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    Die Theaterkompanie Echolot thematisiert Probleme junger Eltern (Bild: Anja Sepp Wüst)
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    Angespannt war in erster Linie das Publikum: Darsteller aus "Mütter" (Bild: Anja Sepp Wüst)
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    Düsteres Szenenbild (Bild: Anja Sepp Wüst)
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    Emotionen im Dynamo (Bild: Anja Sepp Wüst)
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    Langsame Passagen wechseln mit schnellen Szenen (Bild: Anja Sepp Wüst)
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    Das Ensemble von "Echolot"

Das Schwerste und Schönste zugleich

in Campus von

Im Jugendkulturhaus «Dynamo» an der Limmat wurde am ersten Samstag im Juli das Theaterstück «Mütter» aufgeführt. Zu sehen waren selbstbestimmte, zweifelnde oder ängstliche Mütter, die allesamt ihrem Sein und ihren Taten gerecht werden wollten.

Eine junge Frau betritt die Bühne und schaut stur auf den Boden. Sie bewegt sich suchend in einem kleinen Radius bis sie ihre nackten Füsse in die dreckige Erde steckt. Die Zehen gräbt sie ein. Zwei andere tuen es ihr nach und markieren so zusammen den stillen, stoischen Anfang des Erstlingswerks von «Cie. Echolot», einer jungen Theaterkompanie aus Zürich.

Trotz der Ruhe schwebt eine gewisse Nervosität im Saal, deren Ursprung sich nicht leicht ausmachen lässt: Die Laiendarsteller wirken keineswegs unsicher, vielmehr ist es das Publikum, welches noch suchend ist. Denn das minimalistische Bühnenbild bietet keine Anhaltspunkte, es setzt sich lediglich aus einen am rechten Rand stehenden Holzstuhl und am Boden aufgeschütteter, brauner Erde zusammen. Im Hintergrund ruhen schwarze Vorhänge, die nur von den weissen Oberteilen der einen Hälfte der insgesamt sechs Schauspielerinnen und Schauspieler gebrochen werden. Die anderen drei tragen schwarz und verstärken damit die düstere Atmosphäre, die aber trotzdem nicht bedrohlich wirkt. Vielmehr lässt sie dem Geschehen auf der Bühne mehr Raum und zwingt die Betrachtenden so, sich aktiv zu orientieren.

Bedrückende Szenenübergänge

«Für mein Kind werde ich schön sein», hallt es plötzlich auf die Stuhlreihen herab und um die nervöse Ummantelung des Saals ist es geschehen. Langsam aber sicher bauen die Darstellerinnen und Daresteller eine imaginäre Konstruktion auf, führen neue Rollen vor und wechseln gekonnt zwischen Kind und Erwachsenem.

Die mit verblüffender Leichtigkeit gespielten Szenenübergänge überzeugen, sind sie doch perfekt ins Stück hineingenäht. So plagen eine junge werdende Mutter (Martina Lüscher) Selbstzweifel, weil sie ihre Gefühle für das Kind nicht spürt, während ihr Partner (Simon Lüscher) versucht sie zu trösten. Er scheint sie bald umzustimmen, bis die Stimmung jedoch abrupt kippt: die junge Frau rennt auf einen im Hintergrund stehenden Mann (Samuel Prenner) zu und klammert sich um seinen Oberkörper. Ihr Partner, nun am Bühnenrand sitzend und dem Publikum zugewandt, erzählt von den letzten Worten seiner todkranken Mutter im Krankenhaus.

Von der Küche in den Kreissaal

Das Theater der Kompanie Echolot spielt oft mit solchen Wechseln und überlässt den Mitwirkenden keine bestimmte Rolle. Stattdessen unterhalten sie sich über ihre im Dreck spielenden Kinder, parodieren Fragen aus Elternforen im Internet oder waschen „Macarena“-tanzend das Geschirr, wofür sie prompt mit Szenenapplaus belohnt werden. Dass sie aber nicht nur das gewitzte Spiel beherrschen, beweisen sie in der wohl intensivsten Phase des ganzen Stückes. In einem Kreissaal, dargestellt von den Laien selbst, schreien die Ärzte (Stefan Kaeser und Leonie Schreck) zusammen mit weiteren Assistierende auf die gebärende Mutter (Giulia Haller) ein: «Pressen! Sie müssen jetzt pressen!». Das ominöse Pressen und Atmen wird von allen im Raum gefordert und es entsteht ein wildes Stimmenchaos, das den Zuschauer erschaudern lässt. Erst wenn sich das Publikum in dieser verwirrenden Stimmung zurechtgefunden hat, wird ihnen das Ausmass der Szene bewusst: Auch intimste Lebensereignisse lassen sich auf derselben Bühne inszenieren, die erst kurz zuvor komödiantisch moderne Vaterrollen hinterfragte.

Ein Balanceakt zwischen Ruhe und Hektik

Natürlich bedient «Mütter» auch Klischees und droht deswegen in einigen Momenten kurz in die Oberflächlichkeit zu driften. Viele Szenen widerspiegeln alltägliche Situationen, die jeder von uns schon erlebt hat und mit denen man sich leicht identifizieren kann. Aber an wenigen Stellen entsteht eine gewisse Stagnation, als wäre das Gespielte schon ausgereizt. Das Stück fängt sich jedoch immer rechtzeitig und überrascht durch erfrischende Dialoge und mit aufregenden Bildern. Die debütierende Regieleiterin Ariane Rippstein versteht es auf jeden Fall ungemein, ein harmonisches Gleichgewicht zwischen langsamen, stillen Passagen und schnellen, lauten Szenen zu schaffen. Abschliessend loben die Darbietenden die Mütter dieser Welt mit Komplimenten und beenden damit eine gelungene Abhandlung, die erkundete, aufdeckte, anprangerte und überzeugte.

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