrer Zeit in Bielefeld zusammengearbeitet und sogar seine Magisterarbeit betreut. «Ich habe nichts geahnt», sagt Saporiti. Dies obwohl es gereicht hätte, einmal seinen Namen zu googeln. 2007 holte Saporiti L., der sich bei ihr auch als Tutor bewährt hatte, nach Zürich. Hier arbeitete L. an seiner Dissertation und gab verschiedene Seminare. Neben Schopenhauer, Kant und altgriechischem Skeptizismus lehrte er auch Heidegger.

Ex-Neonazi lehrte Heidegger

Laut dem Heidegger-Biografen Anton Fischer hatte das NSDAP-Mitglied Heidegger «der Ideologie des Faschismus ein philosophisches Mäntelchen umgehängt, das naive Leser leicht irreführen kann». Es gebe kaum einen grossen Philosophen, bei dem sich Philosophie und Ideologie so sehr vermischen. Deswegen sei eine kritische Lektüre hier besonders angebracht.
L. betont, dass er Heidegger kritisch lese und in den Seminaren auf heikle Stellen aufmerksam gemacht habe. Tatsächlich sind keine Hinweise bekannt, die dieser Darstellung widersprechen. Im Gegenteil. Teilnehmende von L.s Seminaren zeigten sich überrascht, als sie von der Neonazi-Vergangenheit ihres ehemaligen Dozenten erfuhren. Auch Saporiti ist überzeugt, dass L. die Neonaziszene hinter sich gelassen habe und es an seinen Lehrveranstaltungen in dieser Hinsicht nichts auszusetzen gebe.

«Höchst bedauerlicher Einzelfall»

Nach L.s Eingeständnis seiner Vergangenheit verlängert Saporiti den Vertrag, der Ende 2010 ausläuft, nicht mehr. Ihre Entscheidung begründet sie mit dem gestörten Vertrauensverhältnis. Es hätten aber auch fachliche Gründe wie das schleppende Vorankommen von L.s Dissertation eine Rolle gespielt. Diese betreut Saporiti nun aber weiterhin. Bernd Roeck, Dekan der Philosophischen Fakultät, findet es «höchst bedauerlich», dass während vier Jahren ein ehemaliger Neonazi an seiner Fakultät unterrichtete. «L. hätte seine Vergangenheit offen legen müssen.» Eingestellt hätte ihn Roeck jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach auch dann nicht. «Es gibt so viele interessante junge Leute ohne eine solche Vergangenheit.»
Zusätzliche Abklärungen bei Personalentscheiden findet Roeck, wie auch Saporiti, nicht nötig. Es handle sich um einen krassen Einzellfall. Saporiti scheint nun verhindern zu wollen, dass dieser bekannt wird. Sie hat uns gebeten, auf die Veröffentlichung dieses Artikels zu verzichten. Die Studierendenvertretung wurde zwar an der Seminarversammlung informiert. Die meisten Studierenden bezogen ihr Wissen über den Fall L. aber weiterhin ausschliesslich über kursierende Gerüchte.
Im Moment geht L. rechtlich gegen Darstellungen seiner Vergangenheit im Internet vor. Der «Spiegel» hat mittlerweile Passagen über ihn im Onlinearchiv anonymisiert.

Mitläufer oder Kader?

L. hat eine «Eidesstattliche Versicherung» abgegeben, worin er schreibt, de jure nie Landesvorsitzender der «Deutschen Nationalisten» gewesen zu sein. Er stützt sich dabei auf die Tatsache, dass er zur fraglichen Zeit noch minderjährig gewesen sei. Allerdings: Das Protokoll der Gründungssitzung unterschrieb L. eine Woche nach seinem 18. Geburtstag. L. zweifelt die Echtheit dieses Dokuments an.
Unabhängig von dieser Diskussion: Ein Zurück ans Philosophische Seminar gibt es für L. nicht mehr. Saporiti wird die Stelle neu besetzen. Obwohl sie durch diese Geschichte misstrauischer geworden ist, werde sie die Bewerber nicht vorher googeln. ◊

* Name der Redaktion bekannt.

