• 14-Aufmacher-ZS0011.jpg
    Hanteln hoch! (Bild: Maya Wipf und Daniele Kaehr)
  • 18-Ruecken-ZS0230.jpg
    (Bild: Maya Wipf und Daniele Kaehr)

Zerstör deinen Körper!

von

Der ASVZ verzeichnet pro Jahr 1,6 Millionen Besucher.
Warum bloss?

«Es muss weh tun», schreit die breit gebaute Trainerin des ASVZ-Kurses «Muscle Pump» am Hönggerberg in ihr Mikrofon. Die Gewichtsstange auf meinem Rücken erdrückt mich fast. Trotzdem muss ich im Takt auf und ab wippen. Ich zittere am ganzen Körper und beisse auf die Zähne. Es tut höllisch weh, demnach mache ich alles richtig. Aber ich frage mich: Was zum Teufel tue ich hier?
Dabei bin ich anfangs noch optimistisch. Ich soll für die ZS herausfinden, was eigentlich ein studentischer Körper ist und warum sich Studis nach einem strengen Lerntag mit einem harten Intensivtraining peinigen. Die Antwort liegt nah, denke ich. Sie muss in den beliebtesten Kursen des ASVZ zu finden sein. Also mache ich mich zuerst auf den Weg ins Konditionstraining an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Es trägt den Namen «Body Attack». Auf meinem Weg zur Sporthalle steht auf einer Treppe geschrieben, wie ein studentischer Körper zu sein hat.
AUTHENTISCH, INFORMIERT und ENGAGIERT. «Body Attack», das ist ein Angriff auf das Fett in meinem Körper, welches mich unauthentisch, desinformiert und apathisch macht.

 

Aufgerüstet wie für einen Krieg

Die Attacke wird eingeleitet von übelstem Eurotrance, der von der Decke der Sporthalle herunterdröhnt. Der Beat ist zum Bersten schnell. Im Raum befinden sich an die 50 Leute, die meisten sind Frauen. Sie tragen enge Leggings und atmungsaktive Tops. Ich trage eine abgeranzte Sporthose aus Sek-Zeiten und ein triefend nasses Baumwollshirt. Die Unterschiede könnten nicht grösser sein.
Während bei den Anderen jede Bewegung sitzt, krieg ich die verfluchten Moves nicht hin. Wir sollten uns zu einem X strecken und «Yeah!» rufen. Stattdessen springe ich unkoordiniert in die Höhe und fluche. Ich fühle mich wie ein Störfaktor in einer perfekt synchronisierten Turngruppe aus den 1930er Jahren.
Dabei jogge ich einmal pro Woche und achte mit Liegestützen und Rumpfbeugen darauf, dass mein Körper nicht zu viel Raum einnimmt. Ich halte mich für durchschnittlich sportlich. Von wegen. Als die Fitness-CD bei einem Gabber-Remix von Lenny Kravitz’ «Are You Gonna Go My Way» angelangt ist, brennen meine Oberschenkel, als würde Batteriesäure durch meine Adern fliessen.
Als der Trainer endlich die Stretching-Phase einleitet, verlässt ein Drittel der Anwesenden die Halle. Dehnen ist ihnen zu soft. Lieber bringen sie die Mission «Body Attack» im Kraftraum zu Ende. Es gilt keine Zeit zu verlieren im Kampf um den besten Körper.
Wie aber sieht der aus, frage ich mich, als ich völlig fertig auf meinem Tuch liege und die Oberschenkel dehne. In dieser Halle ist er schön und durchtrainiert, nicht faserig, sondern fit. Die Frauenkörper sind kurvig und haben schlanke, aber nicht zu muskulöse Beine. Die Männerkörper wiederum sind an den richtigen Stellen gewölbt. Es sind modellhafte Körper, schon fast abdruckreif. Sie sind geshapet und gestählt und könnten alle bei Abercrombie & Fitch tänzelnd die Kunden bezirzen. Der studentische Körper ist aufgerüstet wie für einen Krieg. Aber weshalb bloss?
Eine Antwort darauf gibt der Publizist Mark Greif. In seinem Essay «Against Exercise» beschreibt er das Treiben in den Fitness-Studios als industrielles Überbleibsel in einer post-industriellen Gesellschaft. So gesehen haben wir noch immer einen Körper, als würden wir 16 Stunden im Tag in einer Fabrik schuften. Doch anstatt in einem Eisenwalzwerk bei glühender Hitze Metall zu giessen, sitzen wir im Büro mit Airconditioning und versenden
E-Mails. Warum aber passt sich unser Körper nicht den Bedingungen der heutigen Gesellschaft an? Weil ein trainierter Körper heute für Disziplin, Hartnäckigkeit und Durchhaltewillen steht – drei Eigenschaften also, die in jedes Bewerbungsgespräch gehören und auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Die Muskeln kommen heute zwar nicht mehr zum Einsatz, stehen aber als Zeichen für eine potente Arbeitskraft.

