Die Frauenrolle Indiens im Wandel (Bild: TMDb.pro).

Zwischen Botox und Sturmgewehr

in Campus von

Laura Hohler

«The World Before Her» ist ein kanadischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2012. Das Werk der Regisseurin Nisha Pajuha wurde bereits am Hot Docs Film Festival in Toronto als «Best Canadian Feature» ausgezeichnet.

Der Film stellt in 90 Minuten zwei völlig entgegengesetzte Lebensarten von Frauen in Indien einander gegenüber. In Mumbai ringen 20 Anwärterinnen in einem Luxushotel um den «Miss India»-Titel. Während eines Monats unterziehen sie sich einem harten Training, das Fitness, Cat-Walk-Training und zahlreiche Schönheitseingriffe wie Botox-Injektionen oder das Aufhellen der Haut erfordert. Der Film zeigt, wie junge Frauen im Konflikt zwischen der westlichen Welt und ihrer hinduistischen Kultur stehen. Pajuha gewährt Einblicke in das Leben einzelner Teilnehmerinnen. Eine davon, Ruhi Singh, hat sehr liberale und westliche Eltern, die hinter ihr stehen und sie unterstützen. Ruhi repräsentiert die moderne indische Frau, die ihre eigenen Entscheidungen fällt, ihren Körper nicht verhüllt und sich nicht durch die von Männern dominierte Gesellschaft unterdrücken lässt.

 

Das Camp der «Kriegsgöttinnen»

Im krassen Gegensatz zur Beauty-Branche und den westlich angehauchten Wertevorstellungen werden in einem ländlicheren Teil Indiens junge Frauen in einem «Durga Vahini»-Camp (zu deutsch: Armee der Durga; die Durga ist eine der bekanntesten Göttinnen im Hinduismus) zu «Kriegsgöttinnen» ausgebildet. Das Ziel dieser Camps ist es, Indien vor der Verwestlichung zu bewahren und den Hinduismus als einzig wahre Religion zu verteidigen und zu verbreiten. Besonders schockierend ist, wie Mädchen im Teenageralter gezeigt wird, wie man mit Gewehren schiesst oder jemandem den Arm bricht – alles, um für den Hinduismus zu kämpfen.

Obwohl die indische Regierung versucht, diese extremistischen Camps abzuschaffen, sehen sich die Durga-Vahini-Teilnehmerinnen nicht als Terroristen. Auch hier zeigt Pajuha wieder das Schicksal einzelner junger Frauen. Prachi, die Tochter eines Campleiters, die in einer sehr religiösen und patriarchalischen Familie lebt, will weder heiraten noch Kinder kriegen, sondern ihr Leben lang für den Hinduismus kämpfen – sie wäre auch bereit, dafür zu sterben. Obwohl sie sehr stark und selbstbewusst wirkt, hat auch sie Ängste und ist sich ihrer Zukunft nicht gewiss, da ihr Vater sie in der Rolle als Ehefrau und Mutter sieht.

Nisha Pajuha ist es gelungen, einen sehr schockierenden, emotional berührenden Dokumentarfilm zu realisieren, der absolut sehenswert ist. Der Film gibt private Einblicke in das Leben junger Frauen in einem Land, das im Wandel steht. Vor allem der Gegensatz zwischen Stadt und Land sowie indischer und westlicher Kultur kommt sehr stark zum Vorschein.

 

Regie: Nisha Pajuha

Laufzeit: 90 Minuten

Erscheinungsdatum: 2012

Mit: Pooja Chopra, Marc Robinson, Ankita Shorey, Ruhi Singh u. a.

Für wen: Für jeden, der etwas für Dokumentarfilme übrig hat und sich für fremde Kulturen und Rollenbilder in der Gesellschaft interessiert.

 

 

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