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18 Comments

  1. Es ist bezeichnend, dass eine gekürzte Fassung dieses Artikels sogleich von 20 Minuten Online übernommen wurde sowie, noch etwas verkürzter, von http://www.shortnews.de. Hier heisst es, ein verurteilter Rechtsextremer habe eine Stelle als Assistent an der UZH innegehabt und sei \“bei Bekanntwerden fristlos entlassen worden\“. Die Spekulation der ZS, dass L. die Nachwuchshoffnung der rechten Szene war, wird hier schon zur Wahrheit. Auf worldradio.ch heisst es seit kurzem schlicht: \“Neo Nazi worked at Zurich university.\“ Fühlt sich die ZS nicht mehr dafür verantwortlich? Wie würden sich ihre Redakteure fühlen, wenn über ihre Jugend so berichtet würde, nach 18 Jahren? Und wie, wenn über ihre Doktorarbeit so berichtet würde, wie es hier getan wird? Ich sehe nicht, was es zur Sache beiträgt, ins Internet zu stellen, was in ein Arbeitszeugnis gehört. Ausserdem stimmt es nicht, dass L. tel quel von Kollegen gemieden wird. Auch hängt der Satz, dass \“L. die Bildung einer kriminellen Vereinigung […] nicht nachgewiesen werden [konnte]\“ an der Voraussetzung, dass eine kriminelle Vereinigung tatsächlich vorlag (wohl gemerkt: nicht identisch mit den \“Deutschen Nationalisten\“). War das aber so? Die ZS verlässt sich hier wohl auf eine letztlich anonyme Internet-Quelle, verbreitet also auch nur ein Gerücht. Es bleibt zudem unklar oder wird absichtlich nahe gelegt, dass die Gründungssitzung der \“Deutschen Nationalisten\“, die angeblich in der \“damaligen Wohnung von L.\“ stattgefunden hat, die Gründung einer kriminellen Vereinigung war. Es wird auch nicht deutlich, ob L. vor der Publikation des Artikels die Quellen vorgelegt wurden, wonach er an jener Gründungssitzung beteiligt und die \“neue Hoffnung der rechten Szene\“ gewesen sei. Da dies in offensichtlicher Weise der Aufklärung dienen würde, darf man es wohl voraussetzen? Nach dem allgemeinen Ton geurteilt, wohl kaum. Es geht der ZS nicht darum, die Studierenden zu informieren, wie im Artikel selbst noch behauptet wird. Wozu verfasst man einen Abschnitt mit dem reisserischen Titel \“Ex-Neonazi lehrte Heidegger\“, ohne irgendetwas Fundiertes in die angedeutete Richtung sagen zu können, zumal die Studierenden darüber ohnehin besser Bescheid wissen? Wozu rührt man mit einem solchen Bild die Werbetrommel? Die Chancen der ZS sind intakt, dass sie sich dereinst wird rühmen können, es habe ein Blick-Mitarbeiter einmal für sie \“die Feder geschwungen\“. Mit diesem Artikel jedenfalls aspiriert sie auf den Boulevard.

  2. Heidegger war ein Nazi. Das ist ein alter Hut. Und trotzdem wird er gelehrt und lehrt vielen Leuten Philosophieren und das mit Recht.
    L. war ein Neo-Nazi. Auch das macht kaum den Anschein eines 49fifty, zumal es ja niemanden zu interessieren hat, was irgendwer in seiner Jugend verfehlterweise für besonders schlau hielt, wenn er in einer Weise lehrt, die Leuten Philosophieren lehrt. – Wahrscheinlich hat er sogar mehr gelernt, ob seinen früheren Verfehlungen, als jemand, der die böhsen Neonazis in seinem Geiste mit einem Tabu belegt hat und nie darüber hinauskam.
    Der Skeptiker – der grösste Feind des Philosophen – ist der Philosoph selbst, wenn er sich Fragen stellt. Nur: Der Philosoph will die Fragen beantworten und macht weiter, der Skeptiker bleibt stehen. Daher ist der Philosoph immer ein Ex-Skeptiker und nur so kann er guter Philosoph sein. In Analogie lässt sich schliessen, dass ein Ex-Nazi kein schlechter Philosoph sein MUSS (natürlich KANN er es trotzdem sein).
    Kritik wegen schlechtem Dozieren gibt es nicht, sollte es aber geben; Hetze wegen Ex-Neo-Nazi-sein liegt nahe, sollte es aber nicht geben.

