Giorgio Scherrer, Co-Redaktionsleiter (ganz rechts), mit einem Teil des «etü»-Teams (Bild: Noemi Ehrat).

Den Elfenbeinturm ins Wanken bringen

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Die Zeitschrift für Historiker*innen «etü» feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Die Redaktion will wieder vermehrt auf kritische Artikel setzen.

Zürich im Sommer 1968. Während die Globus-Krawalle die Stadt Zürich erschütterten, formierte sich auch an der Uni Zürich Widerstand. In verschiedenen Seminaren und Instituten wurden studentische Mitbestimmung und neue Forschungsansätze gefordert. Am Historischen Seminar (HS) scharte sich eine Gruppe um den Geschichtsstudenten Hannes Siegrist und gründete eine Redaktionskommission für eine kritische Zeitschrift. Ende 1969 erschien die erste Ausgabe des «Zürcher Historikers», der Vorläufer des «etü», der seit 1986 seinen heutigen Namen trägt.

Ein Fünfliber für Geschichte

Seither hat sich vieles getan: Die Zeitschrift berichtete in den 70er-Jahren über marxistische Geschichtsschreibung und über die Arbeiterbewegung, in den 80er-Jahren kamen Feminismus und sogar eine eigene «Lateinamerikaabteilung» hinzu, und in den 90ern hielt die Debatte um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg Einzug.

Heute ist der «etü» am Historischen Seminar längst etabliert. Er erscheint zweimal jährlich und wird während sechs Tagen an der Uni für einen Fünfliber verkauft. Jede Ausgabe deckt ein möglichst breites Thema mit Interviews, längeren Artikeln und aktuellen Forschungsbeiträgen ab, sagt Giorgio Scherrer, Co-Redaktionsleiter des «etü» und Zeitgeschichts-Student. «Wir haben auch eine wichtige Rolle darin, über gewisse Sachen, die am HS laufen, zu informieren.» Dies seien zum Beispiel die Bologna-Reformen, die geplante «Bibliothek der Zukunft» oder neue Professuren.

«Wir wollen wieder kritischer werden»

Anfang Jahr hat die Redaktion den 50. Geburtstag der Zeitschrift mit einer grossen Jubiläumsausgabe gefeiert und gleich selbst einen Blick ins eigene Archiv geworfen. Auffallend dabei: Früher war der «etü» klar politischer als heute. Giorgio erklärt: «Wir sind schon weniger radikal als früher. Aber es sind weniger wir als die Studis und die Zeit, die sich verändert haben.» Heute verstehen sie sich als Plattform ohne klare politische Linie. «Aber wir wollen wieder kritischer werden, speziell in Bezug auf das HS.»

Ob kritisch oder nicht, der «etü» konnte in den letzten Jahren die Auflage «markant steigern», sagt Giorgio. «Bis 2016 war die Auflage ungefähr bei 600, heute liegt sie bei 1200.» Dies liege einerseits daran, dass die Redaktion mehr Hefte an der Uni verkaufen könne, der Hauptgrund sei aber ein anderer: «Vor ein paar Jahren sind wir mit dem Ehemaligenverein HS Alumni eine Zusammenarbeit eingegangen. Seither erstellen wir eine Doppelseite mit aktuellen Infos über den Verein, dafür kaufen sie jeweils für alle ihre Mitglieder ein Heft.»

Jubiläumsparty im Provitreff

Diesen Sommer hat die «etü»-Redaktion anlässlich des Jubiläums eine Paneldiskussion an den Schweizer Geschichtstagen in Zürich veranstaltet. Thema: Journalismus und Geld. «Wir wollten bei der Organisation mithelfen und diese Gelegenheit auch nutzen, um auf uns aufmerksam zu machen», so Giorgio. Doch zum 50. Geburtstag wird nicht nur geschrieben und diskutiert, sondern auch angestossen und getanzt. Am 15. November steigt im Provitreff am Sihlquai die Jubiläumsparty. «Das Fest ist nicht irgendeine popelige Historiker*innen-Party, sondern offen für alle.»

Und übrigens: Der seit den späten 80ern verwendete Name «etü» ist ein Akronym für «Elfenbeintürmer». Wie es dazu kam, ist einfach: Die Macher*innen des «etü» wollten die akademische Welt, den Elfenbeinturm, mit ihren kritischen Artikeln zum Einsturz bringen. Vielleicht gelingt es heute wieder. ◊

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