Endlich kniet er: Luther erweist Zwingli die Ehre. (Bild: Michael Kuratli)

Von Luther zu Zwingli

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Mein langer Weg zum Schweizer Pass.

Ich sitze in einem lichtdurchfluteten Gang des Rathauses in Visp und warte auf die wichtigste Prüfung meines Lebens: meinen Einbürgerungstest.

Gebürtige Walliser sind stolz: «Nennt mir das Land so wunderschön, das Land wo ich geboren bin», so die Hymne. Nun, ich bin in Kaiserslautern geboren. Diesen Ort verliess ich als Säugling. Mein Vater ist Pfarrer, berufsbedingt wechselten wir alle fünf Jahre unseren Wohnort. 2001 wanderten wir in die Schweiz aus.  14 Jahre später beantragten meine Eltern und ich den Schweizer Pass. Irgendwann, so dachte ich, würden wir wieder in meine Heimat zurückkehren. Wir blieben. Ich hatte meinen ersten Suff in Visp (im «Dublin»), verehrte Max Frisch und machte meinen Führerschein in Sitten. Nach der Matura ging ich nicht etwa nach Heidelberg, sondern nach Zürich. Die Schweiz war zu meiner Heimat geworden.

 

Bin ich ein guter Schweizer?

Aber hier vermissten wir es, an den demokratischen Prozessen unseres Wohnorts teilhaben zu können. Als 2013 das Wahlrecht für «Auslandsdeutsche» massiv eingeschränkt wurde – das Beste, was ich jetzt noch wählen darf, ist der VSUZH – war die Entscheidung gefällt. Aus Luther musste Zwingli werden.

Jetzt sitze ich im Rathaus und warte. Ich bin nervös. Bin ich ein guter Schweizer? Oder zumindest gut genug, um eingebürgert zu werden? Ich schreibe meine Masterarbeit über den Bischof von Sitten. Ich habe dank dem Fendant bald die Leber eines alten Wallisers. Ich entschuldige mich, wenn mich jemand auf offener Strasse anrempelt. Reicht das? 

Mich plagen Zweifel. Wird mir die Einbürgerungskommission unbequeme Fragen stellen? Zum Beispiel: Wie halte ich es mit dem Militär? Genügt es, wenn ich «Der Güego aner Welbi mottut schi nit» verstehe, oder muss ich es aussprechen können? Kann so eine Einbürgerung nicht auch in eine Ausschaffung münden?

 

Das Tribunal

Die Tür zum Gemeindesaal öffnet sich und reisst mich aus meinen Gedanken. Auf mich wartet nun der schriftliche Test über meine Wahlheimat. Die dreissig Minuten Prüfungszeit sind mehr als genug, wie ich beruhigt feststelle. Mit Schweizer Schulbildung ist der Test keine grosse Sache. «Nennen Sie drei Schweizer Berge.» «Wie viele Einwohner hat die Schweiz?» «Wie heisst der Gemeindepräsident von Visp?» Einzig bei der Frage «Nennen Sie zwei sehr berühmte Schweizer» scheitere ich. Ich vergesse Max Frisch und schreibe stattdessen Roger Federer. Ich bin nicht mal Tennis-Fan.

In der mündlichen Prüfung sitzen mir der Gemeindepräsident, ein Gemeinderat und der Gemeindeschreiber wie in einem Tribunal gegenüber. Der Dorfpolizist lässt sich entschuldigen. «Haben Sie «Die Schweizermacher» gesehen?» Ich bejahe. «Gut, dann wissen Sie ja, was Sie erwartet.» Allgemeines Gelächter. Das Gespräch verläuft in einer freundlichen Atmosphäre. Hochdeutsch ist OK, das Militär spielt keine Rolle. 

Einige Wochen später bekommen wir einen Brief: Wir haben den Einbürgerungstest bestanden, die Gemeinde Visp erteilt uns das Bürgerrecht. Jetzt geht die Sache an Bund und Kanton. Im November dieses Jahres werde ich wohl an der Einbürgerungsfeier in Sitten teilnehmen dürfen. Meine einzige Sorge ist, dass ich dort Oskar Freysinger die Hand schütteln muss. Aber dagegen kann ich ja in Zukunft als Schweizer Stimmbürger  etwas tun. ◊

 

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