Die unabhängige Zeitung für Uni und ETH

  • Nina-nachher-version1.jpg
    Bild: Ana Hofmann
  • nina-vorher-version2.jpg
    Bild: Ana Hofmann

Barbie-Feminismus

in Campus von

Frauen, die auf Instagram sexy für Selfies posieren, werden als Idole weiblicher Ermächtigung gefeiert. Warum dies zu kurz gedacht ist – und dem Sexismus in die Hände spielt.

Schicht für Schicht schminke ich mich ab. Das Lavabo färbt sich schwarz, dann beige, dann lila. Mascara rinnt über meine Wange. Ich rubble, seife, peele. Das professionelle Make-up, für das die Visagistin zwei Stunden gebraucht hat, ist nach wenigen Minuten ab. Ich schaue mich im Spiegel an und finde mein Gesicht plötzlich ausdruckslos, fad, ja langweilig. Noch vor einer Stunde stand ich als Barbie-Puppe vor der Kamera – ein gänzlich unfeministischer Akt, und doch fühlte ich mich irgendwie stark. Es ist mir peinlich, das aufzuschreiben, aber es war ein gutes Gefühl, zu merken, dass auch mein Gesicht so aussehen kann wie eines aus der Maybelline-Werbung.

Doch dieses gute Gefühl ist perfid. Was wir in solchen Situationen – etwa wenn unser Selfie auf Instagram gut ankommt – fühlen, ist bloss Scheinermächtigung in einer durch und durch sexistischen Welt. Aber lasst mich ausholen: Eigentlich könnte man denken, es sei eine grossartige Zeit, um Feministin zu sein. Alles, was Frauen gerade tun, gilt als selbst-ermächtigt: ein Nackt-Selfie zu schiessen, zu twerken oder eben – sich stundenlang für ein Selfie zu schminken, welches man dann mit der Community teilt.

Heiss und stark

Dass da etwas nicht stimmen kann, habe ich zum ersten Mal gemerkt, als ich die Debatte unter Feministinnen über das Phänomen der Kylie-Jenner-Mädchen verfolgte. Für Uneingeweihte: Das sind junge Mädchen, kaum 18, die sich die Lippen aufspritzen lassen, sich das Gesicht mit absurd viel Schminke zukleistern und sich mit Gangster-Blick selbst ablichten – wofür sie millionenfach geliked werden. Trotz dieser grotesken Darstellung von Weiblichkeit werden diese Frauen nun also auch von einigen Feministinnen als Idole der Ermächtigung gefeiert. Warum? Weil es Frauen lange verboten war, sich und ihren Körper selbstbewusst zu zeigen und zu inszenieren. Nun kommen diese «Insta-Girls» und stylen sich – scheinbar nur für sich. Einfach, weil es ihnen Spass macht, das perfekte Selfie zu schiessen. Sie sind heiss, sie sind stark, und sie wissen es. 

Überlebensstrategie

Diese Haltung ist verständlich, aber dennoch falsch. Denn die Idee der Selbstermächtigung durch Eyeliner und Contouring ist fast schon zynisch.  So gibt es wenig, wofür Frauen mehr diffamiert und herabgesetzt werden als für ihr Aussehen. Frauen, die vom gesellschaftlichen Ideal abweichen, bei Enthaarungs-Kulten, Diät-Wahnsinn und sexistischer Mode nicht mitmachen, müssen mit gravierenden Konsequenzen rechnen. Sie gelten als hässlich, nachlässig, seltsam, frivol und ungepflegt. Daher ist Schminke eher eine Überlebensstrategie als ein Akt der Emanzipation. 

In diesem Kontext ist die Entscheidung, sich zu schminken, auch keine  echt  freiwillige, wie es immer verharmlosend heisst. Klar, niemand will leugnen, dass Sport, Make-up und Shopping grossartig sein können – nur werden die Geschlechter noch immer an unterschiedlichen Kriterien gemessen und für Frauen ist der Druck, sich unablässig zu optimieren, unerträglich hoch. Wer nicht das «Glück» hat, westlich, dünn und jung auszusehen, investiert noch mehr Zeit und Geld, um nicht stigmatisiert zu werden.  

Vor diesem Hintergrund sind Selfies von Minderjährigen, die sich zu ästhetischen Gesamtkunstwerken schminken,  das Gegenteil echter Ermächtigung. Denn, die Mädchen tun genau das, was von ihnen erwartet wird, und fordern das gängige Machtgefüge nicht heraus: Sie machen sich hübsch, lassen sich nach äusseren Kriterien beurteilen und halten den Mund. 

Das ist per definitionem Sexismus, extrem fieser Sexismus sogar, weil sich die Millionen von Likes für die Mädchen in ihrer subjektiven Wahrnehmung ja tatsächlich klasse anfühlen. Doch ursprünglich beschrieb Ermächtigung den Autonomiegewinn einer Gruppe als Ganzes, nicht nur eines Individuums. Etwas plump ausgedrückt bedeutet dies, dass es den alleinerziehenden Müttern und den ausgebeuteten Pflegerinnen aus Rumänien nichts bringt, wenn sich irgendwo eine Achtzehnjährige in ihrer Haut wohl fühlt. 

Doch diese Kritik ist nicht an die aufgestylten Frauen gerichtet, sondern an den Umstand, dass Frauen noch immer mehr geliebt werden, wenn sie hübsch sind, als wenn sie wertvolle Arbeit leisten. Die Kritik gilt diesem perfiden Sexismus, der uns als Ermächtigung verkauft wird und sich sogar noch gut anfühlt. 

Teufelskreis

Gleichzeitig soll dies aber nicht bedeuten, dass Make-up und Feminismus nicht zusammenpassen. Im Gegenteil, keine trägt schärferen roten Lippenstift als Laurie Penny, die Königin des modernen Feminismus – und auf das Gefühl, das einem neue Schuhe oder ein hübsches Selfie geben, soll nicht verzichtet werden. Nur eben mit Vorsicht. 

Doch bewegt sich der Feminismus gerade in einem Teufelskreis um die Frage, ob Kim Kardashian, Kylie Jenner und wie sie alle heissen Idole des Feminismus sind, und generell um die Frage, ob sich Feministinnen schminken dürfen. Das lenkt von Wichtigerem ab. Und widerspricht der Grundidee des Feminismus, bei dem es eben gerade darum geht, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Frauen nicht vorgeschrieben wird, wie sie auszusehen haben. 

Dass es noch nie einfacher war, Feministin zu sein, weil man sich Ermächtigung durch ein gutes Ego mit Stöckelschuhen und Wimpernzange erkaufen kann, stimmt also nicht. Im Gegenteil war es wohl noch nie so schwierig, weil die grossen Ziele immer undeutlicher werden, weil man es sich als (westliche, privilegierte) Feministin ziemlich gemütlich einrichten kann – und es sich so verdammt gut anfühlt, beim sexistischen Zirkus mitzumachen. Wir müssen uns darum immer wieder vergegenwärtigen, dass wir noch immer in einer Welt leben, in der Frauen «Likes» bekommen, wenn sie sich selbst zum sexuell verfügbaren Objekt machen – und gehasst werden, wenn sie sich öffentlich für gerechten Lohn und die Rechte von Sexarbeiterinnen aussprechen. Umso mehr braucht es Ermächtigung – echte, jenseits von Likes und Barbie-Schminke!

Make-up by Stephanie Casanova: www.stefaniecasanova.ch

Tags:

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Placeholder

Alle Wege sind offen

Die Dienste der «Zentralstelle der Studentenschaft der Universität Zürich» waren tatsächlich zentral. Umso
Gehe nach Oben