Lockeres Lauschen am See. Die Sommerausgabe der «Treppentexte».

Club der unbekannten Dichter

von

Ein paar junge Schreibende treffen sich regelmässig, um sich eigene Texte vorzulesen. Die Treppentexte sind ein Ort zum Ausprobieren und Netzwerken mit ungewisser Zukunft.

An diesem sommerlichen Freitagabend ist die Rentenwiese dicht bevölkert. In der Nähe des Seeufers ist Applaus zu vernehmen: Ein junger Mann hält ein Blatt Papier in den Händen und hat eben zu Ende gelesen. Vor ihm sitzen rund 20 Menschen und klatschen.
Musik aus einem Lautsprecher wird aufgedreht, Gespräche entstehen, und Bierdosen werden zischend geöffnet. Bis nach ein paar Minuten die nächste Person die Musik leiser dreht und mit Vorlesen beginnt.

Freies Vorlesen
Der Untergrund ist an die sonnige Oberfläche getreten: Man hat zur Sommeredition der Treppentexte am Zürichsee geladen. «Wir kommen zusammen, um Texte vorzutragen oder vorgelesen zu bekommen. Die meisten hier sind Studierende, der Rahmen recht persönlich», erklärt eine Besucherin.
Die lose Vereinigung verschiedener Organisationen, die die Treppentexte veranstaltet, nennt sich «untergrund.». Drei Magazine, ein Künstlerduo und eine Autorengruppe wollen sich in diesem Netzwerk «ausserhalb etablierter Institutionen kreativen Tätigkeiten widmen», wie sie auf ihrer Website schreiben.
Samuel Eberenz, einer der Organisatoren, erklärt das Konzept der regelmäs-
sig stattfindenden Leseabende: «Die Treppentexte sind ein Format für das Vorlesen von Literatur vor Publikum. Es befindet sich in ständigem Wandel.»

Ausprobieren und Netzwerken
«Nicht selten werden Texte hier auch zum allerersten Mal vor Publikum vorgetragen. Es ist ein Ort zum Ausprobieren», erzählt Samuel weiter. Man sitzt also am See und «probiert» sich an Literatur. Das mutet einigermassen elitär an. Und tatsächlich gibt Saša Vidic, Germanistikstudent und Autor, zu: «Nicht alle Texte sind leicht zugänglich, und nur Wenige hören gern Lesungen zu.»
Die Gäste hier gehören scheinbar zu diesen Wenigen. Zu jenen, die gerne zusammenkommen, zuhören, die Atmosphäre geniessen, eine gute Zeit haben. Und vielleicht ganz nebenbei zudem etwas netzwerken möchten. Und klatschen tut auch, wer den vorgetragenen Text nicht ganz verstanden hat.

Unverbindliches Beisammensein
untergrund. ist eine recht kleine und ziemlich improvisierte Gruppe. Die Magazine Denkbilder und delirium, die beide darin eingebunden sind, bekommen zwar Gelder von der Universität Zürich beziehungsweise vom Migros-Kulturprozent. Aber das Unverbindliche soll eben abseits der etablierten Kulturszene auch Programm sein. Ob deshalb die Organisation der Treppentexte-Lesungen auch so locker sein muss, ist gar nicht so klar: «Es gab Diskussionen darüber, wie untergründig wir sein wollen. Auch mit sehr abstrakten Debatten wie: Was wäre, wenn das Literaturhaus Zürich mitmachen wollen würde? Würden wir das wollen, oder wäre das zu Mainstream?», sagt Mit-
organisator Samuel.
Ein weiterer Umstand treibt die Gruppe um: Die Treppentexte haben im Moment kein festes Zuhause. Erst fand die Veranstaltung in Wiedikon statt, wo das Haus abgebrochen wurde, dann in Altstetten, wo das Publikum ausblieb, weil das Lokal zu abgelegen war. Und zuletzt las man sich in einem Keller im Niederdorf vor. Für den Sommer war die Rentenwiese eine gute Lösung. Doch für den Winter braucht untergrund. einen Ersatz. Sonst stehen die Treppentexte bald auf der Strasse. ◊

In Zusammenarbeit mit Tizian Schöni

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