Im Monomaster kommen alle Literaturwissenschaften zusammen – nur die NDL geizt (Illustration: Lea Cortes).

Alleingang in der Literaturwissenschaft

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Die Neuere deutsche Literaturwissenschaft will sich nicht vollumfänglich am neuen Monomaster beteiligen. Das stösst auf Unverständnis.

Seit Herbst gibt es zum ersten Mal in der Geschichte der Uni Zürich einen Studiengang, der sich ausschliesslich der Literatur widmet: den Monomaster Literaturwissenschaft. Auf Wunsch der Anglistik hin ins Rollen gebracht und dann von einem Kuratorium an engagierten Professor*innen umgesetzt, ermöglicht er nun ein Studium, in welchem literaturwissenschaftliche Module verschiedenster Sprachen besucht werden können.

Grossprojekt mit Schönheitsfehler

Nur ein grosser Makel lässt sich in diesem Projekt finden: die Neuere deutsche Literaturwissenschaft (NDL) als eine der grössten literaturwissenschaftlichen Abteilungen ist als solche nicht im Monomaster integriert. Stattdessen beschränkt sich die NDL-Abteilung darauf, einmal im Jahr ein Modul für 15 ECTS-Credits und semesterweise einzelne Wahlmodule beizusteuern.

Dieser Umstand stösst bei den Studierenden auf Unverständnis und beeinflusst auch Helena Dobiess’ Master-Wahl: «Es macht für mich einen Unterschied, ob die NDL mit ihren Modulen dabei ist oder nicht. Ein Monomaster Literaturwissenschaft sollte sich ja auch an die Studierenden richten, die Neuere deutsche Literatur in einem sprachübergreifenden Rahmen behandeln möchten.» Also brachte die Fachschaft der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft (FAVL) das Thema an der Fachvereinskonferenz an. Daraufhin richteten sich die Fachvereine und die Konferenz mit einem Brief an die NDL-Abteilung, um sie nach ihren Beweggründen zu fragen und sie zu bitten, ihren Entscheid zu überdenken. In ihrem Antwortschreiben argumentiert die Abteilung, ihr Studienprogramm sei aufgrund «Bologna 2020» «streng curricular aufgebaut» und die Grundkenntnisse aus dem Bachelor seien eine «unverzichtbare Voraussetzung». Dies stelle ihre wichtigste «Qualitätssicherungsmassnahme» dar.

Fahle Begründungen

Diese Argumentation wirft die Frage auf, weshalb eine solche «Qualitätssich-erungsmassnahme» nur für eine einzige Philologie notwendig ist. Genauer gesagt für eine Abteilung innerhalb einer Philologie. Denn die Ältere deutsche Literaturwissenschaft (ÄDL) ist mit allen Modulen vertreten. Auch lässt sich eine einheitliche Definition von «Grundkenntnissen» bezweifeln. Es ist geradezu eine Anmassung, anzunehmen, dass Studierende, die sich im Bachelor mit Shakespeares Sonetten auseinandergesetzt haben, im Master keinen Ingeborg-Bachmann-Text analysieren und verstehen können.

Angst vor Abwanderung

Laut dem Studiendekan der Philosophischen Fakultät, Daniel Müller Nielaba, befürchte man, dass es zu massiven Verschiebungen von Studierendenzahlen käme, würde die NDL-Abteilung alle ihre Module für den Monomaster öffnen. Das ist vermutlich der eigentliche Grund für die Nicht-Öffnung der meisten NDL-Module: Die Angst vor der Abwanderung Studierender hin zum neuen Monomaster. Eine solche Gefahr besteht laut FAVL-Vorstand Mareike Suter nicht: «Es handelt sich hier um einige wenige Studierende, die überhaupt mit dem Monomaster beginnen. Da müssen wir realistisch bleiben.» Die Angst ist besonders deshalb unbegründet, da es weiterhin eine grosse Zahl Studis geben wird, die nicht auf eine Major/Minor-Kombination oder auf die Sprachwissenschaft verzichten wollen. Und so könnte die Fakultät ganz einfach im Interesse eines inklusiven Studiengangs beziehungsweise im Interesse der
Literatur entscheiden.

Monomaster Literaturwissenschaft: Annina Meier ist Mitglied der FAVL und gehörte zu den Unterzeichner*innen des Briefs.

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