Das SOC-Gebäude am Zentrum wird gerade umgebaut (Bild: Jonathan Progin).

Das Haus für alles an der Uni

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Das Medizinhistorische Museum zieht aus – wohin genau, ist noch nicht bekannt. Die Uni baut dafür die freiwerdenden Räumlichkeiten im Institutsgebäude SOC um. Ein weiteres Kapitel in der vielseitigen Geschichte des Hauses an der Rämistrasse 69.

Ist euch die Tafel im Eingangsbereich des SOC schon einmal aufgefallen? Die eigentlich unübersehbare Protztafel, auf der die Nobelpreisträger, die einst in den Gemäuer des Gebäudes wandelten, aufgeführt sind? Die Angeberei gipfelt im ziemlich veralteten Dativ-e im Satz «In diesem Hause lehrten und forschten» auf der offensichtlich neuen Tafel. Und überhaupt: Auf wen sollen die Nobelpreisträger, die ausschliesslich aus der Physik, Chemie und Medizin stammen, eigentlich Eindruck machen, wo doch vor allem Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften das Institutsgebäude bevölkern? Doch das Interessante beginnt immer in Ungereimtheiten wie dieser. Und so ist es auch mit der Rämistrasse 69: Das bleiche, alte Haus hat schon einiges erlebt.

Sparmassnahmen

Erbaut wurde das Gebäude 1883, nachdem der Kanton etwas Geld für ein neues Physik- und Medizingebäude locker gemacht hatte. Damit ist es übrigens älter als das Hauptgebäude, das erst im 20. Jahrhundert fertiggestellt wurde. Die Labore der Physik waren zuvor zusammen mit denjenigen der Chemie in der benachbarten Kantonsschule untergebracht. Wegen des Gestanks, den diese verbreiteten, führte dies allerdings zu Unmut – die ungeliebten Labore mussten umziehen. Aus zeitlichen und finanziellen Gründen konnten für den Neubau damals noch keine Wettbewerbe veranstaltet und keine Stararchitekten aus Basel auserkoren werden. Deshalb beauftragten die Behörden den Kantonsbaumeister Otto Weber mit dem Bau. Auch die Zusammenlegung von Physik und Physiologie erwies sich als durchaus ökonomisch, da die Apparate und Labore geteilt werden konnten.

Zu einem kleineren Skandal während der Bauarbeiten führte die Forderung der Professoren nach elektrischem Licht. Dies hatte zur Folge, dass das Universitätsspital nicht zu kurz kommen und ebenfalls elektrisch beleuchtet werden wollte – man schloss den Kompromiss, den extravaganten Wunsch einfach nur für die drei Vorlesungssäle zu erfüllen. Die restlichen Zimmer mussten von kostengünstigeren Gaslampen erhellt werden. Anders als von der eingangs erwähnter Tafel suggeriert, handelt es sich beim SOC also eigentlich um ein ziemlich bescheidenes Gebäude.

Tohuwabohu und Platzmangel

Während an der Rämistrasse 69 heute eine Handvoll Seminarräume, Hörsäle, administrative Büros und das verschlossene Medizinhistorische Museum ein sehr ruhiges Leben fristen, muss es vor etwa hundert Jahren unglaublich voll und laut zugegangen sein: Im Dachgeschoss wohnte der Hausmeister eher unkomfortabel, das Obergeschoss beherbergte Büros, Sammlungsräume und Werkstätten für die Mediziner und Medizinerinnen, das Erdgeschoss dasselbe noch einmal für die Physikabteilung. Im Keller fanden sich Labore, Eis- und Heizungsräume sowie die Stallungen von armen Versuchstieren. Für die Bibliothek mussten die Professorenbüros genügen. Hunderte von Studierenden wuselten täglich in dem aus allen Nähten platzenden Gebäude herum. Erst ein Dachstockbrand schaffte Anlass zu grösseren Um- und Ausbauarbeiten – dies, nachdem mehrere Gesuche der Institutsleitung abgelehnt worden waren.

Bedrohte Existenz

Mit dem Gebäude veränderte sich auch die zugehörige Studierendenschaft: Die Physikerinnen und Physiker zogen 1958 um, die Medizin-Studis gingen 1983. Die Philosophische Fakultät hielt Einzug ins SOC, um das es fortan etwas ruhiger bestellt war. In den achtziger Jahren wäre das Haus dann fast der Stadtplanung zum Opfer gefallen: Es sollte zugunsten eines grossen Neubaus  – die zeitgenössischen Zeitungen bevorzugten Ausdrücke wie «gestrandeter Flugzeugträger» oder «Denkmal staatlich impirierter Stadtzerstörung» – abgerissen werden. Heimatschützende und Kunststudierende setzten sich allerdings lautstark zur Wehr und zogen den Zürcher Stadtrat auf ihre Seite. So entrann das Gebäude knapp dem Tod. Vielleicht kann man die Prahltafel ja als Ausläufer dieses Konflikts, als eine Art Existenzberechtigung des Hauses werten? Auf jeden Fall wurde die Anlage, anstatt abgerissen zu werden, ein weiteres Mal saniert und durch das Medizinhistorische Museum ergänzt.

Medizinhistorische Allüren

Eben dieses Museum sorgte vor einigen Jahren für den bisher grössten Skandal im SOC: Die Mörgeli-Affäre. Die Diskussion drehte sich um fragwürdig konservierte Knochen auf der einen und politische Diskriminierung auf der anderen Seite und endete in Entlassungen, unzähligen Gerichtsverfahren und vielen, vielen Zeitungsartikeln, wie interessierte Uninformierte sie zum Beispiel in früheren Ausgaben der ZS finden können. Was genau mit dem Museum geschieht und geschehen wird, ist zwar ein äusserst gut gehütetes Geheimnis, aber an der Rämistrasse wird das Problemkind nicht länger bleiben dürfen.

Nach dem Umzug des Museums wird es dann jedenfalls nur noch die Tafel als (immer noch sehr herrenlastige und angeberische) Erinnerung an die naturwissenschaftliche Vergangenheit des SOC geben. Weniger nobelpreisgekrönte, aber nicht weniger beeindruckende Alternativen für deren Beschriftung wären übrigens Personen wie zum Beispiel Mileva Marić, Verena Meyer oder Ake Senning, die einst ebenfalls an der Rämistrasse 69 studierten und arbeiteten.

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