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    Der letzte Europäer im Theater Neumarkt. (Foto: Barbara Braun, zvg.)

Der Europäer als Auslaufmodell

in Campus von

Vorgestern wurde Martina Clavadetschers Theaterstück «Der letzte Europäer» im Theater Neumarkt uraufgeführt. Darin dreht sich alles um einen unmündigen, längst den Kinderschuhen entwachsenen Jungen, der Europa dadurch zugrunde richtet, dass er seine Augen vor jeglicher Verantwortung verschliesst.

Alles ist sauber, alles ist still, der letzte Europäer (Maximilian Kraus) ruht, auf weisse Polster gebettet, in den Armen seiner Muttermaschine (Linda Olsansky). Der blasse junge Mann mit sauber gezogenem Scheitel lebt ein behagliches Leben «auf kleinstem Raum», nichts drängt ihn dazu sich zu bewegen, all seine Bedürfnisse werden durch die Muttermaschine gestillt: Morgens nimmt er ein Müsli «mit Nüssen und Honig» zu sich, danach genehmigt die Muttermaschine ihm einen kleinen Ausflug in den Park. Von Wohlstand gemästet und in einer seltsam heiteren Lethargie gefangen, trauert er weder der Realität noch der Selbstbestimmung nach. Aber draussen, soviel erfährt da Publikum, tobt der Krieg.

Was ist also geschehen, dass eine kärgliche Kunstwelt dem letzten Europäer bald realer erscheint als die echte Welt? Auf diese Frage präsentiert das Theaterstück eine einfache, aber dadurch umso erschreckendere Antwort: Die Angst (Elisabeth Rolli) geht um in Europa. Da taucht als Antagonist der Angst ein schmutziger und zerlumpt aussehender Hund auf. Dieser Hund wünscht sich, Nietzsche zitierend, das Chaos zurück: Ein Ort, der gleichermassen Konfrontation als auch Vision beherbergt. Aus Langeweile lässt sich die Angst schliesslich zu einer Wette mit dem aufsässigen Köter hinreissen: Der Hund wettet, dass er den letzten Europäer dazu anstiften könne, aus seinem engen Habitat auszubrechen.

Verstörender Kontakt mit der Aussenwelt

Siegesgewiss und gegen den Widerstand der Muttermaschine versucht der Hund den letzten Europäer zum Ausbruch zu verführen. Dieses Unterfangen gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht. Der Europäer hat sich längst der Aussenwelt verschlossen, bevor es dem Hund gelingt, das letzte Exemplar dieser Spezies aufzuwecken, wird es wieder vom betörenden Gesang des Chores der Angst eingelullt. Dennoch gelingt es dem Hund, wenigstens die Sehnsucht im letzten Europäer zu wecken: Gelockt von Erinnerungen, möchte er ans Meer fahren, zu einem kleinen, aus Holz gebastelten Katamaran und zu seinem Jungen. Es beginnt ein aussichtloses Ringen mit der engen, betäubenden Kunstwelt.

Zwischen Dystopie und Aktualität

Clavadetscher hat sich in ihrem Stück hohe Ziele gesetzt: Mit der Gestalt des letzten Europäers sollen Fragen von grosser Aktualität verhandelt werden. Durch den geradlinigen Plot mit pointierten Figuren und die schnörkellose, aber messerscharf entlarvende Sprache gelang ihr ein Theaterstück, welches zum Nachdenken anregt. Die Inszenierung allerdings ist nichts Besonderes und dies fällt hauptsächlich deswegen auf, weil sie sich immer wieder um Extravaganz bemüht. Kostüme und Maske sind bisweilen befremdlich schrill, auch vor effekthaschendem Geschrei wird nicht zurückgeschreckt. Dies verstärkt die Wirkung des Theaterstücks keineswegs, sondern lenkt vielmehr von der Handlung an sich und der eindrücklichen Darbietung der Schauspielerinnen und Schauspieler ab. «Der letzte Europäer» überzeugt in den leiseren Momenten des Stücks; dort wo die Grenze zwischen Dystopie und Aktualität ins Wanken gerät.

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