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    Christian Kracht 2015. © Boston University

Ausser Spesen nichts gewesen

in Campus von

So vielschichtig und umstritten die Texte von Christian Kracht sind, so eindeutig dürfte das Verdikt über seine Lesung im Kaufleuten ausfallen: Der Abend war eine Irritation.

Christian Kracht liest selten. Vergangenen Dienstag hat er es doch getan, hat den weiten Weg von Los Angeles nach Zürich auf sich genommen, um im Kaufleuten die Reihe «RadaR» zu eröffnen. «RadaR» ist der neuste Streich des umtriebigen Professors für Neuere Deutsche Literatur Philipp Theisohn. Diesem und seiner langjährigen Freundschaft mit dem Autor ist es zu verdanken, dass der scheue Berner Oberländer Kracht sich ausnahmsweise auf eine Bühne getraut hat.

«eigentlich lesbisch»

In «Faserland» hatte Kracht anhand eines wohlstandsverwahrlosten Deutschen ein düsteres Stimmungsbild der Neunzigerjahre gezeichnet: Jede zweite Figur in dem Roman wird als verkappter Nazi tituliert – ein Anwurf, den der Autor sich nach der Veröffentlichung von «Imperium» gleich selbst gefallen lassen musste. Es fehlt nicht an Kontroversen um den Schriftsteller, und sein Name hatte auf dem Programm der Lesereihe auf Spektakel hoffen lassen. Vielleichte gerade auch der Umstand, dass er sich selten zeigt, machten das Publikum neugierig auf Christian Kracht. Die Aufregung war in den Minuten vor Beginn denn auch zu spüren. Und dann stand da neben dem Professor mit dem klassischen Rollkragenpullover ein kleiner, unrasierter Mann in Schal und Wintermantel. Er sah seltsam verloren aus in dem Aufzug. Und aus dem Literaturspektakel wurde nichts.

Philipp Theisohn war bemüht, das Gespräch den Texten entlang zu führen, fragte nach Zusammenhängen und Hintergründen. Doch Kracht druckste herum und wich gleich mehreren Fragen aus, indem er darauf hinwies, dass sie (Kracht und Theisohn) darüber ja schon am Abend davor gesprochen hätten. Das mutete irgendwie unprofessionell an. Aber dann las der Autor ein erstes Mal. Das beruhigte. Er hat eine ruhige, tiefe Stimme und liest sehr deutlich. Vielleicht war zu Beginn einfach zu viel Nervosität im Spiel, dachte man sich. Vielleicht würde das Gespräch noch an Substanz gewinnen, hoffte man.

Es würde nicht. Professor Theisohn war um seine Stelle nicht zu beneiden. Er versuchte seinem Gesprächspartner zu helfen, redete mehr, probierte es mit Witz. Aber Kracht mochte nicht reden. An einer Stelle behauptete er dann, er sei «eigentlich ja lesbisch», wobei schwer zu ermitteln war, ob das hätte witzig sein sollen. Jedenfalls, irgendwann hatte der Schriftsteller genug. Die Fragen (zu seinen eigenen Texten, notabene) seien ihm zu schwierig, sagte er trocken. Dann las er eine geschlagene halbe Stunde aus «die Toten» und der Abend war vorbei.

Nicht schade

Der Anlass war auf irritierende Weise enttäuschend. Aber wenn er eines gezeigt hat, dann wohl dies: Christian Kracht liest selten, und dafür gibt es gute Gründe. Er kann oder will einfach nicht konform sein, nicht einmal für zwei Stunden an einem Dienstagabend. Seinem Schreiben kommt diese Unangepasstheit zugute, dem interessierten Publikum einer Lesung nicht. Deshalb ist es auch nicht schade, wenn der Autor sich selten zeigt. Es gibt nichts zu verpassen.

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