Für durstige Wünsche muss man um sich greifen. (Bild: Daria Frick)

Der Bär steppt hinter der Bar

in Campus von

Jedes Wochenende das tun, wofür andere viel Geld zahlen: Musik hören und an der Bar stehen. Die schönen Seiten eines anstrengenden Nebenjobs.

Noch sehe ich aus wie eine reguläre Konzertbesucherin: zigarettenrauchend den Beginn des Konzerts abwartend. Das obligatorische schwarze Oberteil ist ja wirklich nicht auffallend. Das Publikum wirkt entspannt und nippt genussvoll an den Getränken. Es ist idyllisch unter den farbigen Regenschirmen, mit dem flackernden Feuer im Hintergrund, in der feuchteisigen Abendluft. Die doch oft überschwängliche Freitagabendlaune ist im Bogen F, am Ende der Viaduktbögen und direkt neben dem Gleisfeld, nicht zu spüren.

Durstige Wünsche

Die Zigarette im Aschenbecher ausgedrückt, ist die Zeit nicht mehr aufzuhalten. Nachdem ich den Pullover und meine sonstigen Besitztümer in der Abstellkammer hinter der Bar verstaut habe, fängt der eigentliche Teil meines Abends an. Nur wenige verstohlene Blicke werden mir von denjenigen zugeworfen, die mich wiedererkennen.

Der Raum füllt sich langsam. Der Hype um Island hat eben doch etwas. Das Konzert von Sin Fang, Sóley und Örvar Smárason ist ausverkauft. Wir Barangestellten erfüllen den Zuschauerinnen und Zuschauern über-, unter- und hintereinander greifend ihre durstigen Wünsche. Plötzlich prasseln elektronische Klänge durch die steinigkühle Atmosphäre des Lokals. Als würde dir R2D2 aus Star Wars ins Ohr flüstern. Sänger Örvar weckt das ruhige Publikum, damit die Solomusikerin Sóley später den Saal mit ihrer hellen Stimme in eine verführerische Klarheit hüllen und Sin Fang schliesslich den ersten Teil des Konzertabends mit einer fröhlichen Mischung aus Indie-Folk und elektronischem Pop abrunden kann.

In der Pause schenken wir allerlei Formen flüssigen Goldes aus. Nebst hellem Paulbier für fast jeden Geschmack gibt es weitere besondere Hopfenmischungen. Zu meinem Glück sind die Spezialbiere nie die Gleichen, denn ich kenne mich zu wenig aus, wie wohl auch die meisten Anwesenden. Deswegen ist es nur halb so schlimm, wenn ich sie nur nach Farbe der Flasche weiterempfehle. Ich wirke immer noch kompetent.

Das Aus naht

Nun stehen Sin Fang, Sóley und Örvar Smárason zusammen auf der Bühne. Die Stücke ihres Albums «Team Dreams» sind wohl langgezogen, aber nie langweilig. Jeder Ton ist voll ausgeführt. Das Publikum steht zwar eher still, vereinzelt gibt es aber solche, die sich auch im schwierigen Takt exotisch bewegen. Wir müssen sogar darauf achten, die Bierdeckel nicht zu energisch in die Abfalleimer zu schleudern, weil dies lauter als die Musik wäre. Das würde uns dann verständnisvolle, aber leicht verärgerte Blicke verschaffen.

Die Stimmung ist friedlich, niemand würde Boshaftigkeit zum Ausdruck bringen. So kann man auch als Barangestellte die Musik geniessen: Während des Konzerts dienen die hinter der Theke gestapelten Harasse als Rückenlehne, um die Band gedankenversunken mitzuverfolgen. Das geht aber nur so lange gut, bis sich wieder jemand an der Bar für ein weiteres Getränk meldet oder etwas wissen will. Ein Gast lehnt sich nach sieben grossen Bieren an die Theke und fragt mich, ob bei mir alles gut sei. Seine gerötete Haut weist darauf hin, dass er wohl nicht nur an Freitagabenden vier Liter Bier oder gar mehr konsumiert.

Erstaunlich familiär für ein Konzert, nicht? Und als ich dann nach getaner Arbeit wieder in die Aussenwelt hervortrete, ist auch mein eigenes Glas halbvoll. ◊

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