Rapper Knackeboul hält die Laudatio am Big Brother Award (Bild: Matthias Luggen).

Datenschutz: Fehlanzeige

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Der Big Brother Award rügt Behörden und Firmen. Und die Uni übt sich in Selbstkritik.

«Eigentlich tragen die Big Brother Awards ja den falschen Namen», sagt der deutsche Netzaktivist und Künstler padeluun in seiner Rede vor dem Plenum. Er lebt den Datenschutz wie kaum eine zweite Person und verzichtet konsequent auf die Verwendung seines Namens. Denn der inzwischen sprichwörtlich gewordene Big Brother, so erklärt er, überwacht in der berühmten Dystopie «1984» von George Orwell nur die Elite. Die heutige Realität sieht jedoch anders aus: Die Daten der «kleinen Leute», also die Abermillionen von Online-Einkäufen und Daumenhochs oder die Metadaten wie Uhrzeit oder Verweildauer, sind für Firmen Datenschätze. Diese sind lukrativer als Bodenschätze – und erst noch einfacher zu fördern.

Wiederaufnahme des Negativpreises

Zum ersten Mal seit zehn Jahren finden in der Schweiz wieder die Big Brother Awards statt. Die Universität Zürich stellt dazu Räumlichkeiten zur Verfügung und setzt mit dem offiziellen Auftritt von Vizerektorin Gabriele Siegert ein starkes Zeichen: Die Uni will sich in Bezug auf den Datenschutz als sensibilisierte Institution präsentieren. Diesen Eindruck vermag Siegert mit ihrer leicht selbstkritischen Ansprache auch zu vermitteln, wobei allerdings viele Aussagen allgemein und vage bleiben. So betont sie – zu Recht – dass die Wissenschaft auf Daten angewiesen ist, um empirische Studien zu produzieren, und spricht somit das Dilemma zwischen Forschungsfreiheit und Datenschutz an.

Zwei Behörden auf dem Podest

Die Gewinner des digitalen Schmähpreises werden dem Publikum von Rapper Knackeboul vorgestellt. Während der Laudatien unterhält er sich in erfrischender Unkenntnis der Materie mit den anwesenden Expert*innen, stellvertretend für die Laien im Hörsaal. Die erste Trophäe in Form einer gesichts- und rückgratlosen Menschenskulptur geht an das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Zürich für seine Überwachung von Verdächtigen, ohne der Öffentlichkeit oder den Betroffenen gegenüber Rechenschaft abzulegen. Auch das elektronische Patient*innendossier des Bundesamtes für Gesundheit, das sämtliche Daten einer Person enthält, wird ausgezeichnet. Gründe dafür sind die fehlende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die niedrigen Sicherheitsstandards bei den Servern und die zentrale Lagerung der Daten. Schliesslich wird die Postfinance mit einer Auszeichnung für ihr Stimmenerkennungsprogramm bedacht. Die Stimme sei ein hochsensibles Medium, anhand derer Computer inzwischen Rückschlüsse auf psychische Gesundheit ziehen können.

Kaum Studis im Publikum

Das VSUZH-Ratsmitglied Timothy Schürmann gehört seitens der kriPo zu den Mitorganisierenden des Abends – weil er das Thema als wichtig empfindet, wie er sagt. Datenschutz solle immer im Auge behalten werden und auch im VSUZH-Rat stärker in den Fokus rücken, konkrete Ideen oder Pläne dafür habe er noch nicht. Beteiligt sind an der Veranstaltung ausserdem der Chaos Computer Club, die pEp foundation, die Digitale Gesellschaft Schweiz und die WOZ. Kaum im Publikum vertreten sind Studierende der Uni, allgemein stammen die meisten Besuchenden aus der Informatik- oder Aktivist*innenszene. Dabei, da sind sich alle Beteiligten heute Abend einig, geht Datenschutz alle etwas an – auch diejenigen, die meinen, sich nicht verstecken zu müssen. Denn wie es Chaos-Computer-Club-Mitglied Paddy formuliert: «Es geht niemanden etwas an, dass ich nichts zu verbergen habe.»

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