  3. Ich kann mich den Kommentaren nur anschließen. Dieser Artikel liefert keine Aufklärung, sondern ist – absichtlich, so möchte man meinen – höchst tendentiös. Hier geht es nicht darum, die Geschehnisse sachlich aufzuklären oder auch durchaus existente Ansichten wiederzugeben, die für den aktuellen Verlauf der Ereignisse keine Rechtfertigung finden. So ist es kein Geheimnis, dass in einem Rechtsstaat gewisse Gründe weder bei der Einstellung noch bei der Kündigung eine Rolle zu spielen haben. Und hierzu zählen politische Gesinnungen, egal welcher Art, solange sie nicht strafrechtlich verurteilt wurden. Auch wenn L. also zu Pubertätszeiten Neonazi gewesen sein mag, so ist allein entscheidend, ob er dies in strafrechtlich relevanter Weise war. Und das ist nachgewiesenmaßen nicht der Fall. Insofern ist es mindestens verwunderlich, wenn der Dekan hier offenbar gegenteiliger Ansicht ist. Die Pflicht eines sachlichen Artikels wäre es gewesen, hierauf mindestens hinzuweisen.

  4. Unreflektierte journalistische Gehversuche können genau so ins Auge gehen wie politische. Schade, dass der mittelalterliche Pranger über den Kanal des WWW ein Revival erlebt. Paradox, dass dies im Namen von uns Zürcher Studierende geschieht, die (zumindest theoretisch) das Privileg geniessen, einen Grossteil ihrer Zeit zum kritischen Nachdenken zur Verfügung zu haben – zum Nachdenken über Schandtaten in der Geschichte und über die Schwierigkeit ihrer Überwindung, aber eben auch über psychologische und mediale Mechanismen, über Daten- und Persönlichkeitsschutz oder sogar über abstrakte philosophische Konzepte wie dasjenige der epoché bei den Skeptikern oder bei Edmund Husserl. – Diese Einstellung tilgt im Übrigen meine persönliche Enttäuschung über die Verfehlung von L. in keiner Weise – muss sie auch nicht.

  5. > Weshalb verschwinden hier Kommentare? Liebe ZS, bitte begründen.

    Technisches Problem als dieser Artikel zusammen mit den restlichen Artikeln heute (nochmals) online geschaltet wurde. Die \“verwaisten\“ Kommentare sind wieder hergestellt.

    Sorry für die Umstände.

