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Michael hat Biologie studiert. Heute ist er Lokführer bei den SBB. Wie kam es dazu? Die Geschichte eines glücklichen Aussteigers.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Biologiestudiums entschloss sich Michael Colombo zur Kehrtwende und begann eine Ausbildung zum Lokführer bei der SBB. Auch zwei Jahre später bereut er seine Entscheidung nicht: «Lokführer ist genau der richtige Job für mich: Ich kann selbständig arbeiten, bin stets dem Tageslicht ausgesetzt und kann dazu noch anderen Leuten einen Service bieten.» Das Biologiestudium habe ihm viel gebracht, es habe ihm eine andere Weltanschauung gegeben, meint Michael. Ursprünglich wollte er an der Uni bleiben und Akademiker werden.

Fehlende Leidenschaft

Doch wieso dann die Abwendung von der Wissenschaft? Das Doktorat sei der Weg des geringsten Widerstands, obwohl es ein erfolgreiches Masterprojekt und sehr viel Leidenschaft für das Forschungsgebiet voraussetzt. Beides war bei Michael nicht ausreichend vorhanden.

Auch sei es schwierig, nach dem Master einen Job zu finden. Die meisten arbeitssuchenden Absolventinnen und Absolventen seien Doktorierte, was die Chancen für Studierende mit Masterabschluss schmälere. Ein Schlüsselerlebnis sei gewesen, als sein Professor erwähnte, dass man nicht an der Uni bleiben und doktorieren solle, wenn man einen richtigen Job will, weil ein Doktorat kein Job sei. Eher sei es eine Leidenschaft, die man ausleben darf, und man könne froh sein, dass man dafür noch ein wenig bezahlt wird. Michael aber war im Master an dem Punkt angelangt, an dem er einen Job wollte, mit dem er auch Freizeit hat, wenn er abends nach Hause kommt, was man in der Akademie nicht erwarten kann.

Intellektuell unterfordert

Ein weiteres prägendes Erlebnis sei eine Präsentation über die Erfolgschancen der Studierenden in Biologie nach dem Studium gewesen, die besagte, dass nur 7 % der Abgängerinnen und Abgänger erfolgreich seien. Hier stellt sich die Frage, wie man Erfolg definiert. In diesem Fall galt nur als erfolgreich, wer eine PI-Position an der Uni innehat, also eine Forschungsgruppe leitet und garantierte Zuschüsse für Forschungsprojekte erhält. Demnach gilt in dieser Anschauung auch jede Position als Misserfolg, die nicht direkt mit der Forschung in Verbindung steht.

Auf die Frage, ob Lokfahren nicht langweilig wird, sagt Michael: «Doch, intellektuell bin ich komplett unterfordert. Das stört mich aber nicht, solange ich privat genügend intellektuelle Herausforderungen habe.» Deshalb arbeitet Michael auch nur 80 Prozent. Was die Zukunft bringt, steht noch offen, eine Rückkehr in die Wissenschaft ist aber eher unwahrscheinlich. Zu schön sei es, mit der Lok durch die Gegend zu brausen. ◊

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