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    Ist am 9. Oktober erschienen und überzeugt: der dritte Roman von Melinda Nadj Abonji.

«Das Geschriebene – ein Rinnsal Sinn»

in Campus von

Als der junge Zoltán Kertész seinen geliebten Garten verlassen und in die Jugoslawische Volksarmee einrücken muss, gerät seine Welt aus den Fugen. In ihrem neuen Roman schreibt Melinda Nadj Abonji mit feiner, aber ausdrucksstarker Stimme gegen den Lärm der Welt an.

Eigentlich haben Lajos und Zorka Kertész ihre ganze Hoffnung in ihren Sohn Zoli gesetzt; er sollte sie aus der Ärmlichkeit und Tristesse ihres kleinen serbischen Dorfes retten. Aber es kommt anders: Zoli, der Junge mit den tiefblauen Augen, wächst zu einem «Taugenichts» heran, zu einem Stotterer mit plötzlich auftretendem «Schläfenflattern». Im Glauben, dass der Krieg ihren Sohn zum Helden schmieden würde, schicken Zolis Eltern ihn 1991 in die Jugoslawische Volksarmee. Aber auch im Heer der Kahlköpfe, wo die Pluralität uniformiert wird und Fragen nichts zu suchen haben, bleibt Zoli ein Aussenseiter. Nur mit dem «fetten» Jenő freundet er sich an; Jenő hält Zoli fest, wenn die siebenhundertsechsundfünfzig Pfannkuchenkugeln in der Kasernenküche vor Zolis Augen plötzlich zu Geschossen werden, wenn ihm alles entgleitet – kurz, wenn das «Schläfenflattern» einsetzt. Als Jenő bei einem Trainingsmarsch allerdings wortwörtlich zu Tode gehetzt wird, weiss Zoli einmal mehr, dass das «der Anfang vom Ende» ist.

Fern von jedem Heldentum

Zoli gilt seinen Mitmenschen als Narr: Er ist der sorgfältige Sammler von «Nussschalen», «Käferpanzern» und «Schneckenschalen»; er ist der «König aller Kreuzworträtsel» – aber auch Zoli kann die Rätsel der Welt nicht lösen. Er kann die Welt nicht verstehen und er kann sie auch nicht retten – nicht einmal seine Eltern. Melinda Nadj Abonji macht aus ihrer Hauptfigur weder einen Kriegshelden, noch einen gloriosen Kriegsdienstverweigerer, aber sie führt den Leserinnen und Lesern vor Augen, wie Menschen an Gewalt gewöhnt werden können. Obwohl Zoli und Jenő gar nie nach Vukovar kommen und von den Schrecken der Front verschont werden, waschen sie sich eines Nachts das Blut eines unschuldigen Hundes von den Händen. Spätestens da wird deutlich, dass auch Zoli nicht gegen die Grobheit einer Welt gefeit ist, in der die durchschnittliche Marschgeschwindigkeit mehr zählt als ein Menschenleben.

Poesie ohne Pathos

Abonji trifft in ihrem dritten Roman einen ganz besonderen Ton und lässt abwechselnd Zoli und seine Cousine Anna zu Wort kommen. Anna, die in der Schweiz als Lehrerin tätig ist, macht sich im vorliegenden Roman auf nach Jugoslawien, um auf den Spuren ihres verstorbenen Cousins Zoli zu wandeln und um «die Prinzipien des Tötens» zu verstehen. Annas Passagen, die sich durch grosse Klarheit und pointierte Ausdruckskraft auszeichnen, stehen in einem Kontrast zu Zolis Erzählungen. Die aus seiner Perspektive verfassten Kapitel sind bereits insofern augenfällig, als dass sie jeden Punktes entbehren und damit einen besonderen Sprachduktus entwickeln. Der reissende Strom von Zolis Gedanken durchdringt gleichermassen die Sprache wie seine fortschreitende innere Zerrüttung. Poesie erwächst im bei Abonji aus einer scheinbaren Ungeschliffenheit des sprachlichen Ausdrucks und vermag dadurch jedem Kitsch und Pathos fernzubleiben; ohne Waffen, sondern mit Buchstaben und Wörtern, mit dem Schönen, kämpft die Autorin virtuos gegen die Gewalt. «Schildkrötensoldat» ist kein Buch, das seinen Leserinnen und Lesern eine heile Welt vorgaukelt oder verspricht, dass die Menschen gut wären oder sich zumindest bessern würden. Trotzdem vermag es in zweierlei Hinsicht Trost zu spenden: Auf behutsame Art weist es darauf hin, wie kleine Ausnahmen und «Fehler» in einem noch viel fehlerhafteren System, das Leben lebenswerter machen können. Daneben zeigt es ein «Schlupfloch» auf, das in der Anmut der Sprache selbst liegt – nicht umsonst lässt Abonji Anna zu Ende an Zolis Grab stehen und mit einem Blumenstiel Worte in den Boden einritzen, die als «Rinnsal Sinn» schliesslich «die Erde beleben».

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat. Suhrkamp 2017.

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