Bedrohung von innen

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Angststörungen sind keine Seltenheit unter Studierenden. Die Universität unterstützt Betroffene. Viele melden sich aber gar nicht erst bei der Fachstelle.

«Es ist wie eine schwarze Wand, die auf mich zufährt und mich trifft. Dann wird mir schwindelig, alles ist ein bisschen so, als wär es in Watte gepackt. Meistens muss ich mega schwitzen und kriege das Gefühl, dass ich jeden Moment tot umfalle.» So beschreibt Angelina ihre Panik-attacken. Seit eineinhalb Jahren wird die Studentin heimgesucht von dieser Art von Erfahrung, zuerst ständig, mittlerweile seltener.
Ein Motorradunfall löste bei Angelina damals neben einem Schädeltrauma einen Schlaganfall aus – was Depressionen und eben jene Panikstörung mit sich brachte, von deren «schwarzer Wand» die heute 27-Jährige völlig überrumpelt wurde. Bis zu fünf Mal am Tag erlebte sie diesen Anfall von Panik; nicht nur eine einnehmende, sondern auch eine äus-serst ermüdende Erfahrung. «Danach bin ich jeweils komplett erschöpft und will sofort schlafen gehen.»

Der Zweitfilm in der Vorlesung
Panikstörungen sind eine Form von Angststörungen. Die Angstanfälle treten ein, ohne dass aus objektiver Sicht eine Gefahr bestünde. Erst bei mehreren Panikattacken im Monat und einer Beeinträchtigung im Alltag wird offiziell, also gemäss den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO, von einer Panikstörung gesprochen. Zu solchen Alltagssituationen gehört auch das Studieren: Nach spezifischen Auslösern, Ängsten und Traumata kann der regelmässige Besuch einer Uni erschwert sein. «Im Unispital hiess es nach meinem Schlaganfall, dass ich bald wieder studieren gehen solle», erzählt Angelina, die damals das dritte Semester beginnen wollte und im Hauptfach Politologie, im Nebenfach Umweltwissenschaft und Ethnologie studiert. «Ich ging also wieder an die Uni. Und es funktionierte überhaupt nicht. Einerseits, weil ich kognitiv noch nicht bereit war, also zum Beispiel zu schlecht gehen konnte, andererseits, weil ich starke Panikattacken erlebte, immer wieder.» An der Uni habe sie sich zwar vergleichweise sicher gefühlt, inmitten von Menschen und in der Nähe des Unispitals. «Aber in den Vorlesungen spielte sich bei mir während des Zuhörens oft ein Zweitfilm ab: Was, wenn ich jetzt tot umfalle? Wenn es genau jetzt passiert?»

Weiterstudieren – nur wie?
Während die Nähe zu Mitmenschen auf Angelina eine leicht beruhigende Wirkung hatte, empfinden andere Personen mit Panikstörung Menschenmengen als kritisch. Die Auslöser und Symptome variieren stark, von Zittern über Taubheitsgefühle bis zu starker Übelkeit rea-giert jede und jeder unterschiedlich. Studientypische Situationen können eine Schwierigkeit darstellen für Menschen mit Panikstörung: Viele Kommilitoninnen und Kommilitonen in einem Raum, akustische oder optische Unruhe, Leistungsdruck.
Für Angelina war klar: Sie möchte weiterstudieren. Schnell wandte sie sich deshalb an die Fachstelle Studium und Behinderung der Universität Zürich. Als psychische Störung werden Panikstörungen ebenfalls zu den Behinderungen gezählt. Die Politologiestudentin war positiv überrascht: «An der Uni schien es mehr Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen zu geben, als ich gedacht hatte. Es tat, gut zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin.»
Statistisch gesehen sind Panikstörungen keine Seltenheit: Eine Studie aus dem Jahr 1994 besagt, dass etwa 3.5 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Panikstörung erkranken. Eine Studie von 2005 spricht sogar von 4.7 Prozent. Personen zwischen 14 und 23 sind besonders gefährdet, allgemein betrifft es öfter Frauen als Männer.
Man habe ihr bei der Fachstelle viel Verständnis entgegengebracht, erzählt Angelina. Sie erhielt Zugang zu einem Rückzugsraum, und auch Prüfungen durfte sie mit ein paar wenigen anderen Studierenden in einem separaten Raum schreiben. «Für mich machte es einen riesigen Unterschied, schon während der Prüfungsvorbereitung zu wissen, dass ich nicht in einem Raum mit mehreren Hundert Leuten geprüft werde.»
Während des Semesters aber halfen ihr weitere Unterstützungen nicht so viel: Rückzugsräume gibt es vorwiegend im Zentrum. Auf dem Campus Irchel etwa, wo viele Veranstaltungen von Angelinas Studienrichtungen stattfanden, befand sich keiner dieser Rückzugsorte. Diesen Umstand empfindet Angelina als Manko. Eine Hilfestellung, die unabhängig vom Standort möglich ist, sind Reservationen von Plätzen nahe am Ausgang, sei es während der Vorlesung oder der Prüfung. Es empfiehlt sich, dass man sich als Betroffener oder Betroffene so früh wie möglich bei der universitären Fachstelle meldet.

Schwer einschätzbar
«Viele von einer Angststörung Betroffene stehen nicht mit uns in Kontakt, ausserdem handelt es sich oft um Co-Erkrankungen», so Benjamin Börner, Leiter der Anlaufstelle. Deshalb sei es auch schwer einschätzbar, wie viele Studierende mit Angststörung denn tatsächlich an der Uni sind. «Studierende, welche sich bei uns melden, leben am häufigsten mit einer Mobilitäts-, Hör- und Sprach- oder Sehbeeinträchtigung», so Börner. Unter den psychisch Beeinträchtigten fänden sich Studierende mit ADHS, Dyslexie, Depressionen oder Asperger-Syndrom.
Neben dem Kontakt zur Fachstelle gibt es viele weitere Möglichkeiten, mit einer Angststörung umzugehen. Ein erklärendes Gespräch mit Professorinnen und Professoren sei oftmals hilfreich, berichtet Angelina. Unabhängig von Studium sei es auch zentral, professionelle Therapie in Anspruch zu nehmen. «Mit Hilfe meiner Psychologin konnte ich Taktiken entwickeln, um wieder Vertrauen in meinen Körper zu gewinnen.»
Was Angelina aufgefallen ist: In ihrem Umfeld, unter Studierenden wie auch Nichtstudierenden, wird selten über psychische Erkrankungen geredet. «Sobald ich das Thema aber anspreche, stellt sich heraus, dass ganz viele schon persönliche Erfahrungen mit psychischen Störungen gemacht haben. Leute, von denen ich es nie gedacht hätte. Es wird viel zu wenig darüber geredet», stellt die Studentin fest.
Angelinas Attacken sind seltener geworden. Mittlerweile studiert sie wieder – und weiss, dass sie auf Unterstützung zählen kann, sollte die schwarze Wand wieder auf sie zukommen. ◊

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