Layla hat in Damaskus schon studiert. Doch in der Schweiz ist das nichts wert. (Bild: Oliver Camenzind)

Bereit für das, was kommt

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Layla ist aus Syrien in die Schweiz geflüchtet. Obwohl sie in ihrer Heimat die Uni besuchte, ist es für sie schwer, in der Schweiz einen Studienplatz zu bekommen.

Layla Alsaloum wirkt heiter, im Gespräch lacht sie oft und gerne. Nichts erinnert an den Weg, den sie schon hinter sich hat. Immer wieder betont sie, wie sehr sie sich freut, dass sie ihre Geschichte im Namen derer erzählen kann, die dasselbe erlebt haben. Wir drehen die Uhr um sieben Jahre zurück, nach Damaskus, Syrien.

Damaskus im Wandel

In Syrien ist die Studienwahl von den Maturanoten abhängig. Mit sehr guten Noten kann man Medizin, Pharmakologie oder Ingenieurwissenschaften studieren. Je schlechter die Noten, desto weniger Auswahl hat man. Layla hat sich ihren Noten und Interessen entsprechend für Archäologie entschieden.

Als Layla 2011 ihr Archäologiestudium begann, war zwar der Arabische Frühling in den umliegenden Ländern schon im Gange, die Lage in Damaskus war aber noch einigermassen ruhig. «Wir dachten, dass die Syrer genug informiert sind und ihr Land nicht kaputtmachen würden», sagt Layla. Doch im kommenden Jahr veränderte sich vieles. Obwohl der Krieg bald Damaskus erreichte, blieb die Universität offen, die Menschen wollten ihr normales Leben fortsetzen. Dies auch, als die nahegelegene Technische Universität bombardiert wurde und über 200 Personen ihr Leben verloren. Ein Studienkollege Laylas wurde von einer Bombe getroffen, als er im Auto unterwegs war. Nach und nach kamen weniger Studierende, zu hoch war das Risiko geworden, unterwegs in eine Bombardierung zu geraten. Die Professoren zeigten Verständnis und bestellten die Studierenden nur noch für Prüfungen an die Universität. Es war eine unheimliche Zeit, die Menschen musterten einander mit der Frage im Kopf, wer jetzt für oder gegen das Regime war. Immer mehr Raketen trafen die Stadt. Layla hatte Glück: Ihre Tante war schon vor 30 Jahren in die Schweiz ausgewandert und konnte durch Familiennachzug Layla, ihre Eltern und Geschwister aus der Kriegshölle holen und vor einer gefährlichen Flucht bewahren.

Im November 2014 erreichte Layla die Schweiz, da war sie 22-jährig. «Das Leben hier ist ruhig, die Natur ist sehr schön und das gute Wetter gefällt mir auch.» Eine erstaunliche Aussage, wenn man bedenkt, wie oft Schweizerinnen und Schweizer sich übers Wetter beklagen.

Der lange Weg zurück ins Studium

Der Einstieg ins neue Leben war trotz Laylas unerschütterlichem Optimismus etwas holprig. Anfangs verbrachte Layla als Asylbewerberin die meiste Zeit zuhause, Deutschkurse waren ihre einzige Abwechslung. «Ich war manchmal etwas enttäuscht von meiner Situation, da ich mich unwohl fühlte, so lange zuhause zu sitzen.» Gleichaltrige waren in ihrem kleinen Dorf schwierig zu finden, deshalb engagierte sie sich beim Roten Kreuz. Dort konnte sie soziale Kontakte zu Einheimischen pflegen und mit ihnen Aktivitäten durchführen. Für Layla ein grosser Schritt.

Sie kann die Leute an einer Hand abzählen, die sie aus Syrien kennt und die auch in die Schweiz geflüchtet sind, sie sind aber weit weg von hier. Jeder will sich an seinem Ort engagieren und sein Leben wieder aufbauen, da haben Freunde aus dem eigenen Land nicht Priorität.

