Bild: zVg Uni Zürich

Was ist mit den Studierenden, Herr Schröder?

in Campus von

Hiba Zemzemi

Der SPD-Altkanzler Gerhard Schröder hielt am 20. April eine Rede an der Universität Zürich. In seiner «Welt voller Widersprüche» scheinen die Studierenden aber keinen Platz zu finden.

In unserer heilen Uni-Welt, wo Türen automatisch aufgehen und wir sie nicht zuerst eintreten müssen, wirkt politischer Einsatz manchmal wie ein überflüssiges Hobby. Trotzdem boykottieren viele Studis die Politik. Sie begnügen sich damit, hie und da einen politischen Post auf Facebook zu liken. Die wirkliche Politik ist ihnen aber zu kompliziert, zu undurchsichtig und voller Widersprüche.  

Inmitten dieser Widersprüche und Konflikte in der Welt und einem Unialltag voller Bologna-Hindernissen meldete sich an unserer Uni hoher Besuch an. Der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder hielt am 20. April auf Einladung des Schweizerischen Instituts für Auslandsforschung (SIAF) in der Aula der Uni Zürich einen Vortrag mit dem Titel «Politik in einer Welt der Widersprüche». 

 

Schmeicheleien und Europapolitik

Bereits zwanzig Minuten vor dem Vortrag hatten sich zwei Hörsäle gefüllt. Der Eindruck entstand, die Plätze in der Aula seien den Privilegierten im Publikum vorbehalten. Das Fussvolk hingegen musste sich ein Stockwerk tiefer mit der Videoübertragung des Vortrags abfinden. Nur einige junge Gesichter stachen aus den vielen grauen Mähnen heraus. Schon zu Beginn versprach der Vortrag dank dem staatsmännischem Humor und der Rhetorik des charismatischen Politikers unterhaltsam zu werden. Für die Schweiz gab es an jenem Abend viele Schmeicheleien und Liebesbekundungen. Der Altkanzler warb in seiner Rede geschickt um die Gunst der schönen Helvetia und lud sie einmal mehr ein, sich dem «Projekt Europa» anzuschliessen. 

An jenem Abend sollte es viel um Europa gehen. Schröder beteuerte immer wieder: «Das Projekt Europa ist nicht gescheitert!» Er rief seinen Zuhörerinnen und Zuhörern die Grundidee in Erinnerung, aus der die Europäische Union einst hervorgegangen war: «Mit einer Stimme sprechen und einheitlich nach aussen handeln!» – 60 Jahre zuvor hatte Winston Churchill am selben Pult gestanden und seine visionäre Europarede gehalten, in der er zur Vereinigung Europas aufgerufen hatte. Die letzten Worte dieser legendären Rede, «Therefore I say to you, let Europe arise!», gingen in die Geschichte ein. Heute zieren sie eine Marmortafel, die an der rechten Wand der Aula angebracht ist; dort, wo Schröder stand.

 

«Nichts ist unveränderbar»

«Meine Damen und Herren, unser europäischer Kontinent befindet sich an einem Scheideweg», prophezeite Schröder. «Die Koordinaten der internationalen Politik verschieben sich nicht zugunsten Europas.» Droht etwa der einstige Traum einer europäischen Einheit zu zersplittern? Das jedenfalls war die vorherrschende Befürchtung an diesem Abend. Auch, wenn der Redner mehrfach das Gegenteil beteuerte, so sprach er doch von wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Defiziten, von unzureichender Kooperation und Integration einiger Mitgliedstaaten und vom drohenden Brexit. Aber er versprach auch: «Nichts ist unveränderbar! Entschlossene Politik kann eine Lösung sein und muss fähig sein, Entscheidungen manchmal auch gegen Widerstand durchzusetzen.» Dass sich dies ziemlich martialisch anhörte, war irrelevant. Schröder hat seine diplomatischen Fähigkeiten nicht verlernt und wusste sein Publikum mit rhetorischem Geschick zu beeindrucken. 

Der Altkanzler bot seinem Publikum auch eine Unmenge an Lösungsansätzen «to go» an, im Imperativ: «Flüchtlingsstrome steuern und begrenzen!» – «Kontigente und Sanktionen für empfangsunwillige Staaten!» – «Grenzen wieder zu Grenzen machen!» – «Terror entschieden bekämpfen!» – «Ängste von Pegida und Co. ernst nehmen!» – «EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wieder aufnehmen!» – «Mit Assad kooperieren!» – «Konflikt in Syrien diplomatisch lösen!» – Und natürlich Herr Schröders Lieblingsimperativ: «Zu einer Partnerschaft mit Russland zurückfinden!» Es ist allgemein bekannt, dass Schröder einen Kuschelkurs in Richtung Osten fährt und in Putin einen Freund und Verbündeten sieht. 

 

Die Studierenden gingen leer aus

An jenem Abend in der Aula war für fast alle etwas dabei: Der Altkanzler bewegte sich geschickt zwischen «politischem Realismus» und «behutsamem Idealismus», wie sein Gastgeber Martin Meyer vom SIAF kommentierte. Die einzigen, die an diesem Abend fast leer ausgingen, waren die Studierenden. Nur am Rande seiner Ansprache widmete der Altkanzler dem jungen Publikum einige wenige Worte: Ähnlich wie damals Churchill appellierte auch Schröder an die Studierenden, sich in die Welt hinauszuwagen, sie zu bereisen und dabei «offen zu bleiben für Neues und Fremdes». Was Herr Schröder nicht weiss, ist, dass wir dies längst schon tun. Dass viele junge Studierende sich Jahrzehnte nach Churchill als Weltbürgerinnen und -bürger verstehen, dass sie inzwischen jenseits von territorialen und nationalen Grenzen denken, scheint dem Altkanzler entgangen zu sein. 

So kam es, dass ein bitterer Beigeschmack der Ernüchterung den Vortrag überschattete. In einer Welt der Widersprüche wurden Studierende ganz am Rande des Lösungsdiskurses verortet – und das in einer Rede an einer Universität. Aber was ist mit dem Beitrag der Jugend zur Politik und ihrer politische Verantwortung? Das wäre dann wohl, die Welt zu bereisen und exotische Selfies zu posten. Ich verliess die Uni mit einem Kopf voller Fragen und einem leeren Notizblock. Die Türe öffnete sich automatisch.

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