    – Christian

  6. (Da alle Kommentare, die seit dem 23.2. gemacht wurden, verschwunden sind, erlaube ich mir, den meinigen nochmals anzubringen. Der Artikel ist unverändert – bis auf den Namen \“Alex Fischer\“; dieser wurde nach dem Hinweis eines Lesers auf \“Anton Fischer\“ umgeändert. Es folgt mein ursprünglicher Kommentar:) Es ist bezeichnend, dass eine gekürzte Fassung dieses Artikels sogleich von 20 Minuten Online übernommen wurde sowie, noch etwas verkürzter, von http://www.shortnews.de. Hier heisst es, ein verurteilter Rechtsextremer habe eine Stelle als Assistent an der UZH innegehabt und sei \“bei Bekanntwerden fristlos entlassen worden\“. Die Spekulation der ZS, dass L. die Nachwuchshoffnung der rechten Szene war, wird hier schon zur Wahrheit. Auf worldradio.ch heisst es seit kurzem schlicht: \“Neo Nazi worked at Zurich university.\“ Fühlt sich die ZS nicht mehr dafür verantwortlich? Wie würden sich ihre Redakteure fühlen, wenn über ihre Jugend so berichtet würde, nach 18 Jahren? Und wie, wenn über ihre Doktorarbeit so berichtet würde, wie es hier getan wird? Ich sehe nicht, was es zur Sache beiträgt, ins Internet zu stellen, was in ein Arbeitszeugnis gehört. Ausserdem stimmt es nicht, dass L. tel quel von Kollegen gemieden wird. Auch hängt der Satz, dass \“L. die Bildung einer kriminellen Vereinigung […] nicht nachgewiesen werden [konnte]\“ an der Voraussetzung, dass eine kriminelle Vereinigung tatsächlich vorlag (wohl gemerkt: nicht identisch mit den \“Deutschen Nationalisten\“). War das aber so? Die ZS verlässt sich hier wohl auf eine letztlich anonyme Internet-Quelle, verbreitet also auch nur ein Gerücht. Es bleibt zudem unklar oder wird absichtlich nahe gelegt, dass die Gründungssitzung der \“Deutschen Nationalisten\“, die angeblich in der \“damaligen Wohnung von L.\“ stattgefunden hat, die Gründung einer kriminellen Vereinigung war. Es wird auch nicht deutlich, ob L. vor der Publikation des Artikels die Quellen vorgelegt wurden, wonach er an jener Gründungssitzung beteiligt und die \“neue Hoffnung der rechten Szene\“ gewesen sei. Da dies in offensichtlicher Weise der Aufklärung dienen würde, darf man es wohl voraussetzen? Nach dem allgemeinen Ton geurteilt, wohl kaum. Es geht der ZS nicht darum, die Studierenden zu informieren, wie im Artikel selbst noch behauptet wird. Wozu verfasst man einen Abschnitt mit dem reisserischen Titel \“Ex-Neonazi lehrte Heidegger\“, ohne irgendetwas Fundiertes in die angedeutete Richtung sagen zu können, zumal die Studierenden darüber ohnehin besser Bescheid wissen? Wozu rührt man mit einem solchen Bild die Werbetrommel? Die Chancen der ZS sind intakt, dass sie sich dereinst wird rühmen können, es habe ein Blick-Mitarbeiter einmal für sie \“die Feder geschwungen\“. Mit diesem Artikel jedenfalls aspiriert sie auf den Boulevard.

  7. Weshalb verschwinden hier Kommentare? Liebe ZS, bitte begründen.

    Zwei Punkte zum Artikel:

    1. Am Anfang dieser Geschichte steht der fehlende Mut oder die Feigheit. Die Feigheit von ein paar Studierenden, die im Netz auf ein paar aufregende Informationen gestossen sind und es dann nicht über sich gebracht haben, den durch diese Infos Beschuldigten direkt mit diesen zu konfrontieren. Ihm die Chance auf eine Erklärung zu geben. Stattdessen streuten sie in der ganzen Fakultät Gerüchte nach dem Muster, «sag es niemandem weiter, aber im Fall…» Fehlender Mut ist auch immer im Spiel, wenn totalitäres Denken sich zur Hegemonie aufschwingt: Wenn Viele nicht bereit sind, sich Wenigen entgegenzustemmen, die am Lautesten schreien und dabei Missgunst, Hass und Ressentiments schüren. Mutlos wurde hier einer verdammt, der vermeintlich für etwas steht, was leicht zu verurteilen ist, aber nicht leicht zu bekämpfen, weil dies nach Taten verlangen würde, die auch viele nicht auf sich nehmen wollen, die sich selbst als gefeit vor eben diesem Übel begreifen.
    Vielleicht könnte sich die ZS auch mal überlegen, was sie mit diesem Artikel zu solchen zersetzenden Tendenzen in unserer gegenwärtigen Öffentlichkeit beiträgt. Dieser Artikel stellt keine Fragen, er ordnet nicht ein, benennt keine Widersprüche, beschreibt keine Kontroversen sondern ist einzig darauf aus, möglichst grossen Lärm mit einem dafür sehr dankbaren Thema zu veranstalten. Und affirmiert damit letztlich etwas, nämlich totalitäres Denken, das er aufzudecken vorgibt. Dass die ZS hier Kommentare entfernt, spricht auch nicht unbedingt für ihren Mut…

