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    Judith Butler wusste bei ihrer Ansprache am Freitagabend die vielen Besuchenden in ihren Bann zu ziehen. (Bild: Noemi Ehrat)
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    Elisabeth Bronfen, Judith Butler, Mandy Merck und Barbara Vinken (von links nach rechts) diskutieren Feminismus von den 90-er Jahren bis heute. (Bild: Noemi Ehrat)

Braucht es Feminismus noch?

in Campus von

Am 21./22. Oktober diskutierten renommierte Denkerinnen rund um Judith Butler den Feminismus von heute. Anlass der Konferenz war das 25-jährige Jubiläum von Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfens Dissertation «Über ihre Leiche».

Selbst für solche, die sich fragen, ob es Feminismus im 21. Jahrhundert überhaupt noch braucht – gerade in der Schweiz geht es Frauen doch so gut – sollte die Antwort nach Inputs von Judith Butler, Mandy Merck, Barbara Vinken, Alessandra Violi, Isabel Gil und Gesine Krüger auf der Hand liegen: Ja, vielleicht sogar mehr denn je. Während jede der Intellektuellen eine andere Perspektive auf das Thema Feminismus zu vermitteln wusste, waren sich in einem alle einig – es ist Zeit, dass nicht nur Feminismus, sondern Geisteswissenschaften per se wieder relevant werden. Konkret ging es in den Vorträgen um Anthony Weiner, Beyoncé, Tosca, und, wenig überraschend, auch immer wieder um Donald Trump.

Akademikerin wider Willen

Den Auftakt zur Konferenz machte Freitagabend Judith Butler, Koryphäe auf dem Gebiet der Gender- und Queer-Studies. Der Name zeigte Wirkung, denn der Saal sowie die zusätzlichen Übertragungsräume waren überfüllt, einige Besuchende mussten sogar abgewiesen werden. Butlers beeindruckende Rede drehte sich um «Griefability», Flüchtlinge und «public thoughtfulness». Dabei mutet es beinahe ironisch an, wenn sich Butler als «Intellektuelle wider Willen» bezeichnet. Sie sei bloss politisch in diesen Bereichen aktiv gewesen, bis sich ihr Aktivismus dann in ihrer akademischen Arbeit bemerkbar gemacht habe. Wenn man sie gefragt habe, was Gender-Studies denn seien, habe sie selbst auch keine Antwort gewusst. Sie staune immer noch, dass es heute bezahlte Professuren in diesem Bereich gebe, zum Teil von Akademikerinnen und Akademikern belegt, die selbst keinen aktivistischen Bezug dazu haben. Auffallend an Butlers Auftreten ist dabei vor allem ihre Bescheidenheit. Vielleicht Akademikerin wider Willen, vor allem aber akademische Prominenz wider Willen. Es scheint, als ob Butler den Rummel um sich selbst nicht wirklich nachvollziehen könnte. Ihr geht es vor allem ums Denken, so betonte sie auch die Bedeutung des Lesens und der Geisteswissenschaften. Die Wichtigkeit des Anlasses wurde zudem von der Anwesenheit von UZH Rektor Michael Hengartner und Stadtpräsidentin Corinne Mauch, die selbst einem feministischen Buchclub angehört, unterstrichen.

Diverse Perspektiven

Nebst den akademischen Rednerinnen diskutierten zur Abwechslung Quotenmann Johannes Binotto vom Film Bulletin und Kathleen Bühler des Kunstmuseums Bern und Regisseurin Güzin Kar unter Leitung von Moderatorin Simone Meier die visuelle Darstellung (weiblicher) Körper. Die Podiumsdiskussion bot eine interessante Abwechslung zu den anspruchsvollen Vorträgen und eine eher hands-on Perspektive. Bronfen selbst kam auch zu Wort und wusste die Konferenz gekonnt abzuschliessen. Die feministischen visuellen Geisteswissenschaften sollten neu entdeckt und überdacht und die sogenannten «digital humanities» redefiniert werden. Passend dazu gehören «Serial Shakespeare» und «Women, Fatality, Beds» zu den neuesten Projekten der Professorin. Einen TV-Tipp für ein «feminist rethinking» hatte sie übrigens auch: Die HBO-Serie Westworld.

 

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