Symbolbild: Juliana Maric

Beirut – Lausanne retour

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Eine junge Frau erhält während des Libanonkrieges einen Studienplatz in der Schweiz. Nach ihrem Abschluss wird sie ausgewiesen.

 

Aus dem Laptop erklingt die erdige Stimme einer Frau, die 3’600 Kilometer weit weg ist. Immer wieder bricht die Verbindung in den Libanon ab. Laila sitzt an einem offenen Fenster, umsäumt von weissen Vorhängen und Sonnenlicht. Sie hat eine selbstgedrehte Zigarette in der Hand und Beirut im Rücken. Fast drei Jahre ist sie nun wieder in dieser Stadt, die vor neun noch in Trümmern lag. Das Feuerzeug klickt, und sie beginnt ihre Geschichte zu erzählen.

Kuwait, 2006. Laila Haddad* steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Sie ist 17 und träumt davon, in der Grossstadt Beirut Architektur zu studieren. Also schreibt sie sich an der «American University of Beirut» ein und verlässt Kuwait. Sie ist optimistisch und freut sich auf die Stadt ihrer frühen Kindheit. Doch ihr Traum muss warten. Noch bevor das Semester anfängt, trifft die erste israelische Bombe Beirut. Der Libanonkrieg beginnt, und Laila entscheidet: «Hier will ich nicht leben.» Sie flieht durch Syrien zurück nach Kuwait. Ende Juli kommt sie endlich an. Was nun, fragt sie sich. Die Anmeldefristen der Universitäten sind alle verstrichen. 

Durch Zufall kommt sie auf die ETH Lausanne. Eine Freundin ihrer Mutter arbeitet bei der Schweizer Botschaft in Kuwait und erklärt Laila, es sei eine der besten Hochschulen weltweit und speziell für Architektur eine renommierte Adresse. Sie bewirbt sich auf gut Glück. Die ETH Lausanne nimmt Laila aufgrund des Libanonkrieges verspätet als Sonderfall auf. «Ich hatte nur zwei Wochen Zeit, eine Unterkunft zu finden, was schon hart genug ist, wenn du vor Ort bist.»

 

Sich im Nirgendwo verlieren

Nach den turbulenten Monaten ist Laila zuversichtlich. Sie findet ein kleines Zimmer im Haus einer netten, älteren Dame. Ihre Mutter kommt mit, um beim Umzug zu helfen. Bald danach reist sie ab und Laila ist alleine. Ihre Eltern sind zwar erleichtert, hätten ihr Mädchen aber lieber bei sich. In der sicheren Schweiz braucht Laila erst mal Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten. «Alles geschah so schnell. Ich war glücklich, aber hatte gleichzeitig Angst.» Sie erzählt ihrer Mutter von dem Alptraum, einen Zug zu nehmen, aber zu vergessen, auszusteigen – und sich dann im Nirgendwo zu verlieren. Laila lacht, wenn sie heute davon spricht, und ihre Stimme klingt nun fast kindlich. Es ist das Lachen eines unbeschwerten Mädchens. Nicht das, was man von einer 27 Jahre alten Frau erwarten würde, die durch Kontinente reiste, vor einem Krieg flüchtete und bald ihren Doktortitel erhält. Denn es ist ein hoffnungsvolles Lachen.

In Lausanne kämpft sich Laila durch das erste Jahr ihres Architekturstudiums. Freunde zu finden, ist ebenso hart, wie dem Lerndruck standzuhalten. Bekanntschaften bleiben flüchtig. In der Schweiz läuft vieles anders, muss sie feststellen. «Es herrscht ein anderer Rhythmus», hinter allem stecke ein System. «In Kuwait und Beirut sind die Geschäfte stets geöffnet, es ist immer etwas los und keiner verlangt was von dir. In der Schweiz schliessen die Läden pünktlich, alles hat seine Ordnung. Es war eigenartig, meinen Lebensrhythmus zu ändern.» 

