«Butter» statt «Anke»

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Wie hat sich Dialekt entwickelt? Eines der grössten Schweizerdeutsch-Projekte geht dieser Frage nach.

1939 brachen Dialektologen auf, um die Sprachlandschaft der Deutschschweiz zu dokumentieren und zu kartographieren. Mit ihrer akribischen Vorgehensweise klapperten sie jeden dritten Ort im Land ab und beendeten nach 19 Jahren ihre Datenerhebung. Das Ergebnis: Mehr als 600 Aufnahmen, 2500 Dialektkarten und über drei Millionen Transkriptionen – der Sprachatlas der deutschen Schweiz war entstanden.

Bis heute ist es die umfangreichste Dialekterhebung in der Schweiz. Jetzt will eine fünfköpfige Gruppe um Adrian Leemann, SNF-Professor am Center for the Study of Language and Society (CSLS) der Universität Bern, dort anknüpfen. Das Forschungsprojekt «Language Variation and Change in German-speaking Switzerland» läuft seit diesem September und wird vom Schweizerischen Nationalfonds SNF finanziert. Es ist das wohl grösste wissenschaftliche Projekt der schweizerdeutschen Sprache seit der Veröffentlichung des Sprachatlas.

Dialekte aus 100 Ortschaften

Im Zentrum stehen dabei die Fragen, wie sich schweizerdeutsche Dialekte in den letzten 70 Jahren verändert haben und wie sie sich heute voneinander unterscheiden, erklärt Leemann. Dafür werden Antworten von rund 1000 Personen aus mehr als 100 Ortschaften gesammelt und ausgewertet. «Wir erheben die Daten mittels direkter Befragung. Das heisst, dass unsere Forschenden ihr Aufnahmematerial vorbereiten und die Teilnehmer*innen vor Ort befragen.»

Leemanns Team interessiert sich vor allem dafür, welche sprachliche Ebene sich am meisten verändert hat. Gleichzeitig sollen bisher noch nicht untersuchte Innovationen betrachtet werden. «Dass Leute vermehrt ‹THun› oder ‹PHeter› statt ‹Thun› oder ‹Peter› sagen, liegt daran, dass solche Laute häufiger wie im Bundesdeutschen behaucht ausgesprochen werden», sagt Leemann.

Grosse Städte gewinnen Überhand

Die Resultate sollen Gewissheit zum oft angenommen Verlust der Dialektvielfalt in der Deutschschweiz bringen. «Wir vermuten, dass sich Dialekte aus ökonomisch starken Zentren wie Zürich, Bern oder Basel in ländliche Regionen ausbreiten.» Das hat laut Leemann einen einfachen Grund, der bei der Datenerhebung des Sprachatlas vor über 70 Jahren eine kleinere Rolle spielte: «Die zunehmende Mobilität vom Land in die Stadt führt zu einer Durchmischung der Dialekte.»

Sprechen also Zugezogene oder Pendler*innen bald nur noch den Dialekt ihres Studiums- oder Arbeitsplatzes? Das schliesst Leemann nicht aus: «Wenn man verstanden werden möchte, passt man sich im Dialekt an – wenn diese Anpassung längerfristig passiert, führt dies zu Sprachwandel.» So könnte das aargauische «Anke» in Zukunft vom zürcherischen «Butter» geschluckt oder das freiburgische «ggugg!» vom bernischen «lue!» übertönt werden.

«Bei Jungen ist die Sprache dynamischer»

Das Projekt will auch untersuchen, wer für diesen Sprachwandel verantwortlich ist. Eine mögliche Erklärung könnte im Sprachgebrauch von jungen Menschen liegen: Meistens treiben sie die Entwicklung der Sprache voran, sagt Leemann. «Typischerweise ist es so, dass sich die Sprache mit dem Alter immer mehr festigt – bei jungen Menschen ist die Sprache noch dynamischer und formbarer.» Wer sich unter den Studierenden in den hiesigen Hörsälen umhört, würde dem wohl nicht widersprechen. 

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