Anne Collier, aus der Serie Women With Cameras (Self Portrait), 2017 © Anne Collier Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; and The Modern Institute/Toby Webster Ltd., Glasgow

Auf Augenhöhe: Anne Collier im Fotomuseum Winterthur

in Campus von

Das Fotomuseum Winterthur zeigt bis am 26. Mai Anne Colliers Werke. Ein Rundgang durch die Ausstellung offenbart die Komplexität der Künstlerin.

Beim Eintreten in den ersten Ausstellungsraum des Fotomuseums Winterthur fällt der Blick gleich auf die beiden grossformatigen Fotografien an der gegenüberliegenden Wand. Sie zeigen – einmal als Positiv, einmal als Negativ – eine nackte Frau von hinten, die ins aufgewühlte Meer hinausschreitet. Erst dann bemerkt man die Fotografien von weinenden Augen an den Seiten, die einen zu beobachten scheinen. Und schon ist man mitten in der Bilderwelt der Fotografin Anne Collier. In fünf verschiedenen Räumen des Fotomuseums Winterthur werden ihre Arbeiten – stets auf Augenhöhe, was die Wirkung verstärkt – präsentiert. Dabei sticht sofort ins Auge, dass die Werke einem gemeinsamen Thema gewidmet sind: Dem Blick auf die Frau und die Weiblichkeit.

Das entlarvende Auge

Besonders schön sichtbar wird dies in der schon fast humorvollen Konstellation aus der Fotografie eines Kalenderblattes aus den 70ern, das eine Frau mit entblösstem Oberkörper und Morgenmantel zeigt, und der Aufnahme eines gesichtslosen Mannes mit Kamera und Teleobjektiv. Auch die Anordnung von vier Zeitungsinseraten für Kameras und anderes Fotozubehör zeigt, dass der Markt früher  — wie teilweise auch heute noch — hauptsächlich auf Männer ausgerichtet war. So wurde etwa die Qualität eines Objektives durch Nacktaufnahmen einer Frau beworben oder die Flexibilität der Kamera (und dadurch des Fotografen) mit der Flexibilität des nackten oder leicht bekleideten weiblichen Modells verglichen.

Anne Collier, Woman Crying (Comic) #4, aus der Serie Women Crying, 2018 © Anne Collier; Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; and The Modern Institute/Toby Webster Ltd., Glasgow

The female gaze

Als Diashow präsentiert werden fotografische Selbstporträts unterschiedlicher Frauen (u.a. auch von Anne Collier im Teenageralter), die die Künstlerin gesammelt hat. Dieser Teil der Ausstellung weckt wohl den stärksten persönlichen Bezug für die Betrachterin. Seien es schnelle Schnappschüsse mit dem Handy, um einen anderen Blickwinkel auf sich selber zu erhalten, oder Spiegelfotos mit der besten Freundin im Pyjama — es ist eine bunte Auswahl an Bildern, die an das eigene fotografische Herumalbern erinnern können. Auch diese Zusammenstellung bietet einen interessanten Kontrast zum männlichen Blick auf den weiblichen Körper oder die Weiblichkeit als Ganzes, der in Anne Colliers Werken immer wieder thematisiert wird. So sind diese «Selfies» nicht für die Öffentlichkeit gedacht, sondern offenbaren die Sicht der fotografierenden Frauen auf sich selbst. Oft verbirgt die Reflexion des Blitzlichtes zusätzlich das Gesicht der Porträtierten.

Anne Collier, aus der Serie Women With Cameras (Anonymous), 2016 © Anne Collier Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; and The Modern Institute/Toby Webster Ltd., Glasgow

Bildcollagen

Die Arbeitsweise Colliers wiederspiegelt ihr Werk: Das Atelier der 1970 in Los Angeles geborenen Künstlerin dient ihr nicht nur als Arbeitsplatz, sondern auch als «Sammelstelle» für allerlei Bildmaterial. Collier sucht und findet unter anderem LP-Covers, Fotografien, Fotozeitschriften in Brockenhäusern oder auf Flohmärkten und wählt dann spezifische Motive aus, aus denen sie einen Ausschnitt fotografiert und präsentiert. So lenkt die Künstlerin den Blick der Betrachtenden auf ein bestimmtes Element und nimmt diese sozusagen mit in ihre Welt. Die Direktorin des Fotomuseums, Nadine Wietlisbach, unterstreicht dabei die einerseits schöne Auswahl in Bezug auf die Motive, aber auch die kritischen Untertöne der einzelnen Werke.

Kunst zum Nachdenken

Colliers Arbeitsweise ist dabei akribisch und fast schon obsessiv. So kann es durchaus sein, dass ein Bild bis zu 100 Mal fotografiert wird, bis endlich jedes einzelne Detail stimmt. Unter anderem die Materialität des ursprünglichen Druckerzeugnisses ist hier ein wichtiges Element. Häufig sind Gebrauchspuren wie Falten oder ein Verblassen der Farben zu entdecken. So handelt es sich bei den Werken auch um einen kleinen Ausflug in die Geschichte der Fotografie. Und obwohl die Aufnahmen teilweise als Serien daherkommen, handelt es sich durchgehend um Einzelbilder. Im letzten Raum der Ausstellung fragt ein Plakat die Besucheneden «What Are The Effects?» Zeit also für einen Kaffee und etwas Ausstellungs- sowie Selbstreflexion.

Zusätzliche Denkanstösse bietet möglicherweise die Spezialführung am 13. April um 16 Uhr mit Nadine Wietlisbach und der Kunsthistorikerin und -kritikerin Barbara Preisig. Dabei geht es um die Repräsentation von Frauen in der Kunst und das Potenzial von unscheinbarem und belanglosem Material. Die Ausstellung «Anne Collier – Photographic» ist noch bis am 26. Mai 2019 im Fotomuseum Winterthur zu sehen.

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