 

Wie eine Schweizer Uhr

Im zweiten Jahr läuft es schon besser. Aus Bekanntschaften werden Freunde und Laila findet eine eigene Wohnung. Sie arbeitet hart und passt sich dem Alltag ihrer neuen Heimat an. «Mein Leben war wie eine Schweizer Uhr.» Nach sechs Jahren hält sie endlich ihr Diplom in der Hand; sie schliesst als eine der fünf Besten ihres Jahrgangs ab. Die Masterarbeiten der Abschlussklasse werden ausgestellt. Was danach passiert, kann Laila kaum fassen. Ein Architekturbüro aus dem Jura sieht ihre Abschlussarbeit und will sie einstellen. «Ich dachte, es sei bloss ein Mythos, einfach so entdeckt zu werden!» Lailas Zukunft sieht vielversprechend aus.

Doch das Vorstellungsgespräch wird wieder und wieder verschoben. «Ich glaubte allmählich, sie hätten Zweifel, weil ich keine Schweizerin bin.» Das Gespräch findet nie statt. Laila spornt das an, sich nach anderen Stellen umzuschauen. Sie versendet um die 70 Bewerbungen – mit Erfolg. Kurz vor ihrem Geburtstag tritt Laila ihren Traumjob an. «Es war wirklich toll. Ich mochte das Büro und die Leute waren super nett.» Doch nur drei Monate später kommt der Schock.Von ihren Vorgesetzten wird sie gebeten, die Kündigung einzureichen. Denn die Schweiz hat ihren Antrag auf eine Arbeitsbewilligung abgelehnt. Der Vater einer Freundin ist Anwalt und spezialisiert auf Fälle wie Lailas. Er legt Rekurs ein; das Architekturbüro unterstützt ihn dabei. Laila lebt zwei Monate von ihren Ersparnissen. Dann überbringt ihr der Anwalt die schlechte Nachricht: «Es hat nicht geklappt. Es tut mir sehr Leid.» Sie hat eine Woche, um ihre Sachen zu packen und das Land zu verlassen. 

 

Offene Fragen

Als sich Laila verabschiedet, muss sie weinen. «Der Abschied war schwer.» Sie spricht leiser und wirkt nachdenklich. «Aber ich war an einen Punkt gelangt, an dem ich das Gefühl hatte, wirklich alles in meiner Macht Stehende getan zu haben. Ich hatte keine Energie mehr. Ich habe alles gegeben.» Sie hat sechs Jahre ihres Lebens in diesem Land gelernt, gearbeitet und ausgezeichnete Leistungen erbracht. Wo liegt also das Problem? 

Laila meint: «Ich müsste eine Art Supermensch sein», dabei bleibt sie ernst. «Man muss aussergewöhnliche Fähigkeiten mitbringen. Das ist der Begriff, den sie benutzen.» Niemand in Europa dürfe den Job besser machen als du. Ratlos sucht sie nach Antworten. «In manchen Fäl-len ist es möglich, zu beweisen, dass du überdurchschnittlich bist, in anderen nicht. Wonach wollen sie dich bewerten? Danach, wie viel Umsatz du in einer kapitalistischen Gesellschaft machst? Oder wie viele Ideen du pro Tag hast? Was ist es?»

Mit diesen Fragen befasst sich Laila heute nicht mehr. Vor einiger Zeit verschickte die ETH Lausanne eine Umfrage «Wie ist das Leben nach der Hochschule?» – «Ich glaube, sie haben eine glückliche Antwort erwartet.» Den Schmerz und die Wut hat sie hinter sich gelassen. Sie hat entschieden, dass Bürojobs nichts für sie sind, und arbeitet frei. «Viele Menschen wählen eine Arbeit, die sie nicht erfüllt, um sich die Vorzeigewohnung und das schicke Auto leisten zu können.» Das Feuerzeug klickt. «Das bin ich nicht.» Vielleicht ist es dieser Mut zum Ungewissen, der in der Schweiz keinen Platz fand.

* Name geändert

 

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