«Belohnung und Wertschätzung sind wirkungsvoller als Bestrafung», sagt Hans Weder. (Bild: Lukas Messmer)

«Wer gut forscht, lehrt auch gut»

von

Adrian Meyer und [zac]

Der vormalige Rektor der Uni Zürich Hans Weder hält nichts von Rankings. Und er ist überzeugt, dass eine Universität Eigenverantwortung braucht.

Herr Weder, Sie haben den besten Job auf der Welt, verdienen viel, müssen niemandem Rechenschaft ablegen und schlechtes Arbeiten hätte keine Konsequenzen. — (lacht) Es lässt sich nicht bestreiten, dass es ein schöner Beruf ist. Der Lohn ist aber im Vergleich mit der Privatwirtschaft nicht besonders hoch. Gerade zu Beginn ihrer Karriere nehmen viele Professoren erhebliche Lohneinbussen in Kauf. Weiter ist es falsch, dass Dozierende nicht überwacht werden. Eine massive Kontrolle wird beispielsweise durch die «scientific community» ausgeübt. Wer nicht publiziert, hat keinen Namen und wer publiziert, der setzt sich Kritik aus.
Wichtig ist also vor allem die Forschung. Ist die Lehre nur ein Anhängsel?
— Es mag einzelne Dozierende geben, denen die Lehre gleichgültig ist und denen Kritik an ihrem Unterrichtsstil egal ist. Für den grossen Teil der Lehrenden aber ist der gute Kontakt zu den Studierenden essentiell.
Wird da nicht zu stark auf Selbstkontrolle gesetzt?
— Stark, aber nicht zu stark. Eine Uni funktioniert nur, wenn man auf die intrinsische Motivation baut. Mit Kontrolle erreichen Sie Minimalstandards, aber keine wirkliche Verbesserung der Gesamtperformance.
Beim diesjährigen Times-Ranking konnte sich die Universität Zürich unter den Top 100 platzieren. Wird bei diesen Rankings nicht nur auf die Leistungen in der Forschung geachtet? — Zum Times-Ranking kann ich nur eines sagen: Es ist das Papier nicht Wert, auf das es gedruckt ist. Da werden hauptsächlich subjektive Einschätzungen und wenig Leistungen gewertet. Aber grundsätzlich stimmt es, dass auch seriöse Rankings zu viel Wert auf den Forschungsoutput legen, da sich dieser am besten verifizieren lässt. Andererseits besteht auch eine Korrelation zwischen der Forschung und der Lehre. Wer gut forscht, lehrt meistens auch gut.  
Das «Organ für Akkreditierung und Qualitätssicherung der Schweizer Hochschulen» (AOQ) warf der Universität Zürich eine zurückhaltende Informationspolitik vor. — Sämtliche Berichte sind allen Beteiligten, auch den Studierenden zugänglich gewesen. Allerdings scheint es, eine regelrechte internationale Evaluations-Mafia zu geben, welche überall Evaluationen macht und die Veröffentlichung sämtlicher Berichte fordert. Universitätsleitung und Universitätsrat sind sich darin einig, dass wir lieber kritische und selbstkritische Evaluationsberichte wollen und dafür mit der Veröffentlichung vorsichtiger sind.
Dadurch sind aber die Studierenden nicht über die konkreten Massnahmen informiert. — Das stimmt, es wissen nur die Direktbeteiligten und der Unirat darüber Bescheid.
Nehmen Sie persönlich die Kritik ihrer Studierenden ernst?
— Ja. Ich habe das immer gemacht. Dabei konnte ich erkennen, dass sich die viele Zeit gelohnt hat, die ich in meine Folien investierte. Kritikpunkte der Studierenden habe ich ernst genommen und versucht, mich zu verbessern. Die Studierenden geben das beste Feedback durch ihre Präsenz an den freiwilligen Vorlesungen.
Was halten sie von Zwangskursen für didaktisch schwache Professoren?
— Ja, wenn diese ihre Schwächen selber nicht bemerken, müsste man sich das schon überlegen. Nein, aber im Ernst: Es ist tatsächlich meist so, dass nur Professoren an solchen Kursen teilnehmen, die schon gut genug sind. Die «Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik» (AfH) bietet aber beispielsweise einen Service an, bei dem ein Experte auf Wunsch der Dozierenden in die Vorlesungen sitzt und danach in einem Gespräch Verbesserungsmöglichkeiten vorschlägt. Jemanden aber zu zwingen, nützt nicht viel. Viele der Dozierenden sind äusserst sensibel, was solche Kritik betrifft. Es gibt kaum jemanden, den dies wirklich kalt lässt.
Weshalb besuchen Dozierende so selten die Kurse der AfH?
— Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Als Privatdozent habe ich viele dieser Veranstaltungen besucht. Als ich aber Professor war, hatte ich die Zeit dazu einfach nicht mehr. In den ersten vier Jahren als Professor habe ich nichts anderes gemacht, als meine Lehre auf die Beine zu stellen. Ich hab in dieser Zeit nicht einmal nennenswert geforscht. Da hat man halt nicht auch noch Zeit für solche Didaktikkurse, selbst wenn es vielen gut tun würde.
Mussten Sie als Rektor schon didaktisch schlechte Professoren entlassen? — Das gibt es schon, ist allerdings selten. Eine Universität, die gute Leute haben will, muss mit Entlassungen sehr vorsichtig sein. Man muss in Kauf nehmen, dass ein paar wenige die Leistung nicht bringen.
Können Sie sich ein Konkurrenzsystem vorstellen, in dem schlechte Professoren schneller ausgetauscht werden, um damit eine bessere Qualität in der Lehre zu erreichen? — In der Privatwirtschaft läuft das häufig so: Wenn sie jemanden aus dem oberen Kader nicht mehr möchten, dann bezahlen sie ihm eine Abfindung von zwei bis drei Millionen Franken. Alle Beteiligten schweigen und das Problem ist gelöst. Wenn die Universität Professoren im grossen Stil entlässt, wird sie danach sicherlich gros­se Schwierigkeiten haben, ausgezeichnete Leute zu gewinnen. Es ist besser, die drei Prozent der Professoren, welche sich als Flops herausstellen, mit Fassung zu tragen. Dafür macht man aber nicht das ganze System kaputt.
Ein anderes Modell: Professoren forschen abwechselnd zwei Jahre und lehren anschliessend zwei Jahre. — Dass man manchmal mehr in die Lehre, ein andermal mehr in die Forschung investiert, ist eigentlich schon Realität. Ich würde dies aber nicht institutionalisieren.
Herr Weder, haben Sie den Lehrpreis 2010 verdient?
— (lacht laut) Ich? Schön wäre es! Aber dafür bin ich nun zu alt und lehre zu wenig. Massnahmen wie der Lehrpreis bringen aber sicher viel. Es ist wichtig, dass man Belohnung und Wertschätzung anbietet. Dies ist meiner Meinung nach um einiges wirkungsvoller als Bestrafung.

 

Prof. Dr. Hans Weder

Hans Weder (geboren 1946) studierte an den Universitäten Zürich und St. Andrews Theologie. Er war Professor, Dekan und Seminarvorsteher an der Theologischen Fakultät und von 2000 bis August 2008 Rektor der Universität Zürich. Heute doziert er an der Theologischen Fakultät.

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