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Blumenhandlung, Great Gatsby, Leuchter: der Stilmix der UnvermeidBar.

Bukowski statt Prüderie

in Campus von

Ein Ort mitten in Badens Altstadt, an dem Authentizität und Inszenierung aufeinanderprallen: die UnvermeidBar des Teatro Palino.

Klar, Badens malerisch verwinkelte Gässchen und die von hohen Bäumen begleiteten Limmatwege sind wunderschön. Doch wenn man abends an den Shops und den Bars, vor denen immer die gleichen Leute zu campieren scheinen, vorbeischlendert, verblasst auch diese Schönheit. Schliesslich endet man doch wieder draussen vor dem obligat überfüllten Irish Pub, um dort seine Kehle zu benetzen. Doch da, rechts vom Stadtturm, schimmert das rötliche Licht des versteckten Juwels der Badener Bar-Landschaft. Die Pflanzeninvasion, die den gläsernen Eingang kleidet, erinnert im ersten Moment an eine Blumenhandlung.

Üppige Sammlungen

Es ist Donnerstag: für die UnvermeidBar Jazz-Abend. Drei Musiker zupfen den Kontrabass, klimpern am weissen Flügel und streicheln über das Schlagzeug. Der erste Eindruck von Szenerie und Musik: New Yorker Wall Street der 20er-Jahre.

Es ist eng, der Stuhl unbequem, doch all dies kümmert nicht. Viel zu faszinierend ist die Komposition aus sprödem, grobem Holz, Theatervorhängen, riesigen funkelnden Kronleuchtern und gefühlten tausend Blumenbouquets. Es ist von allem zu viel, doch es fühlt sich richtig an. Nichts wirkt arrangiert. Vielmehr scheint die Einrichtung wie eine durch Jahre entstandene Sammlung, eine Sammlung im Reich der Inhaberin, Transfrau Stella Palino. Es sei ihr wichtig, dass alles lebe, sie halte nichts von Schnickschnack.

Daher stammen die meisten Stücke aus ihrer Zeit in Paris oder wurden auf dem  Flohmarkt erstanden. Das Faible für Theater inspirierte den einstigen Clown Marc Brunner dazu, nun als Stella Palino ihre sexuelle Identität und Weltanschauung öffentlich zu vertreten. Mit ihrem Lebensprojekt, dem Teatro Palino, möchte sie ein Statement setzen und zum Nachdenken anregen: «Ich habe vorgehabt, Baden ein bisschen Leben und Wahrhaftigkeit einzuhauchen, einen Ort zu kreieren, der Originalität, Veränderung und Fragen zulässt.»

Umgesetzt wird dies neben Philosophietreffen im wöchentlich gespielten Theaterstück «Die Mücke spricht – oder wie geil es ist, einem Insekt zu lauschen». In Anlehnung an Kafkas «Verwandlung» erzählt es von einer Mücke, die in einen Menschen verwandelt wurde und nun die Entwicklung der letzten 70’000 Jahre der Menschheit durchleuchtet. «Themen wie die fiktive Wirklichkeit der Gesellschaft, Religion und Stereotypisierung sollen verdeutlichen, wie absolut das Leben ist», erklärt Palino.

Erotische Lesestunden

Am Samstagabend, zur späten Stunde, stehen zudem erotische Lesungen auf dem Programm: «Die Idee kam mir bei meiner eigenen erotischen Vorlesung in der Badewanne, mit meinem Bukowski-Buch in der Hand», erzählt sie mit einem Zwinkern. Prüderie und Halsstarrigkeit sollte man daher besser zuhause lassen – Offenheit und Interesse an Werten abseits des Mainstreams sind erwünscht.

Die UnvermeidBar wird ihrem Namen im ersten Moment nicht gerecht, denn man kann sie sehr wohl umgehen, selbst wenn man jahrelang in der Gegend wohnt. Warum, ist schwer zu beantworten. Vielleicht, weil es einfacher ist, beim Gewohnten zu bleiben, dort, wo alles immer zufriedenstellend ist. Vielleicht ist sie aber auch zu unkonventionell, zu eckig, oder die Badenerinnen und Badener einfach zu rund für neue Formen. Grund genug, kurzzeitig aus Zürich auszubrechen und einen Abstecher nach Baden, in den wilden Westen, zu wagen. Um zu sehen, ob das eigene Förmchen dazu passt. ◊

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