Trotzen Wind und Regen: Mitglieder des feministische Streikkollektiv der Zürcher Hochschulen (Bild: Stephanie Caminada).

Der Geschlechterungleichheit ein Ende setzen

in Campus von

Frauen in der Schweiz planen erstmals seit knapp 30 Jahren wieder einen landesweiten Streik im Sommer. Um auf die Anliegen aufmerksam zu machen, findet zurzeit eine feministische Aktionswoche an Zürcher Hochschulen statt.

Die Transparente wirbeln im Wind umher. Man fürchtet, die Hände, die sie halten, würden die Kontrolle über sie verlieren. Doch die Stoffe kämpfen gegen die Luft an – nutzen die Böen vielmehr. Sie blähen sich auf, um noch prominenter und selbstbewusster zu wirken. Sturm Bennet brachte am Montagmorgen Regen, aber er hatte keine Chance gegen den weiblichen Orkan, der am Horizont aufzieht. Denn die Frauen in der Schweiz planen einen Streik. Landesweit. Am 14. Juni, genau 28 Jahre nachdem die Frauenbewegung zum ersten Mal schweizweit lautstark und zahlreich auf die Strasse ging, um ihr längst überfälliges Stimmrecht einzufordern, wollen sie abermals «an ihre Rechte erinnern und ihre Rechte einfordern, für ihre Anliegen einstehen und diese verbalisieren», wie das Hochschulkollektiv des feministischen Frauenstreiks sagt.

Nur eine kleine Gruppe versammelte sich am Montagmorgen auf der Polyterrasse um das Auto mit Lautsprechern herum, obwohl sogar der Duft von heissem Kaffee aus dem Kofferraum strömte. Es war die Kundgebung zum Auftakt der feministischen Aktionswoche an den Zürcher Hochschulen. Die knapp 30 Personen kannten sich schon mehrheitlich von Sitzungen des Hochschulkollektivs des feministischen Frauenstreiks, waren Freundinnen von solchen, die mitmachen oder beteiligen sich in anderen feministischen Gruppen. Es waren jedenfalls zu wenige, als dass die Kundgebung des Hochschulkollektivs Wirkung hätte zeigen können.

Das Kollektiv setzt sich an allen Zürcher Hochschulen ein, damit diese etwas «von der feministischen Welle abbekommen», die zurzeit viele Länder, wie auch die Schweiz, erfasst. Bei der Kundgebung am Montag war es wegen des Wetters schon etwas «ungemütlich», wie einige der Teilnehmerinnen bemerkten. Doch das wollen sie genau sein – ungemütlich, kritisch, fordernd. Aus den Boxen ertönte Nina Simone’s Stimme, «I wish I could break all the chains holdin‘ me, I wish I could say all the things that I should say, Say ‚em loud say ‚em clear, For the whole ‚round world to hear». Und so sagen sie es dann auch laut und deutlich: «Wir wollen eine emanzipatorische Bildung, die hinterfragt und auch Menschen anderer Geschlechter miteinbezieht. Wir fordern eine Bildung, die alle befähigt, die heutige Ungleichheit zu verstehen, zu kritisieren und zu bekämpfen.»

Genug mit der Gutmütigkeit

Gerade mit den jüngsten Fällen von Mobbing und sexueller Belästigung an der ETH wurde wieder sichtbar, wie Machtverhältnisse an Hochschulen ausgenutzt werden können und dass Sexismus noch immer ein Thema ist. Deshalb sind viele aufgerüttelt worden, weil sie die Zustände unhaltbar finden. Das Hochschulkollektiv kritisiert insbesondere die Gleichstellungsstelle der ETH scharf: Diese mache «schlechte bis keine Arbeit». Das würde auch nicht verwundern, sei die Stelle doch von Personen besetzt, die nicht in diesem Bereich ausgebildet worden seien. «Respekt», die Kampagne der ETH als Antwort auf die Vorfälle, sei lediglich «Whitewashing», mit dem die ETH ihr Gesicht zu wahren versuche. Die Vorfälle würden bagatellisiert. Für die Anliegen von Betroffenen solcher Fälle steht das Kollektiv ein und kämpft für Transparenz. Es setzt sich aber auch insbesondere gegen die Unsichtbarmachung und Diskriminierung von nicht-binären Geschlechtern ein und fordert unter anderem Lohngleichheit, Chancengleichheit und eine Frauenquote bei Professuren und Doktoratsstellen.

«Wir sind der Meinung, dass die Zeit der Gutmütigkeit nun ein Ende hat. Wenn sich in 20 Jahren nichts bewegt hat, wird sich auch in den nächsten 20 Jahren nichts bewegen», sagt das Hochschulkollektiv. Natürlich nur, «wenn mir nüt degäge mached!» Am Frauenstreik im Juni sind Semesterferien, deshalb ist es dem Hochschulkollektiv wichtig, jetzt schon Veranstaltungen zu organisieren. So findet derzeit die feministische Aktionswoche statt. Diese dient als Vorbereitung für die Frauendemo am 8. März, aber auch zur Information und Vernetzung. Parallel laden Vertreter und Vertreterinnen des Mittelbaus zusammen mit dem Fachverein des Kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich zu Veranstaltungen ein und an den Kantonsschulen läuft ebenfalls eine feministische Aktions- und Informationswoche.