    2. Wer Unrecht begangen hat, wird – sofern der Rechtsstaat funktioniert und das tut er zugegebenermassen nicht immer, hier hat er aber, sofern ich das nach der dürftigen Informationslage beurteilen kann, funktioniert – gemäss geltendem Recht (das sich in Deutschland oder der Schweiz, trotz zunehmenden Aussetzern immer noch an gewissen aufklärerischen Grundsätzen, wie den Menschenrechten, der Rechtsgleichheit und der Verhältnismässigkeit, etc. orientiert) zu einer Strafe verurteilt. Dies ist hier geschehen. Der hier an den Pranger gestellte (der vermeintliche Versuch einer Anonymisierung ist lächerlich) hat seine Strafe verbüsst. Eine Strafe, die nicht nur Busse ist, sondern immer auch Befreiung von einer Schuld: Deshalb hatte er eine zweite Chance (gegebenenfalls auch eine dritte, vierte, fünfte, sechste) verdient. Wie alle, die Unrecht begangen haben, in einer aufgeklärten und pluralistischen Gesellschaft eine zweite Chance verdient haben, egal ob sie Sexualstraftäter, Mörder, Terroristinen oder Neonazis waren. Dieses Prinzip der zweiten Chance wird zurzeit auch in der Schweiz durch diverse Volksentscheide (Verwahrung, Anti-Verjährung, «Ausschaffung» von Schweizer StraftäterInnen ohne Schweizer Pass) und die gesellschaftliche Stigmatisierung von StraftäterInnen auf erschreckende Weise immer weiter geritzt. Daran sind auch viele Medienschaffende mit ihrer aufhetzerischen Berichterstattung mitschuldig. Weshalb hält es die ZS für nötig, in diese Hetze mit einzustimmen? Extremismus und Fundamentalismus werden nicht durch Ausgrenzung und lebenslange Stigmatisierung ihrer VertreterInnen besiegt, sondern durch den Versuch der (Wieder-) Einbindung. Wer meint, die Verfehlungen etwa von Rassisten und Faschistinnen gegen diese selbst verwenden zu können, sie mit ihren eigenen menschenverachtenden Mitteln bekämpfen zu können, heisst diese Mittel und die darin angelegte Weltanschauung letztlich gut. Und trägt somit eine Mitverantwortung an deren gesellscaftlichem Aufstieg. Ganz frei von diesen Tendenzen ist hier auch die ZS nicht: Sie stimmt in den Chor derjenigen, die mit ihren Äusserungen immer nur die Eskalation herbeischreien, mit ein. Zum Kampf gegen den Rechtsextremismus trägt dieser Artikel hingegen rein gar nichts bei.
    Dass dann auch noch der Dekan der Philosophischen Fakultät – sofern er hier richtig zitiert wird – mit seiner Aussage indirekt ebenfalls der Ausgrenzung und Stigmatisierung huldigt, und zu verstehen gibt, dass er vom Prinzip der zweiten Chance wohl auch nichts hält, ist umso bitterer. Zu einer differenzierteren Aussage fehlte offenbar auch ihm der Mut.

    Wie sagt der amerikanische Bürgerrechtler Cornel West im Film «Examined Life», einer Liebeserklärung an den guten und offenen Dialog: «Courage is the enabling virtue of every philosopher, of every human being.» Fehlt uns dieser Mut, können wir die Universität auch gleich dicht machen.

