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Am Filter des Journalismus vorbei gelogen

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Leben wir in einer Postfaktischen Zeit? Der Forschungsverbund «NCCR Democracy» lud vergangenen Donnerstag zu einer Podiumsdiskussion, um diese Frage zu beantworten.

Lügen, so sagt man, haben kurze Beine. Der letztjährige Wahlkampf Donald Trumps in den USA hat aber gezeigt: Lügen haben kleine Hände. Die kleinen Hände halten sogar das Weisse Haus in fester Umklammerung und treiben dort seit 134 Tagen ihr Unwesen – bar aller Kenntnis der Fakten und, schlimmer noch, bar allen Interesses an der Wahrheit.

Schwierigkeit Social Media

Waren Lügen, Verzerrungen der Wahrheit und Bauchgefühlstimulanzien nicht schon immer integraler Bestandteil des demokratischen Kampfes gewisser Akteurinnen und Akteure um die Stimme? Oder erleben wir das Ende des vertrauten Politisierens in einer postfaktischen Zeit, in der die Wissenschaft als elitäres Projekt und die Medien als Lügenpresse diskreditiert werden?
Der Forschungsverbund «NCCR Democracy» lud zur Beantwortung dieser Frage am vergangenen Donnerstagabend fünf Experten in die Aula der Universität Zürich ein. Ob wir überhaupt in einem postfaktischen Zeitalter leben, fragte Moderatorin Fargahi, Nachrichtenredakteurin der NZZ, den Kommunikationswissenschaftler Prof. Frank Esser zu Beginn. Dieser stellte fest, dass jedenfalls die «Gelegenheitsstrukturen für die Verbreitung von Missinformationen heutzutage günstiger» seien : «Das liegt daran, dass Informationen heute durch Social Media am Filter des Journalismus vorbei gestreut werden können», betonte Esser. Wählende hätten aber, entgegnete die Politologin Brigitte Geissel, «ihre Entscheidungen noch nie nur auf Fakten basiert». Während aber früher die jeweilige Parteizugehörigkeit die Entscheidung bestimmte, sieht Geissel nun eine «Lücke» und die Frage: «Wem glauben wir jetzt?»

Nicht nur auf Bildung hoffen

Gerade die Medien und die Wissenschaft kämpften mit Glaubwürdigkeitsproblemen, so Esser, die mitunter von bewusst geschürten Zweifeln an den sogenannten Eliten herrührten, weshalb sie die entstandene Lücke nur schwer füllen könnten: «Die Leute werden eingeladen, dieser Gruppe nicht mehr zu vertrauen, weil sie vermeintlich ihre eigenen Interessen stärker einbringen, als dass sie für das Volk sprechen.» Es gäbe aber ohnehin kein eindeutiges Korrektiv, auf das wir setzen könnten, findet Geissel, und sieht den Erfolg nur in einer kollektiven Anstrengung. Ähnliche Töne schlägt auch der Politik- und Strategieberater Julius van de Laar an, demzufolge es nicht genüge, bei der Bildung anzusetzen, wie dies die Journalistin Gülsha Adilji vorschlug. Vielmehr müsse letztlich auf politischer Ebene entschieden für die richtige Sache gekämpft werden: «Wenn man das Spielfeld und die Debatte der anderen Seite überlässt, die mit Fake News, mit Hass und mit Polemisierung kommt, und darauf hofft, dass Regularien, der Ausbruch aus der Filterblase, eine zeitgemässe Bildung das schon richten wird, dann ‹Gute Nacht›!»

Die Podiumsdiskussion mit dem Titel «Demokratie in postfaktischen Zeiten: Eine Herausforderung für Wissenschaft und Medien» war Teil der Veranstaltungsreihe des Forschungsverbundes NCCR Democracy zum Abschluss seins Bestehens. Die Veranstaltung fand am Donnerstagabend, dem 1. Juni 2017 in der Aula der Universität Zürich statt.

 

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