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Das neue Erinnern: Bilder der 1968er

in Campus von

Der deutsche Künstler und Autor Michael Ruetz erlangte durch seine Fotografien der politischen Proteste der 1968er internationale Bekanntheit. Seine Bilder wurden von zahlreichen Zeitschriften wie «Time» oder «Life» publiziert und gingen so um die Welt.

Fünfzig Jahre später hat sich Ruetz dieser Bilder nochmals angenommen.  Das Ziel dieser Retrospektive bestand darin, einen neuen Blick auf sein Schaffen zu kreieren. Aus diesem Vorhaben heraus entstand der Bildband «Gegenwind: Facing the Sixties», in dem Ruetz seine Fotografie und die Hintergründe dazu neu verhandelt. Dies geschieht auf zwei Ebenen: bildlich, aber auch schriftlich. Im Vorwort erklärt der Kunst- und Fotoexperte Christoph Hölzl, dass Ruetz mit seiner Darstellungstechnik einen neuen Blick auf seine Fotos für die Lesenden schaffen wollte. Hierfür hat er mit sogenannten «Blow-ups» gearbeitet, sprich Bildvergrösserungen.

So sieht man beispielsweise die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, ausgestattet mit einem Protestplakat und einem Kinderwagen, und auf der Folgeseite den Zoom ins Detail, in diesem Falle das Plakat. Diese Technik zieht sich durch den kompletten Bildband hindurch. Ruetz’ zentrale Frage für sein Werk ist: «Habe ich eigentlich wirklich gesehen, was ich damals fotografierte?» Durch diese Vergrösserungen kommen plötzlich neue Details aus seinen Fotografien zum Vorschein, was den Betrachtenden das Verborgene und leicht zu Übersehende enthüllen soll. Dadurch entsteht wiederum eine neue Ebene der Wirkung und Interpretation, ohne jedoch die Deutung vorwegzunehmen. Ganz im Gegenteil: Es ist den Betrachtenden selbst überlassen, sich über die Fotos und ihre Komposition Gedanken zu machen, da die Bilder zunächst alle unkommentiert sind. Erst am Ende des Werkes erlaubt es sich der Autor, den Lesenden seine Gedanken zu den Aufnahmen zu offenbaren. Hierfür führt er, ähnlich einem Katalog, alle Bilder nochmals in Kleinansicht mit angefügtem Kommentar auf.

Nach der bildlichen Abhandlung seiner fotografischen Werke folgt auf den letzten Seiten nun also auch eine schriftliche Auseinandersetzung. Ruetz’ Ton ist dabei meist nüchtern und nachdenklich, lässt aber durch die Kontextualisierung einige Male ein Licht aufgehen für die Lesenden. Es fällt auf, dass Michael Ruetz’ Fotos einerseits die Stimmung einer Dekade der Unruhen einfangen wollten, dass andererseits aber gleichzeitig eine äusserst individuelle Auseinandersetzung des Fotografen mit seinen Begegnungen stattgefunden hat. Die Bildkommentare eröffnen eine weitere Facette der Wahrnehmung und erlauben den Betrachtenden einen Einblick in Ruetz’ Denken.

«Gegenwind: Facing the Sixties» ist kein klassischer Bildband, der durch ästhetische Brillanz besticht. Die Schwarz-Weiss-Fotos wirken durch die Vergrösserungen meist ziemlich körnig. Das ist aber nicht schlimm, da es nicht der Anspruch des Buches zu sein scheint, oberflächliche Bedürfnisse zu befriedigen. Michael Ruetz, ein Zeitzeuge, hat mit seinen Bildern Menschen und ihre Geschichten verewigt und es dabei geschafft, das Gefühl einer ganzen Bewegung einzufangen. Einerseits mit den Fotos der Studierendenproteste, andererseits aber auch mit eindrücklichen Aufnahmen aus Auschwitz oder der ehemaligen DDR. Es ist ein Einblick in die persönliche Auseinandersetzung des Fotografen mit dem Erlebten. Gleichzeitig erinnert das Buch an eine Zeit des Umbruchs und der Proteste, die heute so fern scheint. Michael Ruetz’ Bildband ist eine Ode an das Erinnern und Hinterfragen. Die Publikation schafft den Spagat zwischen Interpretationsraum und Erkenntnis. [aga]

«Gegenwind – Facing the Sixties» von
Michael Ruetz, Nimbus 2017.

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