Geschichte in Unterhaltungsliteratur: Alice Schwarzers neustes Werk. (Bild: Jonathan Progin)

Algerien und Feminismus

in Campus von

Alice Schwarzer hat ein neues Buch geschrieben. In Zürich hat sie «Meine algerische Familie» vorgestellt.

«Stönd Sie au für d’Alice Schwarzer ah?», werde ich im Eingangsbereich des Kosmos gefragt. Tatsächlich scheinen alle gekommen zu sein, um die bekannteste Feministin Europas zu erleben. Die eigentliche Lesung aus ihrem neuen Algerien-Buch ist wohl nicht nur für mich Nebensache.

Alice Schwarzer, die Ikone

Sobald Alice Schwarzer zu sprechen beginnt, zieht sie die Zuhörerinnen in ihren Bann. In den Neunzigerjahren hat Schwarzer die junge algerische Journalistin Djamila nach Deutschland in Sicherheit gebracht und sie für einige Jahre beherbergt. Seither steht Schwarzer in engem Kontakt mit Djamilas algerischer Grossfamilie, die in der Hauptstadt Algier lebt. Schwarzer erzählt in ihrem Buch über ein Land, zerrissen zwischen Tradition und modernen Strömungen. Es geht um Kopftuchtragen und Instagram, Hochzeitsrituale und Bürgerkrieg. «Meine algerische Familie» ist persönlich, episodenreich und unterhaltsam: Schwarzer schreibt über ihren Fauxpas bei einer algerischen Hochzeit, nur ein Kleid dabei zu haben, während die andern Gäste mehrmals pro Abend das Outfit wechselten. Und langsam frage ich mich: Kommt da noch mehr?

Erst gegen Schluss stimmt Schwarzer das Publikum nachdenklich: Sie liest eine Passage vor, die den Protagonisten Ghanou von seinen Ängsten im Bürgerkrieg erzählen lässt. Die Lockerheit, welche Alice Schwarzers Auftritt so sympathisch macht, wirkt in manchen anderen Buchpassagen allerdings störend. Politik wird zum Randthema. Und irritierend unkritisch erzählt Schwarzer von konservativen Geschlechterrollen – etwa, wie sie den algerischen Gewohnheiten entsprechend erst nach dem Abendessen der Männer mit den Frauen in der Küche isst. Wo bleibt die Feministin?

Doch nicht altersmilde?

Dass sie mild geworden sei, wurde Alice Schwarzer in letzter Zeit vermehrt vorgehalten. Aber leise ist sie nicht an diesem Abend. Sie wettert gegen die heutigen «Jungfeministinnen». Von der Strömung des intersektionalen Feminismus, welche gerade im universitären Umfeld im Trend sei, hält sie wenig. Dieser wirft den Pionierinnen vor, sie hätten den Geschlechterkampf nicht im Kontext anderer Merkmale wie Klasse oder Herkunft betrachtet. «Dabei war das doch für unsere Generation Feministinnen eine Selbstverständlichkeit», kontert Schwarzer.

Auf die Frage, wieso sie denn kein feministisches und erst auf den zweiten Blick ein politisches Thema für ihr neues Buch gewählt habe, meint Schwarzer schmunzelnd: «Na, hören Sie mal! Ich beschäftige mich schon mit #MeToo, keine Angst.» Aber nebst der Tätigkeit als Verlegerin und Chefredakteurin des feministischen Magazins «EMMA» «erlaube ich mir zwischendurch mal ein Buch», so Schwarzer.

Algerien als Schlüsselnation

Mit «Meine algerische Familie» will sie das Interesse des europäischen Publikums für den nordafrikanischen Staat wecken. Denn Schwarzer sieht Algerien als Schlüsselland, das als einzige muslimische Nation nie mehr dem Islamismus verfallen werde. Dafür seien die Traumata aus dem Bürgerkrieg in den frühen Neunzigern zu gross. Dennoch beurteilt Schwarzer die politische Situation in Algerien als nach wie vor instabil. «Falls das Land bei den Wahlen 2019 ins Chaos kippt, kann das Konsequenzen für ganz Europa haben», erklärt sie, «aber wäre das Buch so politisch dahergekommen, würde niemand es lesen.» Rund 70 Jahre algerische Geschichte werden demnach in Unterhaltungsliteratur verpackt und an einer konkreten algerischen Mittelstandsfamilie gespiegelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Die Bibliothek ist zu klein

Das verästelte Bibliotheksnetz der Uni Zürich soll zentralisiert werden. Dagegen regt sich
Gehe nach Oben