Eine Woche Feminismus

Die ganze Woche hindurch finden an verschiedenen Orten Podiumsgespräche, Workshops und Inputs statt. Unter anderem sind da Frauenrechtsaktivistin Zita Küng oder die soziokulturelle Aktivistin Rahel El-Maawi, die unter anderem für BlaSh, dem Netzwerk Schwarzer Frauen, tätig ist. Filmwissenschaftlerin Luisa Ricar diskutiert über Pornografie und Feminismus und Gülsha Adilji erklärt Marktfeminismus. Professorinnen und Professoren und wissenschaftliche Mitarbeitende der Uni sprechen über Darstellungen und Rollen von Frauen in der Kunst, Frauen als Künstlerinnen und feministische Theorien und Interpretationsansätze von Texten, Bildern und Filmmaterial.

Das Hochschulkollektiv sieht insbesondere auch ein Problem bei den Bildungsinhalten. «Wir lesen und lernen hauptsächlich Texte von und über weisse Männer aus der herrschenden Klasse». Doch die Theorien, Gedanken und Geschichten seien nicht die ihren. In der Kunsthistorischen Bibliothek wird mit diesem Gedanke feministischer Forschung und Literatur mit einer Bücherausstellung, einem Bücherwagen sowie einem Reader Platz eingeräumt.

Ein Must-see ist das Screening des Dokumentarfilms «Vessel», der das Projekt «Women on Waves» porträtiert, das im Jahre 2000 von Rebecca Gomperts, einer jungen Ärztin, initiiert wurde. Gomperts ist entsetzt über die Realitäten, die Abtreibungsgegner und deren Gesetze auf der ganzen Welt hinterlassen. Sie wirkt den Missständen entgegen, indem sie Aufklärung betreibt und Abtreibungen sowie medizinische Versorgungen auf einem Schiff ausserhalb des Hoheitsgewässers eines Landes, in dem Abtreibung illegal ist, anbietet. «Women on Waves» hat vor allem auch zum Ziel, Frauen zu ermächtigen, ihre Rechte auf physische und psychische Autonomie auszuüben. Immer wieder wird Gomperts mit staatlichen, religiösen und militärischen Schwierigkeiten konfrontiert, doch sie gibt nicht auf, ermutigt andere und kann ihr Untergrundnetzwerk zu einer weltweiten Bewegung mit Aktivisten und Aktivistinnen ausweiten.

Ein weiteres Highlight ist die Veranstaltung zu Rojava von Jineolojî. Jineolojî steht für die Wissenschaft der Frau. Das Wissen um die Frau soll von den Frauen selbst wiedererlangt werden und als emanzipatorische Kraft dienen. Mit ihr soll ein sozialer Wandel herbeigeführt und eine Gesellschaft basierend auf demokratischen, ökologischen, sozialen und feministischen Werten aufugebaut werden. Das Konzept wird Frauen in Kurdischen Gemeinschaftszentren in der Türkei und in Syrien nähergebracht, wo auch weiblichen Opfern häuslicher Gewalt geholfen wird. Die Bewegung, die von der Kurdischen Arbeiterpartei gefördert wird, ist zentral für die soziale Revolution, die in Rojava stattfindet. Diese wird auch als Frauenrevolution bezeichnet, «weil sie eine wahre Alternative zu dem patriarchalen Herrschaftssystem aufbaut», wie das Hochschulkollektiv schreibt. Die Veranstaltung wird vom Jineolojî Komitee Europa durchgeführt.

Die Woche kulminiert schliesslich in der Frauen*demo am Samstagnachmittag, die sich vom Hechtplatz aus durch die Stadt bewegen wird. Die kleine Gruppe, die sich am Montagmorgen zusammenfand, wird dann wohl nicht mehr ganz so überschaubar sein.

Bei der Kundgebung am Montagmorgen rannte ein männlicher Jogger über die Polyterrasse und rief den Aktivistinnen von weitem zu, «das ist nicht aktuell, was ihr hier macht». Ironischerweise beflügelte er mit seiner Aussage gerade das Gegenargument.

Die Aktionswoche des feministischen Streikkollektivs der Zürcher Hochschulen findet noch bis am 8. März statt. Die Veranstaltungen sind mit Ausnahmen offen für ftiq* (Frauen*Trans*Inter*Queer*). Das Programm findet man auf ihrer Website.

Das Programm der Kantonsschulen findet man hier.

1 Comment

  1. Ich finde es etwas schade, dass im Grossteil des Artikels nur von „Frauen“, „Freundinnen“, etc. die Rede ist. Non-binäre Menschen sind bei der /Organisation/ der Aktionswoche tragend, was in diesem Artikel m.E. zu wenig ersichtlich ist. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass auf vielen Flyern durchgehend gesternt* wird, und hier bloss am Ende darauf hingewiesen wird, dass Veranstaltungen auch für Andere als cis Frauen offen sind. Danke aber für die Berichterstattung.

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