    Dominik Gross

  8. Ich möchte mich einigen der vorangegangenen Kommentaren im Grunde anschließen.

    Wie meine Vorredner finde ich es schade, dass zu dem Beschluss des Dekans, L.s Vertrag nicht zu verlängern, keine Erörterung vorgenommen wird. In einem Rechtsstaat sollte ein Angeklagter nach Verbüßung seiner Strafe rehabilitiert sein. Ein Gericht hat sich mit L\’s Vergangenheit befasst ihn verurteilt. Die Gründung einer kriminellen Vereinigung konnte ihm weder vom Gericht noch von der ZS nachgewiesen werden. Das Vertrauennsverhältnis zwischen L. und seinen Arbeitgebern ist sicherlich gestört. Aber wie der Artikel erwähnt hätte L. keine Chance auf Einstellung gehabt, wenn er seine Karten von Beginn an offengelegt hätte. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass gesetzlich festgelegt ist, dass Bewerber um eine Stelle vorangegangene Straftaten grundsätzlich nicht offenlegen müssen. Auch pubertären Neonazis sollte doch eingeräumt werden, ihre Meinung ändern zu dürfen und sich geläutert in die Gesellschaft einfügen zu können. Es darf doch nicht unterstützt werden, dass jugendliche Fehlleitungen einen Menschen sein Leben lang verfolgen.

    Im Gegenteil würde ich sogar sagen, dass Beispiel von L. ist ein gutes, da es deutlich macht, wie ein Neonazi sich ändern kann. Was möchte die Zeitung denn mit dem Artikel bezwecken? Die Läuterung von L. als falsch hinstellen verhindern und L. als einzige Alternative das ewige Neonazitum nahelegen?

    Mit diesem Artikel hat sich die ZS wahrlich keinen Gefallen getan und ist meiner Meinung nach moralisch höchst fragwürdig vorgegangen.

  9. Mein Vorredner hat es bereits angesprochen, und ich schliesse mich ihm an: Man könnte diese Geschichte auch anders erzählen. Jeder hat eine zweite Chance verdient und man sollte sich freuen, wenn jemand wieder die Kurve gekriegt hat und ihn nicht noch dafür bestrafen. Wo leben wir denn? Besonders beschämend finde ich jedoch das ignorante und kleinmütige Verhalten von Frau Saporiti und Herrn Roeck. Ich hoffe inständig, dass die beiden in diesem Artikel verzerrt dargestellt und inkorrekt zitiert wurden. Falls es sich so verhält, liesse sich die Sache durch eine Stellungnahme klären.

  10. Da bin ich froh, dass ich nicht die einzige bin, die das Verhalten L. gegenüber nicht besonders korrekt findet. Jeder verdient eine zweite Chance, und vielleicht hat sich L. mittlerweile tatsächlich von rechtem Gedankentum verabschiedet. Ich wünsche ihm jedenfalls alles Gute und hoffe, dass er seine wissenschaftliche Laufbahn dennoch irgendwie fortsetzen kann.

  11. Das unterirdische Niveau, auf dem in diesem Artikel Hörensagen, konstruierte Zusammenhänge (wenn Heidegger zu lehren ein Indikator für rechtsradikales Gedankengut ist, dann besteht ein guter Teil der akademischen Philosophie aus Nazis) und irrelevante Informationen (liebe Frau Saporiti: worin sehen Sie das öffentliche Interesse am schleppenden Verlauf von L.\’s Dissertation begründet?) vermischt werden, macht eigentlich jeden Kommentar überflüssig.

    Auch mir sind Neonazis widerwärtig und ich denke auch, dass sie nichts in der Hochschullehre zu suchen haben. Man sollte aber nicht die Fähigkeit von Menschen unterschätzen, sich zu ändern und von dem, was sie einmal gedacht/getan haben, zu distanzieren. Sowohl Saporiti als auch Roeck stellen mit ihren Reaktionen und Äußerungen ihre Inkompetenz zur reflektierten Auseinandersetzung unter Beweis. Traurig!

  12. Man soll bitte in Rechnung stellen, dass dieser Artikel und die wirkliche Sachlage zwei verschiedene Dinge sind, sowohl was die damaligen als auch was die gegenwärtigen Zusammenhänge angeht. In der zuletzt angesprochenen Hinsicht geht aber auch aus dem Artikel selbst hervor, dass Prof. Saporiti keine der Informationen über L. der Öffentlichkeit zugedacht, sondern den Verfasser gebeten hat, die Mitteilung zu unterlassen. Der Verfasser legt dies als Absicht aus, das Bekanntwerden des Falls \“verhindern zu wollen\“, womit offenbar ein Appell, der das Wohl des Doktoranden in Rechnung stellt, als Druckversuch auf eine Studierendenzeitung ausgelegt wird. Der Stellungnahme des Herrn Dekans kann allerdings auch ich nichts Günstiges abgewinnen. Sein Ressourcen-Argument, wonach es genügend interessante Leute ohne eine solche Vergangenheit gebe, ist sein letztes Wort hoffentlich nicht gewesen.