Nach zwei Jahren konnte Layla an einem Integrationsprogramm teilnehmen. Dort konnte sie einige Schnupperlehren machen, als Optikerin, Dental- und Pharmaassistentin. Zwar kam sie sich etwas komisch vor, als 24-Jährige unter lauter 15-jährigen Teenies. Die Pharmaassistenz hat ihr aber gut gefallen. Lachend erinnert sie sich: «Der Chef meinte, um die Lehrstelle zu bekommen, müsse ich perfekt Deutsch können. Da dachte ich mir, wenn ich perfekt Deutsch könnte, könnte ich ja auch studieren.»

Damit änderte sie ihre Richtung und begann sich über Schweizer Universitäten zu informieren. Eine Pfarrerin aus ihrem Dorf kannte eine Professorin der Universität Zürich, die Layla empfahl, sich in Bern einzuschreiben, da dort das Archäologiestudium dem in Damaskus ähnlich sei. Layla kam in Kontakt mit einem Professor in Bern, der ihr mit der Einschreibung half. Gleichzeitig meldete sich Layla in Basel an, weil sie dort noch Unterstützung von ihrer letzten Arbeit hatte. Doch an den Schweizer Universitäten wird die syrische Matura nicht anerkannt, deshalb wäre die Zulassung erst nach Bestehen der Ergänzungsprüfungen zur Matura möglich gewesen. Diese umfassen die Fächer Deutsch und Englisch, Mathematik, Geschichte und Recht und eines der naturwissenschaftlichen Fächer.

Soziale Arbeit als Plan B

Ohne Vorbereitungskurs traut sich Layla das nicht zu, da ihre Matura doch einige Jahre zurückliegt und die Prüfungen nicht wirklich vergleichbar sind. Ausserdem hat sie einige Fächer wie Deutsch und europäische Geschichte nie gehabt. Einen Vorbereitungskurs kann sie sich aber nicht leisten, da ihre Familie ohnehin schon von der Sozialhilfe abhängig ist. Zunächst haderte Layla mit ihrer Situation. Sie weiss von drei Studentinnen aus Syrien, die in Basel ihre Doktorarbeit machen. «Sie konnten hier direkt weiterstudieren, weil sie ihr Studium in Syrien abgeschlossen hatten. Aber ich habe trotz drei Jahren Studium nichts, das ist schon hart für mich», meint Layla frustriert. Dann hellt sich ihr Gesicht wieder auf: «Jetzt habe ich einen Plan B.» Denn als Nächstes will sie sich an der ZHAW für ein Studium in Sozialer Arbeit einschreiben. «Ich habe mich jetzt lockerer gemacht und mich mit der Situation abgefunden. Mit Archäologie ist es sowieso schwierig, nach dem Studium Arbeit zu finden.» Soziale Arbeit hat sie von allen Studiengängen am meisten angesprochen, da sie gerne mit Menschen arbeitet. Gerade hat sie ihr siebenmonatiges Vorpraktikum abgeschlossen und büffelt jetzt für das Sprachniveau C2 in Deutsch, die letzte Hürde vor der Zulassung zum Studium. Anders als an den Universitäten wird an den Schweizer Fachhochschulen die syrische Matura anerkannt. Wie sie die Sprachprüfung finanzieren will, weiss Layla noch nicht. Ohnehin glaubt sie erst wirklich an die Zulassung, wenn sie die Bestätigung für ihren Studienplatz in der Hand hält.

Ein neues Leben

Ihre Zukunft sieht Layla eher in der Schweiz als in Syrien: «In den letzten vier Jahren habe ich mir Mühe gegeben, mich an die Kultur hier anzupassen und ein neues Leben zu beginnen.» Vieles hänge davon ab, ob es klappt mit dem Studium hier. Und ob sie ihren zukünftigen Freund oder Ehemann hier trifft. So oder so, Layla ist bereit für das, was kommt. Mit einem Lachen im Gesicht.

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