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Bilder: Eike von Lindern

Der Elch unter dem Irchel

in Campus von

Tausende durchqueren täglich den Milchbuck. Kaum jemand weiss, dass dort auch Zeitungen aus dem Kalten Krieg, ausgestopfte Vögel und alte Feuerwehrautos lagern.

«Wenn Sie diese Kabel kappen, ist die ganze Ostschweiz lahmgelegt.» Christian Krismer zeigt auf die unscheinbaren Internet-Glasfaserkabel, die in einem niedrigen Schacht im Milchbucktunnel verlegt sind – dreissig Meter unter dem Irchelpark. Autos rauschen eine Betonwand weiter stadtein- und auswärts zwischen Schwamendingen und Letten. Riesige Wasserrohre erschweren den aufrechten Gang. Hinter jedem Raum wartet immer noch ein weiterer: Roher Beton und Neonröhren entscheiden sich schliesslich surrend, ihr fahles Licht zu spenden. Um dem Tunnel nicht zu viel Gewicht zuzumuten, mussten beim Bau zwischen Irchelpark und Fahrbahnen riesige Hohlräume geschaffen werden. Räume, in denen sich eine bunte Welt von Mieterinnen und Mietern versammelt hat, die sich bei konstanter Luftfeuchtigkeit, gleichmässigen Temperaturen von 18 Grad und staubfreier Luft am wohlsten fühlt. Zum Beispiel die Zentralbibliothek, die Tageszeitungen aus aller Welt und allen Zeiten hier lagert. Etwa die russische «Prawda», in der sich ein ganzes Jahrhundert kommunistischer Geschichte spiegelt. Aber auch Doktorarbeiten, Vorlesungsunterlagen oder das Bildarchiv des «Tagesanzeigers» lagern hier auf rund 400 Metern Länge.

Spannender Hohlraum

Dies sind die Hinterzimmer von Krismers Reich, das sich vom Nord- über den West-ring, in das Säuliamt und das Limmattal hinab erstreckt. Der schwere Schlüsselbund des Betriebsleiters des Autobahnwerkhofs Urdorf klimpert unentwegt, als er durch das Labyrinth aus Hohlräumen zwischen, über und unter den Fahrbahnen des Autotunnels schreitet. Fahrbahnen im Plural, wohlgemerkt, denn, was die Wenigsten wissen: Neben der befahrenen Milchbuckröhre fristet eine zweite, unbenutzte ihr Dasein als roher Betonausbau. Sie ist das Produkt der grossformatigen Planung des Autobahn-Ypsilons, das die Sihlhochstrasse und die A1 vom Sihlquai her über riesige Brücken beim Letten verbunden hätte. Als die Stadtbevölkerung merkte, was für eine gigantische Blechlawine mitten durch ihre Stadt geschleust werden sollte, regte sich Protest. Hochbrücken über HB, Sihl und Limmat wurden nie gebaut. Nur der Milchbucktunnel wurde 1985 mit halber Kapazität eröffnet.

In den Zwischenräumen herrscht immer Überdruck. Denn wenn es im Tunnel brennt, soll sich das Feuer nicht in den Schächten ausbreiten. Sollte tatsächlich Feuer ausbrechen, kommen die riesigen Lüftungsanlagen zum Einsatz. Mit gwaltiger Kraft Watt würde der Rauch abgesogen, auch wenn man mit der gleichzeitig angezogenen Frischluft das Feuer anfacht, denn: Bei Tunnelbränden sterben die Menschen meist am Rauch und nicht aufgrund des Feuers. Die Anlage ist im Unterhalt auch dann teuer, wenn nichts passiert. Für einen einzigen der regelmässigen Tests blättert das Bundesamt für Strassen ASTRA, welches seit 2008 für diesen Streckenabschnitt zuständig ist, rund 25’ 000 Franken hin. Alleine für den Strom.

Ein stummer Vogelwald 

Ein Teil dieses Geldes wird durch die Vermietungen wieder hereingeholt. Neben viel Papier finden sich hier unten auch unzählige Tiere. Hyänen stehen mit Bären und Murmeltieren hinter demselben Gitter eingeschlossen; ein Feldhase lässt sich von den zum Biss ansetzenden Schneidezähnen des benachbarten Wolfes nicht beeindrucken. Schliesslich sind alle Exemplare dieser Sammlung schon ihren Tod gestorben. Das Zoologische Museum bewahrt hier ausgestopfte Tiere auf, die gerade nicht ausgestellt werden – und könnte damit locker ein zweites Museum füllen. Ein ganzer Raum ist nur Vögeln vorbehalten. Zu Hunderten sitzen sie im Regalwald, zwitschern aus voller Kehle stumm in den Kellerraum und spreizen die Flügel im fiktiven Flug. Eine Horrorvision à la Hitchcock gepaart mit der im Internet grassierenden Mannequin-Challenge.

Kein Milchbuck-Club 

Doch nicht nur unter dem Irchel finden sich unerwartete Schätze. Auch am Südportal beim Letten, dem breiten Ende des Tunnels, der nie einen Anschluss an eine Brücke fand, warten Lagerräume. Für die hohen Leerräume suchte man schon bei der Eröffnung Verwendung. Anfangs sollte ein Club einziehen. Der Liftschacht, der die exklusive Location mit dem darüberliegenden Schindlergut verbunden hätte, wurde schon gebohrt. Doch betrunkene Clubbesucher mit der benachbarten Fahrbahn zu paaren, war dem Kanton dann wohl doch zu heikel, und so fand hier über Jahre das Opernhaus einen Abstellplatz. Heute warten hier historische Feuerwehrautos auf ihren nächsten Auftritt bei der Dorfchilbi.

Unaufgeregt und mit der Ruhe eines Mannes, der schon seit 30 Jahren im Geschäft ist, führt Krismer durch das Ganggewirr. Trotzdem wird er beim Milchbuck persönlich: Schon Krismers Vater war damals beim Bau des Tunnels beteiligt. Ein letztes Mal klimpern die Schlüssel, als er die Türe zum Lagerraum schliesst. Der Verkehr rauscht vorbei, mit Warnlicht biegt Krismer aus der Nische in die Spur ein und fährt zum Autobahn-Stützpunkt zurück. Unter den Vögeln, den Büchern und Cola-Flaschen hindurch, die über ihm im Dunkeln harren.  ◊

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