 

Die Vermessung des Körpers

Bei mir stehen die Zeichen schlecht. Höchste Zeit also für eine Kraftberatung beim ASVZ. Sportstudent Marco erklärt mir, wie ich meinen Körper aufbauen kann. Grundsätzlich funktioniert das so: Beim Pumpen werden im Muskel Zellen zerstört. Der Körper reagiert darauf, indem er an der verletzten Stelle mehr Zellen aufbaut wie vorher. Der erwünschte Nebeneffekt ist dabei der Muskelzuwachs. «Wir machen den Körper kaputt, damit er danach mehr Muskeln aufbaut», resümiert Marco und stellt mir ein Programm zusammen. Hauptsächlich sitze ich dabei auf ausgeklügelten Geräten – mal Eiserne Jungfrau, mal Gynäkologiestuhl. Zum Abschluss jogge ich 20 Minuten auf dem Laufband.
Dieses vermisst meinen Körper in Echtzeit und liefert mir zum Schluss die folgende Statistik: Durchschnittsgeschwindigkeit 8,9 km/h (so schnell wie eine Rennmaus), Kalorienverbrauch 223 kcal (so viel wie eine halbe Bratwurst), durchschnittliche Steigung von 0,0 Prozent (so flach wie ein Witz von Viktor Giacobbo). Was ich aber mit den ganzen Daten anfangen soll, ist mir ein Rätsel. Sie sind wohl Zeichen für das nie versiegende Optimierungsbedürfnis unserer Gesellschaft, das auch vor dem eigenen Körper nicht halt macht.

 

Ökonomische Körper

Den Optimierungswillen sieht man auch beim Angebot des ASVZ, das heuer sein 75-jähriges Bestehen feiert: Im Gründungsjahr 1939 wurden sechs Kurse angeboten, die rund 700 Personen besuchten. Heute bietet der ASVZ über 130 Sportarten an, welche 1’600’000 Sportlerinnen und Sportler jährlich nutzen. Ein Drittel aller Studierenden betreibt wöchentlich Hochschulsport. Der Trend liegt laut ASVZ beim sogenannten High Intensity Training, bei dem der Körper ganzheitlich trainiert wird. Dazu gehört neben dem «Kondi» auch das «Muscle Pump».
Also nichts wie hin, denke ich. Bald darauf finde ich mich in einem engen Raum wieder, mit entkräfteten Beinen und unterjocht von einer Gewichtsstange auf meinem Rücken. Neben mir schwitzen etwa 40 Leute. Auch hier überwiegt der Frauenanteil. Nach 60 Minuten wird mir klar, was High Intensity heisst: Eine Zerstörung des Körpers mit hoher Intensität, für eine noch höhere Wölbung des Muskels. Warum tut man sich das an? «Hier werde ich gezwungen, etwas für meinen Körper zu tun», sagt Nico, als er nach der Stunde die Gewichte wegräumt. Zudem verliere er nicht viel Zeit, da das Training über Mittag stattfindet. Hoher Output bei geringem Input, würde der Ökonom sagen. Eine effiziente Investition ins eigene Ich. Was also ist der studentische Körper? Er ist durchtrainiert und gerüstet für den ganz normalen Krieg auf einem hart umkämpften Arbeitsmarkt. ◊

Tags:

1 Comment

  1. Trainierter Körper für den Arbeitsmarkt? Man kann auch gewagte Thesen formulieren. Ein trainierter Körper ist vornehmlich für dich selbst. Du wirst dich besser fühlen, wenn du nicht ausser Puste bist, wenn du keine Fettschichten mit dir trägst, fühlst dich attraktiver, kann so weit gehen, dass du an Selbstvertrauen und Lebensfrohheit gewinnst. Diese Zeilen könnten von einer Fitnessabobrochüre stammen, aber es ist so. Dem Schreibenden kann man anraten, dass er zuerst ins normale Kondi geht und sich kontinuierlich steigert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Gehe nach Oben