  13. Wir, der akademische Mittelbau des Philosophischen Seminars der Universität Zürich, stellen hiermit richtig, dass die Behauptung des Artikels, die Kollegen von L. würden ihn nach Offenlegung seiner rechtsradikalen Vergangenheit „meiden“, nicht der Wahrheit entspricht. Auch wenn es an der Universität solche Reaktionen geben mag, für L.s unmittelbare Kollegen, den akademischen Mittelbau, gilt dies in keiner Weise.

    Wir verurteilen jede Art rechtsradikaler Äußerungen und Handlungen, halten es aber zugleich für falsch, einen Menschen für alle Zeit wegen seiner einstigen Handlungen zu verurteilen. Entscheidend ist für uns, dass sich eine Person von ihren Taten und Gesinnungen distanziert, sie als fehlerhaft einschätzt und bereut. Zu keinem Zeitpunkt hat sich L. uns gegenüber auf eine Weise geäußert oder verhalten, die Zweifel an seiner Distanzierung vom Rechtsextremismus aufkommen lassen. Von daher genießt L. auch nach dem Bekanntwerden seiner Vergangenheit weiterhin unser volles Vertrauen, unser Mitgefühl und unsere Unterstützung.

    Jegliches Vorgehen, allein aufgrund seiner Vergangenheit Zweifel an der Redlichkeit seiner Person zu streuen oder ihn deshalb von der Forschung und Lehre auszuschließen, lehnen wir ab. Wir alle wünschen L., dass dieses traurige Kapitel seiner Vergangenheit endlich ruht und es für ihn nicht zu einem lebenslangen Stigma wird.

    Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner:

    Christine Abbt
    Holger Baumann
    Barbara Bleisch
    Alexander Brungs
    Kai Büttner
    Andreas Cassee
    David Dolby
    Anna Goppel
    Tim Henning
    Anita Horn
    Susanne Huber
    Angelo Maiolino
    Daniel Messelken
    Vilem Mudroch
    Christoph Pfisterer
    Andrea Rechsteiner
    Bernhard Ritter
    Laura Saller
    Anne-Katrin Schlegel
    Christian Steiner
    Mirjam Steudler
    Sarah Tietz
    Ivo Wallimann-Helmer
    Sebastian Weiner
    André Wunder

  14. Von einer Universitätszeitung sollte man erwarten, dass sie die Vorgänge innerhalb der Universität reflexiv darstellt und zu einer nüchternen und abwägenden Meinungsbildung beiträgt. Nicht zuletzt mit dem im Boulevardstil geschriebenen Artikel zum \“Ex-Neonzi an der Uni\“ wird die ZS diesem Auftrag nicht gerecht, sondern geht den Weg der vermeinlichen Sensationen. Das ist einem Publikationsorgan innerhalb der Universität nicht angemessen und sollte nicht zuletzt von den Studenten nicht akzeptiert werden. Die Studenten übersehen leicht, dass sie als Studenten eine Mogelpackung erhalten. Sie sollten von der ZS nicht so bedient werden wie vom Boulevard ausserhalb der Universität. Im einzelnen schliesse ich mich den ausführlicheren Bemerkungen von Dominik Gross vollständig an.

    Eine falsche und damit ebenfalls verleumdende Behauptung ist übrigens, dass sich bei Heidegger \“Philosophie und Ideologie\“ unübertrefflich vermischen. Für eine Korrektur dieser heute eigentlich nur mehr bei Uninformierten verbreiteten Ansicht empfehle ich die Lektüre von Richard Rortys Artikel \“Heidegger\’s Nazism\“ in seinem Buch, Philosophy and Social Hope.

    Prof.Anton Leist, Philosophisches Seminar UZH

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